Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Depressionen: Psychotherapie hat Vorrang vor Medikamenten

29.08.2013
In Deutschland gehören Depressionen laut Arzneimittelreport zu den häufigsten Diagnosen, gegen die Patienten ein Psychopharmakon erhalten.

Das steht im Widerspruch zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) jetzt anhand der Studienlage betont. Meist helfe eine Psychotherapie mehr – zumindest gegen leichte und mittelschwere Depressionen.

Auch bei der Behandlung schwerer Depressionen dürfe sie nicht fehlen, so die Fachgesellschaft. Die jetzt für das kommende Jahr aktualisierte Leitlinie empfiehlt deshalb allgemein Psychotherapie als geeignetes Mittel.

„Bei der Behandlung von Depressionen weicht der Alltag in deutschen Arztpraxen teilweise erheblich von den Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften ab“, sagt Professor Dr. med. Henning Schauenburg, Experte der DGPM und Facharzt für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Heidelberg. Während Ärzte dagegen zunehmend Antidepressiva verordnen, empfehlen internationale und nationale Leitlinien Psychotherapien, wie etwa die psychodynamische Therapie oder die Verhaltenstherapie.

Die deutsche Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“ führt zum ersten Mal nicht mehr die Arzneimittel-, sondern die Psychotherapie als Mittel der Wahl gegen leichte Depressionen an – also gegen länger anhaltende Antriebslosigkeit, geringes Selbstwertgefühl und Freudlosigkeit. Für mittelschwere Depressionen gilt demnach, dass kurzfristig Medikamente besser helfen, mittelfristig jedoch Psychotherapien zu größeren Erfolgen führen.

Das haben vor Kurzem Wissenschaftler in den Niederlanden mit einer Untersuchung an rund 100 Patienten bestätigt. Bei schweren Depressionen mit schweren Schlaf- und Antriebsstörungen sowie gravierenden Suizidgedanken muss laut Studienlage eine Psychotherapie die Behandlung mit Tabletten zumindest begleiten.

„Leider entsprechen diese Empfehlungen nicht der Realität in Deutschland“, bemerkt Henning Schauenburg. „Der Großteil der Patienten mit Depressionen wird in Hausarztpraxen behandelt, wo Medikamente verschrieben, aber keine Psychotherapien durchgeführt werden können.“ Das sei nicht unbedenklich, weil die ambulant am häufigsten verordneten Antidepressiva zahlreiche Nebenwirkungen hätten. Unter anderem könne es zu Unruhezuständen, aber auch zu Blutungen im Magen-Darm-Trakt und bei jungen Erwachsenen gelegentlich zu einer Steigerung des Suizidrisikos kommen. Im Gegensatz dazu führten Psychotherapien zu einer höheren Kooperationsbereitschaft der Patienten und sie wirkten nachhaltiger, weil die Patienten in ihnen Bewältigungsstrategien lernten, von denen sie auch nach der eigentlichen Behandlung profitieren könnten.

Laut Schauenburg sei zwar erfreulich, dass zum Beispiel die Zahl der Betten in psychosomatischen Kliniken in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren um rund 30 Prozent gestiegen ist. Patienten bekommen heute häufiger als früher eine Psychotherapie. „Dennoch muss angesichts langer Wartezeiten die Zahl der Psychotherapieplätze weiter erhöht werden, müssen Psychotherapien noch zugänglicher gemacht, beständig verbessert und flexibler gestaltet werden“, so der DGPM-Experte. Er rät Betroffenen, ihre behandelnden Ärzte nach einer Psychotherapie zu fragen. „Spätestens dann, wenn die Medikamente nach sechs Wochen keine Besserung bringen“, betont Schauenburg.

Literatur:
Jack Dekker: What Is the Best Sequential Treatment Strategy in the Treatment of Depression? Adding Pharmacotherapy to Psychotherapy or Vice Versa? Psychother Psychosom 2013;82:89–98, DOI: 10.1159/000341177

H. Schauenburg, T. Bschor: Sollten leichte Depressionen ausschließlich psychotherapeutisch behandelt werden? Pro; Nervenarzt 2013, 84:386–387, DOI 10.1007/s00115-012-3728-x

Arzneimittelreport Barmer GEK 2013: http://presse.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Presseinfo...

Zur S3-Leitlinie „Unipolare Depression“, derzeit in Aktualisierung, alte Fassung gültig bis Mai 2014: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-005.html

Über die DGPM:
Die DGPM ist jetzt die größte ärztliche Fachgesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie in der Bundesrepublik Deutschland und vertritt die über 4700 Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Sie ist im Jahr 2005 hervorgegangen aus der Verschmelzung der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin (DGPM) e. V., gegründet im Juni 1992, und der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (AÄGP) e. V., gegründet 1926. Die Fachgesellschaft setzt sich schulenübergreifend, d. h. psychodynamisch, wie auch verhaltenstherapeutisch für die Weiterentwicklung der Methoden und Forschung in der Psychotherapie und Psychosomatischen Medizin ein.
Kontakt für Journalisten:
Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM)
Pressestelle
Anne-Katrin Döbler, Christine Schoner
Postfach 30 11 20, 70451 Stuttgart
Tel: 0711 8931-573; Fax: 0711 8931-167
schoner@medizinkommunikation.org

Anne-Katrin Döbler | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgpm.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Erste Verteidigungslinie gegen Grippe weiter entschlüsselt
21.02.2018 | Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Neue Behandlung mit Immunglobulinen hilft gegen Entzündung der weißen Hirnsubstanz bei Kindern
21.02.2018 | Universität Witten/Herdecke

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

Aachener Optiktage: Expertenwissen in zwei Konferenzen für die Glas- und Kunststoffoptikfertigung

19.02.2018 | Veranstaltungen

Konferenz "Die Mobilität von morgen gestalten"

19.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste Verteidigungslinie gegen Grippe weiter entschlüsselt

21.02.2018 | Medizin Gesundheit

Der „heilige Gral“ der Peptidchemie: Neue Strategie macht Peptid-Wirkstoffe oral verfügbar

21.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Designvielfalt für OLED-Beleuchtung leicht gemacht

21.02.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics