Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum Betäubungspflaster mal wirken und mal nicht

24.01.2012
RUB-Forscher untersuchen Lidocain-Wirkung
Anzahl kleiner Nervenfasern könnte eine Rolle spielen

Über Nacht ein Pflaster auf die Haut und dann den ganzen nächsten Tag schmerzfrei sein: Für Patienten mit Nervenschmerzen ist das eine große Verheißung. Pflaster mit dem Wirkstoff Lidocain, die seit einigen Jahren auf dem Markt sind, können das – in vielen Fällen, aber leider nicht in allen.

Wie das Pflaster wirkt und warum es manchmal nicht wirkt, wollen Schmerzspezialisten am BG-Universitätsklinikum Bergmannsheil der RUB herausfinden. Sie untersuchten die Pflasterwirkung bei gesunden Probanden mit der sog. Quantitativen Sensorischen Testung.

Die Ergebnisse lassen vermuten, dass die betäubende Wirkung auch bei Gesunden individuell sehr unterschiedlich sein kann und unter anderem mit der Anzahl der Nervenfasern zusammenhängt, die sich in der Haut befinden. Die Forscher berichten in der aktuellen Ausgabe des Journals „PAIN“.

Pflaster wirkt nur, wo es gebraucht wird

Den Wirkstoff des Pflasters, Lidocain, kennt man zum Beispiel vom Zahnarztbesuch; er wird häufig für kleinere Eingriffe zur örtlichen Betäubung eingesetzt. „Ein großer Vorteil der Anwendung per Pflaster über die Haut ist, dass der Wirkstoff nicht auf den gesamten Organismus wirkt, sondern nur dort, wo er gebraucht wird, und somit kaum Nebenwirkungen erzeugt“, erklärt Dr. Elena Krumova aus der Abteilung für Schmerztherapie im Bergmannsheil (Leitung: Prof. Dr. Christoph Maier). Die Pflaster, die für die Behandlung von Nervenschmerz nach einer Gürtelrose (Herpes Zoster) zugelassen sind, können auf die gewünschte Größe zugeschnitten werden und werden zwölf Stunden lang über Nacht aufgeklebt. „Im günstigen Fall ist der Patient dann den ganzen nächsten Tag lang schmerzfrei“, so Dr. Krumova. Bei manchem Patienten funktioniert das aber nicht.
Wahrnehmungstests vor und nach der Pflasterbehandlung

Daher gingen die Forscher der Wirkweise des Pflasters auf den Grund. Sie behandelten 26 gesunde Versuchspersonen sechs Stunden lang mit dem Pflaster und einem wirkstofffreien Placebo-Pflaster und führten vorher und nachher eine Quantitative Sensorische Testung durch. Bei diesem Verfahren geben die Ärzte dem Probanden genau definierte Reize auf die Haut – zum Beispiel mit Pinseln, Watte, Nadeln, Hitze – und bestimmen die Wahrnehmungs- und Schmerzschwellen. Es ergibt sich ein charakteristisches Profil, das bei Schmerzpatienten Rückschlüsse auf die zugrundeliegenden Mechanismen zulässt, die den Schmerz hervorrufen.
Erhebliche Unterschiede in der Wirksamkeit

Lidocain veränderte hauptsächlich die Wahrnehmung, die über kleine Nervenfasern in der Haut vermittelt wird, wie zum Beispiel die Wahrnehmungsschwelle für Wärme. Das Ausmaß der Betäubung kleiner Nervenfasern war aber von einer zu anderen Versuchsperson sehr verschieden. Bei über die Hälfte der Probanden (54%) veränderte sich die Wahrnehmungsschwelle für Hitze kaum, bei 8% sehr stark. „Wir brauchen weitere Studien, um Faktoren zu finden, die diese großen Unterschiede erklären“, so Dr. Krumova. Die Mediziner vermuten, dass die Anzahl der kleinen Nervenfasern in der Haut Einfluss auf die Wirksamkeit von Lidocainpflastern haben könnte. „Bei Patienten mit Nervenschmerz sind diese Fasern mal stärker, mal weniger stark reduziert“, erklärt Dr. Krumova, „das könnte den Effekt erklären.“
Titelaufnahme

Elena K. Krumova, Martina Zeller, Andrea Westermann, Christoph Maier: Lidocaine patch (5%) produces a selective, but incomplete block of Ad and C fibers. In: PAIN 153 (2012) 273-280, DOI: 10.1016/j.pain.2011.08.020

Weitere Informationen

Dr. Elena Krumova, Abteilung für Schmerztherapie, BG-Universitätsklinikum Bergmannsheil, Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum, Tel. 0234/302-0, E-Mail: elena.krumova@rub.de

Redaktion: Meike Drießen

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verbesserte Heilungschancen durch individualisierte Therapie bei Hodgkin Lymphom
23.10.2017 | Uniklinik Köln

nachricht Aktuelle Therapiepfade und Studienübersicht zur CLL
20.10.2017 | Kompetenznetz Maligne Lymphome e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Salmonellen als Medikament gegen Tumore

HZI-Forscher entwickeln Bakterienstamm, der in der Krebstherapie eingesetzt werden kann

Salmonellen sind gefährliche Krankheitserreger, die über verdorbene Lebensmittel in den Körper gelangen und schwere Infektionen verursachen können. Jedoch ist...

Im Focus: Salmonella as a tumour medication

HZI researchers developed a bacterial strain that can be used in cancer therapy

Salmonellae are dangerous pathogens that enter the body via contaminated food and can cause severe infections. But these bacteria are also known to target...

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Konferenz IT-Security Community Xchange (IT-SECX) am 10. November 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Luftfracht

23.10.2017 | Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Magma sucht sich nach Flankenkollaps neue Wege

23.10.2017 | Geowissenschaften

Neues Sensorsystem sorgt für sichere Ernte

23.10.2017 | Informationstechnologie

Salmonellen als Medikament gegen Tumore

23.10.2017 | Biowissenschaften Chemie