Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Besonders sicherer Herzkathetereingriff für Kinder und Jugendliche

17.11.2010
Ein großer Schritt nach vorne - besonders sicherer Herzkathetereingriff ohne Strahlenbelastung bei Kindern und Jugendlichen

Herzspezialisten und Elektrophysiologen am Universitätsklinikum Tübingen ist es erstmals in Deutschland gelungen, Herzrhythmusstörungen ohne Röntgenbelastung besonders sicher zu behandeln, indem Sie ein neues Verfahren nutzten, das den Anpressdruck des Katheters an den Herz- und Gefäßwänden kontrolliert.

Der Eingriff wurde im Oktober an einer 16-jährigen Patientin durchgeführt. Damit kann das röntgenfreie Verfahren, das wegen der fehlenden Strahlenbelastung besonders für Kinder attraktiv ist, sicher durchgeführt werden. Ohne Anpressdruckkontrolle besteht immer die Gefahr, die Herzwand zu verletzen.

Das verwendete System zur Kontrolle des Kathetereingriffs misst mit Sensoren die Anpresskraft des Katheters und ermöglicht die dreidimensionale Verfolgung des Vorgangs. Es kann in Zukunft auch bei der Katheterablation von Herzrhythmusstörungen bei Schwangeren zum Einsatz kommen.

- Was ist eine Herzrhythmusstörung?
Wenn wir uns anstrengen oder aufregen, schlägt unser Herz schneller, in Ruhe langsamer. Solche Herzfrequenzschwankungen sind normal, besonders bei Kindern. Bei Herzrhythmusstörungen gerät der Herzschlag jedoch grundlos „aus dem Takt“, d.h. das Herz schlägt zu langsam, zu schnell oder unregelmäßig. Von einer Erkrankung sprechen die Ärzte dann, wenn das Herz ohne erkennbaren Anlass aus dem Takt gerät und in seiner Funktion beeinträchtigt ist. Oft zeigen sich solche Herzrhythmusstörungen bereits im Babyalter.

Die Ursache für die Störungen liegt oft bei den Leitungsbahnen im Herz. Im Durchschnitt schlägt das Herz 70 bis 80 mal in der Minute. Dieser gleichmäßige Herzschlag wird von einem Taktgeber (dem sogenannten Sinusknoten) im Herz gesteuert, der elektrische Impulse abgibt, die über das Reizleitungssystem an die Arbeitsmuskulatur des Herzens weitergegeben werden. Wenn der elektrische Impuls nicht den richtigen Weg nimmt, sondern z.B. auch über Nebenbahnen geleitet wird, kann es zu Herzrhythmusstörungen kommen.

- Wie werden Herzrhythmusstörungen behandelt?
Herzrhythmusstörungen können in jedem Lebensalter auftreten, auch bei Kindern und Jugendlichen. Eine Heilung ist durch die Beseitigung der Ursache mit Hilfe der „Katheterablation“ möglich. Dabei wird mit einem Katheter im Herz gezielt jenes Gewebe stillgelegt, das den Herzschlag aus dem Takt bringt. Der Katheter, der die überflüssigen Nervenleitungsbahnen mit Hochfrequenzstrom verödet, wird dabei meist über eine Leistenvene bis zum Herz vorgeschoben. Hier ist es für den behandelnden Herzspezialisten äußerst wichtig, den Katheter sicher durch den Körper ins Herz zu führen. Deshalb wird die Position des Kathethers über Röntgenaufnahmen genauestens verfolgt.
- Worin liegt der Fortschritt der neuen Behandlungsform?
Wie oben erklärt, werden zur Katheterkontrolle praktisch immer Röntgenstrahlen eingesetzt. Dies geht mit einer bestimmten Strahlenbelastung einher, die vor allem bei Kindern unerwünscht ist.

Einen weiteren Schritt stellen röntgenfreie Katheterablationen dar, bei denen der Kardiologe sich auf sein Tastgefühl verlässt, um den Katheter durch den Körper bis ins Herz und dort an die richtige Stelle zu bringen. Bei dieser Art des Herantastens hängt die Höhe des Anpressdrucks des Katheters an die Gefäß- und Herzwände allein vom Tastgefühl und der Expertise des katheterführenden Arztes ab.

Am Universitätsklinikum Tübingen kommt jetzt ein Verfahren zum Einsatz, das sowohl röntgenfrei ist als auch eine zusätzliche hohe Sicherheit durch die Messung des Anpressdruckes an die Herz- und Gefäßwände bietet. Dies konnte jetzt von den Rhythmusexperten Dr. Gunter Kerst und Privatdozent Dr. Jürgen Schreieck, Leiter der Elektrophysiologie, gezeigt werden. Das Verfahren kam bei der Katheterablation einer 16-jährigen Patientin mit einer „Doppelung“ in einem Teil des Reizleitungssystems (dem sogenannten AV-Knoten) zum Einsatz.

- Wie arbeitet das neue System?
Durch die Verwendung des neu entwickelten TactiCathTM-Katheters (Firma Endosense), der die Anpresskraft der Katheterspitze kontinuierlich misst, kann das Herz auch völlig ohne Röntgenstrahlen vorsichtig und sicher abgetastet werden. Die behandelnden Ärzte können die Katheterspitze millimetergenau auf der zu unterbrechenden Leitungsbahn platzieren und mit einem 3D-Lokalisationssytem (EnSite NavXTM, Firma St. Jude Medical) dreidimensional verfolgen.

„Die wenigen bisher weltweit beschriebenen röntgenfreien Katheterablationen wurden ohne die Messung der Anpresskraft der Katheterspitze durchgeführt. Wir halten die Anpresskraftkontrolle für die Patientensicherheit für notwendig. Außerdem verspricht der Katheter den mittelfristigen Ablationserfolg zu verbessern“, so die beiden Ärzte des Tübinger Universitätsklinikums, und „das Verfahren lässt sogar die Katheterablation von Herzrhythmusstörungen bei Schwangeren prinzipiell möglich erscheinen.“

Ansprechpartner für nähere Informationen

Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Abteilung II, Pädiatrische Kardiologie, Pulmologie und Intensivmedizin
Hoppe-Seyler-Str. 1, 72076 Tübingen
Dr. Gunter Kerst, Oberarzt
Telefon 07071/29-8 37 81 (über Pforte Kinderklinik)
Fax 07071/29-56 93
gunter.kerst@med.uni-tuebingen.de
Universitätsklinikum Tübingen
Medizinische Klinik
Abteilung III, Kardiologie und Kreislauferkrankungen
Otfried-Müller-Str. 10, 72076 Tübingen
Privatdozent Dr. Jürgen Schreieck, Leiter Elektrophysiologie
Telefon 07071/29-8 31 53
Fax 07071/29-44 86
Juergen.Schreieck@med.uni-tuebingen.de

Dr. Ellen Katz | idw
Weitere Informationen:
http://www.medizin.uni-tuebingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf
06.12.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie