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Vitamin D schützt vor Krebs

07.05.2002


Vitamin D schützt vor Krebs, nicht nur vor Rachitis und Osteoporose, wie zahlreiche neuere Forschungsarbeiten zeigen. Zu diesem Thema wurde nun am Donnerstag und Freitag (3. und 4. Mai) in Homburg/Saar ein internationales Symposium abgehalten. Auf Einladung der Privatdozenten Dr. Jörg Reichrath (Hautklinik) und Dr. Michael Friedrich (Frauenklinik) und der jeweiligen Klinikdirektoren Prof. Dr. Wolfgang Tilgen (Hautklinik) und Prof. Dr. Werner Schmidt (Frauenklinik) berichteten die führenden Experten aus aller Welt über ihre neuesten Untersuchungsergebnisse zur Rolle von Vitamin D-Analoga bei der Prävention und Therapie von Krebserkrankungen. Zu den neuen Erkenntnissen über die bislang völlig unterschätzte Bedeutung von Vitamin D konnten die Homburger Wissenschaftler Reichrath und Friedrich maßgeblich beitragen. Nachfolgend vermitteln sie einen Überblick über den gegenwärtigen Erkenntnis-Stand, wie er sich nach dem von ihnen organisierten Ersten Internationalen Symposium "Vitamin D Analogs in Cancer Prevention and Therapy" der Universitätskliniken des Saarlandes in Homburg darstellt.

Vitamin D, klassische Wirkung sowie Bedeutung Chancen und Perspektiven für die Gesundheitsprophylaxe

Vitamin D, allgemein bekannt als das "Sonnenschein-Vitamin", ist kein Vitamin im eigentlichen Sinn, sondern ein Hormon. Der Begriff Vitamin wurde ihm fälschlicherweise zugeordnet, nachdem man schon sehr früh feststellte, dass diese im Lebertran enthaltene Substanz bei Kindern Rachitis verhindern bzw. heilen kann. Vitamin-D-Mangel ist weit verbreitet und in seiner Häufigkeit, aber auch in seiner Konsequenz für die Gesundheit bislang unterschätzt.
Ein schwerer Vitamin-D-Mangel besteht häufig im Winter. Wichtigste Ursache hierfür ist die in unseren Breiten relativ geringe UV-Strahlung, so dass zwischen Oktober und März oft zu wenig Vitamin D in der Haut gebildet wird. Im Frühling und Sommer wird wegen der Gefahr von Hautkrebs der direkte Kontakt mit der Sonne häufig gemieden - ein echtes Dilemma, denn bis zu 90% des benötigten Vitamin D wird in der Haut mit Hilfe der Sonne gebildet. Auch das in Sonnenstudios verwendete UV-A Licht führt nicht zur Vitamin D Bildung in der Haut. Die Möglichkeit, Vitamin-D über Nahrungsmittel aufzunehmen, ist sehr begrenzt: Neben Lebertran ist Vitamin D nur in wenigen weiteren Nahrungsmitteln wie beispielsweise im Fleisch einiger Fischarten (z.B. Lachs und Makrele) enthalten. Es bleibt daher vielfach nur die pharmakologische Substitution.

Risikogruppen

Betroffen vom Vitamin D - Mangel können generell alle Bevölkerungsgruppen sein. Einem besonderen Gesundheitsrisiko sind aber vor allem ältere Menschen ausgesetzt und Menschen mit stärkerer Hautpigmentierung. In beiden Gruppen ist die Fähigkeit zur Vitamin D - Produktion in der Haut relativ gering. Auch Säuglinge und Kleinkinder sind einem erheblichen Risiko ausgesetzt. Diese Problematik scheint sich vor allem in Bevölkerungsgruppen mit dunklerer Hautfarbe zu verschärfen. Leiden stillende Mütter an schwerem Vitamin-D-Mangel sind in der Muttermilch keine adäquaten Mengen an Vitamin D vorhanden. Fettleibige Menschen leiden häufig ebenfalls unter Vitamin-D-Mangel und in Konsequenz an sekundärem Hyperparathyreoidismus (Überaktivität der Nebenschilddrüse) und Osteomalazie (Minerali-sationsdefekt im Knochen). Der Grund hierfür liegt im hohen Gehalt an Körperfett, das Vitamin D, ein fettlösliches Hormon, sehr effizient bindet und dadurch aus dem Blut entfernt.

Vitamin D schützt vor Krebs

Neuere Ergebnisse zeigen, dass die biologisch aktive Form des Vitamin D, das 1,25-Dihydroxyvitamin D, nicht nur in der Niere gebildet wird, sondern auch in einer ganzen Reihe verschiedener Gewebe. In diesen Geweben reguliert 1,25-Dihydroxyvitamin D über die Bindung an spezifische Zellkernrezeptoren lokal über autokrine/parakrine Mechanismen das Zellwachstum. Einerseits wird so die Zellproliferation gehemmt, andererseits die Zellreifung induziert. Neuere Untersuchungsergebnisse sprechen dafür, dass diese Mechanismen in zahlreichen Geweben einer Krebsentstehung vorbeugen. Eine ganze Reihe von Studien bestätigen den Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und Dickdarm-, Prostata- und Brustkrebs: Diese Krebsarten treten signifikant häufiger auf in höheren Breitengraden, also dort, wo aufgrund einer geringeren Sonneneinstrahlung auch weniger Vitamin D in der Haut gebildet wird. Zusätzlich zeigen Studien, dass bei einer ausreichenden Vitamin-D-Versorgung (d.h. der Hauptmetabolit 25-Hydroxyvitamin-D hat eine Blutkonzentration von > 20 ng/mL) das Risiko für unterschiedliche Krebsarten (u.a. Dickdarmkrebs) deutlich reduziert ist.
Die Tatsache, dass die meisten Körpergewebe nicht nur 1,25-Dihydroxyvitamin D über eigene Rezeptoren erkennen, sondern auch über die enzymatische Kapazität verfügen es zu bilden (aus 25-Hydroxyvitamin-D), lässt den Schluss zu, dass Vitamin D ein zentrales Hormon mit schützender Wirkung auch bei anderen Krankheiten ist. So zeigen Studien eine Bedeutung des Vitamin-D-Mangel in Zusammenhang mit Typ I Diabetes, Multipler Sklerose sowie Rheumatischer Arthritis. Diskutiert wird hierbei eine zentrale Bedeutung von 1,25-Dihydroxyvitamin D für das Immunsystem.

Die schützende Rolle von Vitamin D spielt darüber hinaus in zahlreichen Geweben eine wesentliche Rolle zur Vorbeugung gegen Alterungsvorgänge, auch in der Haut gegen UV-bedingte Schädigungen. Somit stellen Vitamin D Analoga aussichtsreiche Substanzen für einen Einsatz in der "Anti-Aging Therapie" dar.

Vitamin-D-Mangel und seine weitreichenden Folgen

Neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Vitamin-D-Forschung zeigen die Bedeutung einer ausreichenden Vitamin-D-Versorgung für die Gesundheit auf. Chronischer Vitamin-D-Mangel führt im Knochen zu einem Mineralisationsdefekt: Rachitis bei Kindern, Osteomalazie - auch Rachitis der Erwachsenen genannt - und Osteoporose (Verlust an Knochenmasse) bei Frauen und Männern sind die Konsequenzen. Die Häufigkeit der Osteoporose hat in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Untersuchungen zeigen, dass 50% aller Frauen, aber auch 12% aller Männer im Laufe ihres Lebens eine osteoporotische Fraktur erleiden. In der Prophylaxe und Behandlung der Osteoporose zeigt sich immer wieder, dass die Zusammenhänge zwischen Osteoporose und Vitamin-D- Mangel nicht ausreichend bekannt sind. Häufig wird in diesem Zusammenhang nur auf eine verbesserte Calcium Versorgung geachtet. Dabei wird vergessen, dass eine optimale Calcium Resorption im Darm nur bei ausreichender Vitamin-D- Versorgung stattfinden kann. Im Zusammenhang mit Vitamin-D-Mangel werden häufig eine Schwächung der Muskulatur sowie Muskelschmerzen diagnostiziert. In Studien mit Vitamin-D-Substitution bei älteren Menschen konnte gezeigt werden, dass durch eine adäquate Vitamin-D-Versorgung eine Erhöhung des Muskelspannung erzielt wurde. Kürzlich wurde ebenfalls nachgewiesen, dass Vitamin-D-Analoga erhöhte Blut-druckwerte absenken können.

Vitamin-D-Status: Wie viel Vitamin D braucht der Mensch?

Vitamin-D-Mangel kann durch die Messung von 25-Hydroxyvitamin D im Blut erfasst werden. Die Normbereiche werden in der Literatur mit ca. 10-60 ng/mL angegeben. Werte unter 10 ng/mL müssen als schwerer Vitamin-D-Mangel eingestuft werden. Neuere Studien zeigen allerdings, dass bereits bei Werten zwischen 10 und 20 ng/mL von einem Vitamin-D-Mangel gesprochen werden muss, da in diesen Fällen sich häufig eine Überaktivität der Nebenschilddrüse bemerkbar macht. Für 25-Hydroxyvitamin D sollte im Hinblick auf die Knochengesundheit 20 ng/mL als Mindestwert angesehen werden. Zur Vorbeugung von Krebs wird jetzt von verschiedenen Experten sogar ein Mindestwert von 25-30 ng/mL empfohlen. Auch ein Einsatz von Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel (z.B. Milch) erscheint durchaus sinnvoll. Dazu fehlen in Deutschland zur Zeit allerdings die rechtlichen Voraussetzungen. Erfolgt eine medikamentöse Vitamin D - Substitution sollte generell ein Zielbereich von 25-45 ng/mL angestrebt werden. Hierbei wird eine zweimalige Kontrollmessung pro Jahr empfohlen.

Ausblick - Perspektiven eines pharmakologischen Einsatzes von Vitamin D

Vitamin-D-Analoga werden aufgrund ihrer Wachstums-hemmenden Wirkung in der Dermatologie seit vielen Jahren mit gutem Erfolg zur äußerlichen Behandlung vieler Erkrankungen wie der Schuppenflechte eingesetzt. Bislang war eine innerliche Behandlung (z.B. Tablettengabe) dieser Pharmaka jedoch wegen des Auftretens von Nebenwirkungen (insbesondere auf den Kalziumstoffwechsel) nur sehr eingeschränkt möglich. Neuere Forschungsergebnisse haben jetzt jedoch zur Entwicklung neuer Vitamin-D-Analoga mit deutlich günstigerem Wirkungs/Nebenwirkungsprofil geführt. Erste klinische Untersuchungsergebnisse belegen vielversprechende Perspektiven für einen therapeutischen Einsatz dieser Pharmaka bei zahlreichen Krebsarten.

Literatur:
M.F. Holick: Vitamin D: The Underappreciated D-lightful Hormone that is Important for Skeletal and Cellular Health. Current Opinion in Endocrinology and Diabetes 2002, 9 (1), 87-98.
J. Reichrath: Will Analogs of 1,25-Dihydroxyvitamin D (Calcitriol) Open a New Era in Can-cer Therapy? Onkologie 2001, 24, 128-133.
M. Friedrich: Vitamin D and Breast Cancer: New Approaches for Hormonal Therapy of Breast Cancer. Editorial Article. Clin Exp Obstet Gyn 2000; 27(2): 77-82.

Kontakt:
Priv. Doz. Dr. med. Jörg Reichrath, Tel. 06841/162-23819,
E-Mail: hajrei@krzsun.med-rz.uni-saarland.de

Dr. Manfred Leber | idw

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