Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schmerzfrei unter Hypnose - weil die Kommunikation im Gehirn gestört ist

17.07.2000


Klinische Psychologen der Universität Jena haben mit Hilfe von EEG untersucht, warum einige Patienten/Probanden unter Hypnose keine oder kaum Schmerzen empfinden. Ein Team um Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner konnte zeigen, dass Schmerzimpulse durchaus im Gehirn registriert werden, die gehirnphysiologische Verarbeitung der Signale jedoch unter Hypnose derart gestört wird, dass die Informationen quasi nicht zusammenlaufen, folglich keine "Alarmreaktion" ausgelöst wird. Die Erkenntnisse aus diesen Studien will Miltners Arbeitsgruppe nun nutzen, um objektive Messverfahren für die Bewusstseinstiefe zu entwickeln, die insbesondere für die Anästhesie bei Operationen - mit herkömmlichen Narkosemitteln - sehr hilfreich wären.

Jena (17.07.00) Der Fakir auf seinem Nagelbrett spürt keinen Schmerz. "Wir alle kennen Bilder von Menschen, die sich unter Selbsthypnose ihre Haut mit Spießen durchbohren", erinnert Wolfgang Miltner. "Dabei blutet die Wunde kaum, und der Proband zeigt keinerlei Schmerzsymptome." Taugt also Hypnose als Anästhesieersatz für ernsthafte Operationen? - "Ich kenne Zahnärzte, die hypnotisierten Patienten Weißheitszähne extrahieren", berichtet der Klinische Psychologe, "für verhältnismäßig kleine Eingriffe ist diese medikamentenfreie Technik bei manchen Patienten sicherlich tauglich." Wie aber wirkt sie, was spielt sich im Gehirn hypnotisierter Menschen ab? - Prof. Wolfgang H. R. Miltner und sein Team an der Friedrich-Schiller-Universität Jena gingen diesen Fragen in mehreren umfangreichen Studien nach.

"Natürlich haben wir keinem unserer 120 Probanden einen Zahn ausgerissen", meint er schmunzelnd, "sondern wir haben sie mit einem elektrischen oder Laserhitzereiz auf die Hand stimuliert." Schmerzen, so stellte sich heraus, sind ganz subjektive Erfahrungen. Ihre Wahrnehmung und Einschätzung hängt vor allem von den Probanden selbst und ihrer augenblicklichen Situation ab. "Wir haben alle Teilnehmer in unseren Studien genau befragt, wie sie den Reiz einschätzen", so Miltner, "die Reaktionen auf physikalisch absolut identische Impulse waren schon im ,wachen Zustand’ höchst unterschiedlich."

Die Jenaer Psychologen experimentierten dann alternativ mit Hypnose und der so genannten Aufmerksamkeitsablenkung. Das ist ein Trick, den auch Ärzte anwenden, wenn sie einen Patienten in den Arm kneifen, während sie zum Beispiel eine schmerzhafte Spritze in die Bauchdecke verabreichen. "Beide Techniken führten dazu, dass Schmerzreize weniger intensiv wahrgenommen und unter Hypnose teilweise überhaupt nicht mehr registriert werden", fasst Miltner die Ergebnisse zusammen. In einer nächsten Staffel gingen die Wissenschaftler dem Phänomen mit der Elektroenzephalographie (EEG) weiter auf den Grund. Bis zu 128 Elektroden, über den gesamten Kopf verteilt, zeichneten die neuronalen Aktivitäten im Gehirn bei der Schmerzverarbeitung auf.

... mehr zu:
»Hypnose »Schmerzreiz

Bereits nach 150 bis 260 Millisekunden löst der externe Reiz starke Gehirnaktivitäten aus, der gesamte Prozess dauert gerade 1,4 Sekunden. Die Amplitude bei den hoch sensiblen Messverfahren wird allein von der subjektiven Schmerzverarbeitung bestimmt. Beide Methoden - Hypnose und Aufmerksamkeitsablenkung - sind indes gehirnphysiologisch sehr unterschiedlich zu bewerten. "Eine Aufmerksamkeitsablenkung irritiert bereits die Informationsvorverarbeitung im Hirnstamm, so dass nur ein geringer Teil der Information das Gehirn erreicht", stellte Miltners Team fest. "Bei Hypnose jedoch gelangt die volle Information zur Gehirnrinde." Dort aber wird ihre weitere Verarbeitung blockiert. Miltner: "Unsere Aufnahmen zeigen, dass in den verantwortlichen Hirnregionen hohe neuronale Aktivitäten herrschen, die Schmerzreize aber quasi keine Alarmreaktion auslösen."

Warum das so ist, haben die Jenaer Psychologen noch nicht bis ins letzte Detail ergründet. Sie vermuten aber, dass Hypnose - genauso wie eine Anästhesie mit Narkosemitteln - die gehirninterne Kommunikation stört oder sogar unterbindet. "Wahrnehmungen, also auch Schmerzreize, werden deshalb im Gehirn so schnell verarbeitet, weil dabei mehrere Areale parallel zuständig sind", weiß Miltner. "Wir vermuten, dass unter Hypnose die Informationen im Cortex nicht mehr ,normal’ zusammenlaufen." Für diese Theorie sprechen auch die bisherigen Untersuchungsergebnisse.

Auf deren Basis will Miltners Jenaer Team im nächsten Schritt Methoden entwickeln, um die Bewusstseinstiefe von Probanden und Patienten objektiv feststellen zu können. Dabei dient den Forschern die Hypnose als Vehikel. Nun sollen die Arbeiten zusätzlich in eine dezidierte Anästhesie-Forschung einmünden. "Die Ärzte im OP haben nur die Vitalfunktionen des Patienten im Blick", erklärt Prof. Miltner, "sie wissen jedoch nicht genau, wie weit sein Schmerzempfinden wirklich ausgeschaltet ist." Rund drei Promille der Patienten, so schätzen Experten, können das Operationsgeschehen mehr oder weniger bewusst wahrnehmen, sich aber aufgrund der muskellähmenden Medikamente selber nicht bemerkbar machen. Ein Verfahren, das objektiv die Bewusstseinstiefe "messen" kann, schüfe hier Abhilfe.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena


Tel.: 03641/945140, Fax: 945142
E-Mail: miltner@biopsy.uni-jena.de

Friedrich-Schiller-Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Wolfgang Hirsch
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel.: 03641/931031
Fax: 03641/931032
E-Mail: h7wohi@sokrates.verwaltung.uni-jena.de

Dr. Wolfgang Hirsch |

Weitere Berichte zu: Hypnose Schmerzreiz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Wachablösung im Immunsystem: wie Dendritische Zellen ihre Bewaffnung an Mastzellen übergeben
16.11.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

nachricht Wie Lungenkrebs zur Entstehung von Lungenhochdruck führt
16.11.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte