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Krebs bei Türken in Deutschland nimmt zu

16.04.2002


Der Bedarf an Information und Aufklärung ist groß

Türken in Deutschland verstarben bislang seltener an Krebs als deutsche Mitbürger der gleichen Altersgruppe. Ausnahme: Leukämien und Lymphome. Das ist das überraschende Ergebnis einer Untersuchung von Wissenschaftlern in Heidelberg und Bielefeld, die die Deutsche Krebshilfe unterstützt hat. Der Trend geht nun jedoch dahin, dass in Deutschland lebende Türken zunehmend an Krebs versterben und insbesondere auch solche Tumoren entwickeln, die bei Deutschen rückläufig sind. Krebs ist also auch bei türkischen Migranten eine wichtige Todesursache. Die Wissenschaftler fordern daher gezielte Aufklärungsmaßnahmen für diese Gruppe. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden kürzlich im "European Journal of Cancer" veröffentlicht.

Auf der Suche nach Arbeit sind zwischen 1960 und 1973 zahlreiche Menschen hauptsächlich aus der Türkei und südeuropäischen Ländern nach Deutschland gekommen. Viele der so genannten Gastarbeiter blieben sehr viel länger als ursprünglich geplant: Deutsche Arbeitgeber wollten und konnten auf ihre Arbeitskräfte nicht mehr verzichten, und auch für die Arbeitsmigranten war der Aufenthalt in Deutschland wirtschaftlich von Vorteil. So zogen häufig auch die Familien nach. Heute leben etwa zwei Millionen Menschen türkischer Nationalität in Deutschland. Sie stellen damit die größte Gruppe unter den etwa sieben Millionen Bürgern nicht-deutscher Nationalität im Lande dar. Die Folge: In Deutschland nimmt die Zahl älterer Menschen türkischer Nationalität stetig zu. Daher erkranken und sterben zunehmend mehr Türkinnen und Türken an Krankheiten, die typisch für die mittleren und höheren Lebensjahre sind. Dazu gehören auch die Krebserkrankungen.

"Für die Planung und Ressourcenverteilung im deutschen Gesundheitswesen sind Kenntnisse über die Krebssterblichkeit dieser großen Einwanderungsgruppe bedeutsam", so Dr. Hajo Zeeb, Arbeitsgruppe Epidemiologie und Medizinische Statistik der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. "Bisher gab es kaum differenzierte epidemiologische Daten für spezielle Nationalitätengruppen in Deutschland". In einem Projekt, das die Deutsche Krebshilfe mit rund 13.000 Euro gefördert hat, analysierte Dr. Zeeb Daten der Statistischen Landesämter aus den alten Bundesländern für die Jahre 1980 bis 1997. Er arbeitete dabei mit Dr. Oliver Razum, Abteilung für Tropenhygiene und öffentliches Gesundheitswesen des Klinikums der Universität Heidelberg, zusammen.

Das Ergebnis: Mit Ausnahme der Leukämien und Lymphome versterben türkische Migranten insgesamt seltener an Krebs als Deutsche. "Dies erstaunt uns angesichts ihres oft niedrigeren sozio-ökonomischen Status", so Dr. Zeeb. "Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Arbeitsmigranten während ihrer Kindheit und Jugend im Herkunftsland anderen Risikofaktoren ausgesetzt waren. Von abnehmender Bedeutung dürfte hingegen sein, dass ernsthaft erkrankte Migranten in ihr Herkunftsland zurückkehren, da ihre Familien ja mittlerweile meist in Deutschland leben".

Langsam aber stetig nähern sich jedoch die Krebssterberaten der Türken in Deutschland denen der deutschen Bevölkerung an. Die in Deutschland lebenden Türken entwickeln dabei häufig auch solche Krebsformen, die bei Deutschen rückläufig sind. Dazu gehören beispielsweise Krebserkrankungen des Magens und der Lunge. "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Krebserkrankungen ein zunehmend bedeutsames Gesundheitsproblem und eine wichtige Todesursache bei Türken in Deutschland sind", konstatiert Dr. Zeeb.

Was lässt sich daraus für die Krebsprävention ableiten? Dr. Zeeb: "Wir brauchen mehr Informationsmaterial speziell für türkische Mitbürger. Darüber hinaus ist es notwendig, Migranten grundsätzlich in epidemiologische Forschungsprojekte miteinzubeziehen". Da Türkinnen und Türken in Deutschland relativ häufiger an Lymphomen und Leukämien versterben als Deutsche, prüfen die Forscher derzeit, ob die weitergehende Untersuchung von Risikofaktoren sowie die zielgerichtete Versorgungsforschung sinnvoll sind.

Dr. med. Eva M. Kalbheim | idw
Weitere Informationen:
http://www.krebshilfe.de/

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