Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mechanismen von Angststörungen

10.10.2007
Psychologen und Mediziner der Universität Münster untersuchen die Panikstörung mit Agoraphobie

Plötzlich und unvermittelt ist sie da: Das Herz beginnt zu rasen, die Welt dreht sich vor den Augen, die Knie werden weich. Einen unmittelbaren Anlass für die Angst können die Betroffenen nicht erkennen. Eben das unterscheidet die Panik von anderen Angststörungen wie einer Spinnenphobie oder Höhenangst: Es gibt keinen verständlichen Grund, plötzlich und unerwartet überfällt sie den Patienten aus dem Hinterhalt.

Die Abteilung für klinische Psychologie des Psychologischen Instituts I der WWU Münster und die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Münster (UKM) beteiligen sich an einer vom Bundesforschungsministerium mit insgesamt 2,5 Millionen Euro finanzierten Studie, um die Heilungschancen von Panikpatienten zu verbessern.

Und die sind jetzt schon gut, bestätigt PD Dr. Alexander Gerlach: "Bis zu 80 Prozent der Patienten können geheilt werden und ein Leben ohne Panikattacken führen." Der Psychologe untersucht im Besonderen die Panikstörung mit Agoraphobie, also der Angst vor Menschenmassen und weiten Plätzen. Panikstörung und Agoraphobie können auch getrennt voneinander auftreten, was aber eher selten ist. Im Prinzip kann bei jedem Menschen eine Angstreaktion fälschlicherweise ausgelöst werden. Rund 30 Prozent erleben einmal in ihrem Leben eine Panikattacke, doch nur etwa fünf bis sechs Prozent der Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine dauerhafte Panikstörung, wobei Frauen ein zwei- bis dreimal höheres Risiko haben zu erkranken. Die Panik ist zwar grundlos, aber Menschen neigen dazu, trotzdem eine Ursache für die Angst zu finden. "Deshalb verknüpfen sie die Angst mit der Situation, in der sie sich befunden haben, als sie auftrat", erklärt Gerlach.

... mehr zu:
»Agoraphobie »Panikstörung

Vor allem Situationen, die keinen Ausweg zu haben scheinen oder die schwer zu kontrollieren sind, führen zu Panik. Das kann das Gedränge im Kaufhaus oder auf dem Wochenmarkt sein, die Enge im Fahrstuhl oder im Zug. "Panik tritt zwar nicht nur in diesen Situationen auf, sondern auch, wenn jemand allein zu Hause ist. Aber in einer Menschenmenge ist es besonders schlimm, wenn man das Gefühl hat, die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren", so Gerlach. Deshalb vermeiden Menschen die angstauslösenden Situationen und ziehen sich zu Hause zurück.

Das aber, weiß Gerlach, ist genau die falsche Strategie. Die Psychologen nutzen zur Behandlung die so genannte Kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Den Patienten wird erklärt, woher die Panikattacken kommen und lernen, ihre Symptomatik in einem neuen Rahmen zu verstehen. Dann werden sie mit den angstauslösenden Situationen konfrontiert, um zu lernen die unangenehmen körperlichen Symptome auszuhalten. "Wir erklären genau, was passiert, damit die Patienten auch bereit sind, das Risiko einzugehen", erläutert Gerlach. "Die Konfrontation ist sehr, sehr harte Arbeit für den Patienten, aber sie lohnt sich."

Die Studie soll klären, ob es dabei besser ist, die Selbstkompetenz zu stärken und die Betroffenen alleine mit der Situation fertig werden zu lassen, oder ob sie besser begleitet werden, um sie bei der schwierigen Konfrontation direkt zu unterstützen. Die münsterschen Forscher haben das Ziel, die Therapie in Zukunft noch effektiver zu gestalten. Dafür suchen die Psychologen rund 80 Patienten, die bereit sind, an der Studie mitzuwirken. Sie erhalten eine Therapie auf dem neuesten Stand der Wissenschaft, die von den Krankenkassen finanziert wird, und eine genaue Diagnostik. Die wiederum, sorgfältiger als üblich, dient auch der Wissenschaft, denn Gerlach und sein Team wollen auch herausfinden, ob Patienten mit unterschiedlichen körperlichen Symptomen auch unterschiedlich therapiert werden sollten. "Die einen haben Herzrasen, den anderen wird schwindelig, die dritten werden kaltschweißig", beschreibt Gerlach. Insgesamt, so vermuten die Wissenschaftler, sind Panikpatienten sensibler für ihre eigenen Körperfunktionen, was wiederum die Angst verstärkt. "Wenn ich Herzrasen habe, denke ich natürlich als erstes an einen Herzanfall, auch wenn keine körperlichen Ursachen vorliegen", so Gerlach. "Viele der Patienten leiden echte Todesangst."

An der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie werden unter Leitung von Prof. Volker Arolt mithilfe der funktionellen Magnetresonanztherapie (fMRT) die Gehirnfunktionen von Panikpatienten untersucht. Die weisen nicht nur emotionale, sondern auch physiologische Veränderungen im sogenannten "Angstnetzwerk" des Gehirns auf. Besonders wichtige Bereiche sind hier unter anderem der sogenannte Mandelkern, die Amygdala sowie bestimmte Bereiche der Hirnrinde im präfrontalen Kortex. Zahlreiche Untersuchungen deuten darauf hin, dass diese körperlichen Veränderungen durch eine erfolgreiche Therapie auch wieder normalisiert werden können.

Alle Bemühungen sind nutzlos, wenn der Patient nicht bereit oder fähig ist, sich auf die Therapie einzulassen. "Warme Worte alleine bringen nichts" so Gerlach. Aber manchmal hat die Krankheit ihre eigene Funktionalität entwickelt, wodurch es schwieriger ist, die Motivation zur Behandlung zu finden, oder zusätzliche Erkrankungen wie eine Depression rauben dem Patienten die Kapazitäten, um sich auf eine Behandlung einzulassen. Doch mit 80 Prozent gehört die Panikstörung mit Agoraphobie zu jenen psychischen Erkrankungen, die die höchste Heilungsquote haben. Und jene 80 Patienten, die Gerlach für seine Studie sucht, haben gute Chancen, zu ihnen zu gehören.

Brigitte Nussbaum | idw
Weitere Informationen:
http://www.panikinfo.de

Weitere Berichte zu: Agoraphobie Panikstörung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik