Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Als harmlos eingestufte Bakterien sind Ursache schwerer Herzerkrankungen

03.10.2000


Gefährlicher Angriff von Streptokokken der

Gruppe C auf eine menschliche Zelle (links) und Eindringen in eine

Zelle (rechts)


Streptokokken-Forscherteam der GBF, Dr.

Susanne Talay, Prof. Dr. Singh Chhatwal, Dr. Kadaba Sriprakash

(stehend von links nach rechts) und Andrea Haidan

(sitzend)


Konsequenzen für Gesundheits-Kampagnen gegen Streptokokken-Infektionen

Als weltweit häufigste Ursache tödlicher Herzerkrankungen bei Kindern galten bisher Infektionen mit Streptokokken-Bakterien der Gruppe A. Wissenschaftler der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) haben jetzt herausgefunden, dass auch Infektionen der bisher als harmlos geltenden Streptokokken der Gruppen C und G als Spätfolge lebensbedrohliche rheumatische Herzerkrankungen auslösen können. Die Ergebnisse beschreiben die Braunschweiger Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet".

"Betroffen sind rund 15 Millionen Kinder im Alter von 5 bis 15 Jahren vorwiegend in Entwicklungsländern aber auch in Nordamerika, jährlich kommen mehrere Millionen neuer Fälle hinzu", erklärt Prof. Dr. Singh Chhatwal, Leiter der Abteilung Mikrobielle Pathogenität und Impfstoffforschung. "Patienten mit C- und G-Streptokokken wurden bisher jedoch ignoriert, Aufmerksamkeit galt nur den Streptokokken der Gruppe A." Die Einteilung der Bakterien in Gruppen erfolgt auf Grund bestimmter Zuckermoleküle an ihrer Oberfläche, sie können mit Testsystemen leicht bestimmt werden.

Konsequenzen sieht Chhatwal für die Gesundheits-Kampagnen: "Wir müssen diese Streptokokken genau so erfassen und ebenso frühzeitig mit einer Therapie beginnen wie bei Streptokokken der Gruppe A."

Lebensbedrohliche Spätfolgen

Werden Streptokokken-Infektionen im Rachen nicht rechtzeitig mit Antibiotika behandelt, kann es einer Herzerkrankung kommen. Bei Streptokokken der Gruppe A zeigt sich meist ein auffälliges Krankheitsbild, zum Beispiel Scharlach oder eine Mandelentzündung. Heimtückisch sind dagegen Streptokokken der Gruppen C und G, eine Rachenentzündung verläuft fast ohne Symptome und ist daher leicht zu übersehen.

Die möglichen Spätfolgen sind jedoch bei allen Gruppen die gleichen: eine lebensbedrohliche rheumatische Herzerkrankung. Ihre Ursache ist eine Autoimmunreaktion: Antikörper, die zur Abwehr von Streptokokken gebildet werden, reagieren auch mit Myosin, einem Grundbaustein der Herzmuskulatur. Dies führt zum Beispiel zu einer dauerhaften Schädigung der Herzklappen.

Untersuchungen an Aborigines

Chhatwal und seine Kollegen sind zu den neuen Erkenntnissen durch Untersuchungen an den Aborigines im Norden Australiens gelangt, die weltweit eine der höchsten Raten an rheumatischer Herzerkrankung aufweisen. In Rachenabstrichen von Kindern konnten die Wissenschaftler jedoch kaum Streptokokken der Gruppe A nachweisen, sondern nur solche der Gruppen C und G.


Die GBF-Forscher fanden heraus, dass auch bei diesen Infektionen der Rachenschleimhäute Antikörper gegen Herz-Myosin gebildet werden. Mit elektronenmikroskopischen Aufnahmen haben sie zudem belegt, dass die Bakterien in menschliche Zellen eindringen können.

Internationale Resonanz auf die Forschungsarbeit

"Erstmals konnte damit gezeigt werden, dass auch andere Streptokokken als die der Gruppe A zu der Immunreaktion führen können, die für die schweren Spätfolgen verantwortlich ist. Die Arbeit von Chhatwal und seinen Kollegen bildet ganz sicher die Grundlage, um das Mysterium dieser Krankheit in naher Zukunft zu lösen", sagt Professor Edward Kaplan, Leiter des Streptokokken-Zentrums der Weltgesundheitsorganisation WHO an der Universität von Minnesota, USA.

Großes Interesse findet die Studie bei Professor Nirmal Ganguly, Generaldirektor für Medizinische Forschung im indischen Gesundheitsministerium: "Chhatwals Hypothese wird für viel Wirbel sorgen. Wir müssen unsere Strategien zur Bekämpfung rheumatischer Herzerkrankungen überdenken und neue Konzepte entwickeln." Allein in Indien leiden über sechs Millionen Schulkinder an den Spätfolgen einer Streptokokken-Infektion.

Für Evgueni Tikhomirov ist jetzt veröffentlichte Arbeit von besonderer Bedeutung, um die Epidemiologie und das Krankheitsbild der gefährlichen Spätfolgen insbesondere in den tropischen und subtropischen Gebieten von Asien, Afrika und dem Westlichen Pazifik zu verstehen. Tikhomirov ist leitender Mitarbeiter der WHO und verantwortlich für ansteckende Krankheiten.

Dipl.-Biol./Dipl.-Journ. Thomas Gazlig | idw

Weitere Berichte zu: Herzerkrankung Streptokokken Streptokokken-Infektion

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Maßgeschneiderte Strategie gegen Glioblastome
26.09.2016 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Neue Therapie gegen osteoporosebedingte Knochenbrüche
26.09.2016 | Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: First quantum photonic circuit with electrically driven light source

Optical quantum computers can revolutionize computer technology. A team of researchers led by scientists from Münster University and KIT now succeeded in putting a quantum optical experimental set-up onto a chip. In doing so, they have met one of the requirements for making it possible to use photonic circuits for optical quantum computers.

Optical quantum computers are what people are pinning their hopes on for tomorrow’s computer technology – whether for tap-proof data encryption, ultrafast...

Im Focus: Quantenboost für künstliche Intelligenz

Intelligente Maschinen, die selbständig lernen, gelten als Zukunftstrend. Forscher der Universität Innsbruck und des Joint Quantum Institute in Maryland, USA, loten nun in der Fachzeitschrift Physical Review Letters aus, wie Quantentechnologien dabei helfen können, die Methoden des maschinellen Lernens weiter zu verbessern.

In selbstfahrenden Autos, IBM's Watson oder Google's AlphaGo sind Computerprogramme am Werk, die aus Erfahrungen lernen können. Solche Maschinen werden im Zuge...

Im Focus: Synthese-chemischer Meilenstein: Neues Ferrocenium-Molekül entdeckt

Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) haben zusammen mit Kollegen der Freien Universität Berlin ein neues Molekül entdeckt: Die Eisenverbindung in der seltenen Oxidationsstufe +4 gehört zu den Ferrocenen und ist äußerst schwierig zu synthetisieren.

Metallocene werden umgangssprachlich auch als Sandwichverbindungen bezeichnet. Sie bestehen aus zwei organischen ringförmigen Verbindungen, den...

Im Focus: Neue Entwicklungen in der Asphären-Messtechnik

Kompetenzzentrum Ultrapräzise Oberflächenbearbeitung (CC UPOB) lädt zum Expertentreffen im März 2017 ein

Ob in Weltraumteleskopen, deren Optiken trotz großer Abmessungen nanometergenau gefertigt sein müssen, in Handykameras oder in Endoskopen − Asphären kommen in...

Im Focus: Mit OLED Mikrodisplays in Datenbrillen zur verbesserten Mensch-Maschine-Interaktion

Das Fraunhofer-Institut für Organische Elektronik, Elektronenstrahl- und Plasmatechnik FEP arbeitet seit Jahren an verschiedenen Entwicklungen zu OLED-Mikrodisplays, die auf organischen Halbleitern basieren. Durch die Integration einer Bildsensorfunktion direkt im Mikrodisplay, lässt sich u.a. die Augenbewegung in Datenbrillen aufnehmen und zur Steuerung von Display-Inhalten nutzen. Das verbesserte Konzept wird erstmals auf der Augmented World Expo Europe (AWE), vom 18. – 19. Oktober 2016, in Berlin, Stand B25 vorgestellt.

„Augmented Reality“ (erweiterte Realität) und „Wearable Displays“ (tragbare Displays) sind Schlagworte, denen man mittlerweile fast täglich begegnet. Beide...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Laser für Neurochirurgie und Biofabrikation - LaserForum 2016 thematisiert Medizintechnik

27.09.2016 | Veranstaltungen

Ist Vergessen die Zukunft?

27.09.2016 | Veranstaltungen

Von der Probe zum digitalen Modell - MikroskopieTrends ´16

26.09.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Laser für Neurochirurgie und Biofabrikation - LaserForum 2016 thematisiert Medizintechnik

27.09.2016 | Veranstaltungsnachrichten

Prozessintegrierte Prüfung für das ultraschallunterstützte Rührreibschweißen

27.09.2016 | Maschinenbau

IAB-Arbeitsmarktbarometer: weiterhin positiver Ausblick

27.09.2016 | Wirtschaft Finanzen