Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zwischen gesund und giftig - Pflanzeninhaltsstoffe auf dem Prüfstand

16.07.2007
4. BfR-Forum Verbraucherschutz diskutiert Strategien zur gesundheitlichen Bewertung pflanzlicher Stoffe in Lebensmitteln und Futtermitteln

Eine Ernährung mit einem hohen Anteil pflanzlicher Lebensmittel gilt als gesund und wird von vielen Ernährungsfachleuten befürwortet. Allerdings enthalten einige Pflanzen, die zu Lebensmitteln verarbeitet werden, von Natur aus auch problematische Substanzen, die der Gesundheit schaden können. Ein bekanntes Beispiel ist Cumarin, ein Stoff, der in bestimmten Zimtarten vorkommt.

Cumarin ist in hohen Dosen leberschädigend und darf in Lebensmitteln nur begrenzt enthalten sein. Doch nicht immer liegen genügend Daten für eine Risikobewertung auf wissenschaftlicher Basis vor. Wie die Risiken solcher Stoffe bewertet werden sollen, war zentrales Thema des 4. BfR-Forums Verbraucherschutz, das am 3. und 4. Juli 2007 unter Beteiligung verschiedener Interessengruppen im BfR stattfand. "Wir müssen zunächst die pflanzlichen Stoffe identifizieren, die aufgrund ihrer chemischen Struktur potentiell gesundheitsschädlich sein können. Außerdem muss ermittelt werden, in welchen Mengen der Verbraucher mit diesen Stoffen in Kontakt kommt, um das gesundheitliche Risiko abzuschätzen", sagte der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. "Die Wirkung dieser Pflanzeninhaltsstoffe im Organismus sollte mit modernen molekularbiologischen Methoden aufgeklärt werden". Das BfR empfiehlt, prioritär die Stoffe zu bewerten, die in Aromen oder in Nahrungsergänzungsmitteln in isolierter und konzentrierter Form eingesetzt werden sollen.

Ein typisches Beispiel für solche Pflanzeninhaltsstoffe sind Isoflavone. Sie werden auch als Phytoöstrogene bezeichnet, weil sie in ihrer chemischen Struktur dem Hormon Östrogen ähneln. Diese natürlichen Inhaltsstoffe der Sojabohne und des Rotklees weisen eine hormonähnliche Wirkung auf und werden Frauen daher bei Beschwerden in den Wechseljahren zur Symptomlinderung angepriesen. Als Vorteil gegenüber der klassischen Hormonsubstitution mit Arzneimitteln wird häufig behauptet, dass Isoflavonpräparate, weil sie natürlichen Ursprungs sind, keine Nebenwirkungen hätten. In toxikologischen Untersuchungen zeigte sich allerdings, dass Isoflavone, wenn sie in isolierter oder angereicherter Form und hoher Dosierung gegeben werden, die Funktion der Schilddrüse beeinträchtigen und das Brustdrüsengewebe verändern können. Es ist nicht auszuschließen, dass dieser östrogenähnliche Effekt auch die Entwicklung von Brustkrebs fördert. Da Frauen nach den Wechseljahren ohnehin ein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben, ist die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit einem hohen Gehalt an Isoflavonen für diese Verbrauchergruppe nicht ohne Risiko.

... mehr zu:
»Pflanzeninhaltsstoffe

Doch nicht nur in isolierter Form können pflanzliche Stoffe in Lebensmitteln unangenehme Überraschungen bereithalten. Sellerie, Pastinaken oder Petersilie enthalten zum Beispiel Furocumarine. Diese hitzestabilen Stoffe wirken phototoxisch. Bereits mit einer großen Mahlzeit von gekochtem Sellerie (ca. 450 Gramm) können so viel Furocumarine in den Körper gelangen, dass eine normal empfindliche Haut schon nach kurzzeitiger Sonnenbestrahlung mit sonnenbrandähnlichen Symptomen reagiert, die sehr lange anhalten können.

Vor dem Hintergrund, dass natürliche Inhaltsstoffe von Pflanzen zunehmend auch in isolierter Form oder als konzentrierter Extrakt als Lebensmittel verwendet werden, ist es nötig, ihre toxische Wirkungen systematisch zu erfassen, sie gesundheitlich zu bewerten und wo nötig auch zu regulieren. Dabei sind aus der Sicht des vorsorgenden Verbraucherschutzes bei den natürlichen Inhaltsstoffen von Pflanzen die gleichen Kriterien anzulegen wie bei der Prüfung synthetischer Zusätze. Im Vordergrund stehen Dosis-Wirkungsbeziehungen, Fragen der Exposition sowie die Erfahrungen am Menschen. Zu erforschen sind die Wirkung der Stoffe und ihrer Metaboliten auf der molekularen Ebene. Biomarker müssen entwickelt werden, die als Indikatoren für ein gesundheitliches Risiko dienen können.

Die Ermittlung der Exposition ist in vielen Fällen schwierig, weil oftmals zu wenige Daten über den tatsächlichen Verzehr von Lebensmitteln vorliegen, die den problematischen pflanzlichen Stoff enthalten. Außerdem schwanken die Gehalte solcher natürlichen Inhaltsstoffe vielfach erheblich, wie das Beispiel der Isoflavone zeigt.

Durch die Risikobewertung sollen sowohl die empfindlichsten Verbrauchergruppen als auch Vielverzehrer sicher vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen geschützt werden. Lebensmittel müssen grundsätzlich gesundheitlich unbedenklich sein. Deshalb findet eine Risiko-Nutzen-Abwägung, bei der positive und negative Effekte verschiedener Inhaltsstoffe eines Lebensmittels gegeneinander aufgerechnet werden, im Rahmen der Risikobewertung nicht statt.

Sekundäre Pflanzenstoffe können auch zu Vergiftungen bei Tieren führen. Für den Schutz des Verbrauchers muss der Übergang (Carry Over) der toxikologisch relevanten Stoffe in das Lebensmittel tierischer Herkunft ermittelt werden. Von Interesse für die Tierernährung ist auch die mögliche positive oder negative Wirkung von Pflanzeninhaltsstoffen auf die Leistung der Nutztiere.

Neben der Risikobewertung kommt auch der Kommunikation von Risiken pflanzlicher Inhaltsstoffe eine wichtige Rolle zu. Der Verbraucher ist objektiv und sachlich richtig, in klaren Aussagen, über mögliche Risiken zu unterrichten, damit er sein Verzehrsverhalten nach seinem individuellen Risiko und seinem Sicherheitsbedürfnis ausrichten kann.

Dr. Irene Lukassowitz | idw
Weitere Informationen:
http://www.bfr.bund.de/cd/9667

Weitere Berichte zu: Pflanzeninhaltsstoffe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Stoßlüften ist besser als gekippte Fenster
29.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome
28.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Organisch-anorganische Heterostrukturen mit programmierbaren elektronischen Eigenschaften

29.03.2017 | Energie und Elektrotechnik

Klein bestimmt über groß?

29.03.2017 | Physik Astronomie

OLED-Produktionsanlage aus einer Hand

29.03.2017 | Messenachrichten