Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zahnimplantate und Zähneknirschen: Schwachstelle Prothetik

04.05.2007
Rund 95 Prozent aller Implantate sind nach 5 bis 10 Jahren noch unversehrt an ihrem Platz - die Erfolgsraten der Implantologen können sich sehen lassen, die Verlustraten liegen unter fünf Prozent. Deutlich schlechter ist die Bilanz bei den Kronen, Brücken und Prothesen auf den Implantaten, die im Fachjargon als Suprakonstruktion bezeicnet werden: Bei 20 bis 25 Prozent der Fälle sind in den ersten fünf Jahren Reparaturen oder sogar Neuanfertigungen erforderlich, erklärt Professor Manfred Wichmann, Erlangen, auf dem 20. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Implantologie in München.

Ein zu kraftvoller Biss der Patienten, insbesondere beim Zähneknirschen, überfordert die Materialien.

Endlich wieder kraftvoll zubeißen - das wünschen sich Patientinnen und Patienten nach Zahnverlust, die mit herkömmlichem Zahnersatz Probleme haben. Implantatgetragener Zahnersatz macht dieses kraftvolle Zubeißen wieder möglich.

DIE SCHATTENSEITE DER KAUKRAFT. Doch die wiedergewonnene Kaufähigkeit hat auch Schattenseiten - zumindest für die prothetischen Materialien: "Da die Kaufähigkeit mit Implantaten sehr viel besser ist als bei einer herkömmlichen Prothese, beißen die Menschen auch wieder deutlich fester zu. Dies belastet die Materialien der Kronen, Brücken und Prothesen auf Implantaten mehr als bei einer herkömmlichen prothetischen Versorgung", erklärt Professor Manfred Wichmann von der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik der Universität Erlangen-Nürnberg.

Bei einer Brücke, die auf natürlichen Zähnen verankert ist, merken die Patienten sehr schnell, wenn eine Nuss für das Gebiss zu hart ist und die Kaukräfte überfordert: Der eigene Zahn registriert die Kaukräfte über spezifische Rezeptoren im Zahnhalteapparat wesentlich sensibler als ein Implantat. Schutzreflexe begrenzen dann die Kräfte der Kaumuskulatur. Dieser Informationsfluss ist bei Implantaten gekappt. Entsprechend setzt der kraftvolle Biss des Implantatträgers die Materialien der Suprakonstruktionen unter Stress.

MATERIALIEN UNTER STRESS. Untersuchungen belegen, dass Komplikationen - beispielsweise Brüche der zahnfarbenen keramischen Verblendschicht bei Brücken - auf eigenen Zähnen nur bei etwa drei Prozent der Patienten auftreten. Bei implantatgetragenen Kontruktionen ist diese Komplikation hingegen mit 15 Prozent fünf Mal häufiger zu beobachten.

Besonders stark wirken die Kaukräfte bei Menschen, die in der Nacht mit den Zähnen pressen oder knirschen. Dieses Phänomen wird von Zahnärzten "Bruxismus" genannt und tritt bei etwa 10 Prozent der Bevölkerung auf. "Dabei wirken Kräfte auf den Zahnersatz ein, welche die willkürliche maximale Kaukraft deutlich überschreiten können", sagt Wichmann. So wurden bei Zähneknirschern Kaukräfte von bis zu 800 Newton gemessen (Ein Gewicht von 1 kg entwickelt einen Druck oder Zug von 9,8 Newton.) Diese Kräfte sind bis zu sieben mal höher als die Kräfte beim Kauen von Speisen. Zum Vergleich: Abhängig von der Speisekonsistenz liegt die Kaukraft, die Menschen beim Essen aufwenden müssen, normalerweise zwischen 50 und 100 Newton. Ein im Knochen eingewachsenes Implantat hält dies üblicherweise aus: Es bricht erst aus dem Knochen wenn Kräfte über 1500 Newton einwirken. Doch die maximale Kaukraft kann die Materialien und Komponenten der prothetischen Suprakonstruktion sehr wohl überfordern.

ZÄHNEKNIRSCHEN BERÜCKSICHTIGEN. Wenn Patienten mit den Zähnen knirschen, muss dies bei der prothetischen Versorgung mit implantat-getragenem Zahnersatz daher berücksichtigt werden: "Im Rahmen der Planung kann durch die Positionierung der Implantate, ihre Zahl, Länge und Form die Belastbarkeit der späteren Suprakonstruktion gesteigert werden", sagt Wichmann. "Bei der prothetischen Versorgung können durch die Materialauswahl, die Art der Befestigung (Zementiert/Verschraubt), die Gestaltung der Gerüste und Kauflächen sowie die Verbindung der Implantat untereinander Spitzenbelastungen vermieden und die Widerstandsfähigkeit der Konstruktion positiv beeinflusst werden.

Auch bei der Materialentwicklung sieht Wichmann noch Forschungs- und Entwicklungsbedarf: "Hilfreich wären Keramiken mit besserer Frakturresistenz." Auch weiterentwickelte Kompositmaterialien könnten, prophezeit der Erlanger Prothetiker, "zu einer Renaissance der Kunststoffe im Bereich der Verblendmaterialien führen, wenn sie sich weniger abnutzen und weniger altern als die bislang verfügbaren Werkstoffe."

VORTEIL: REPARIERBARER ZAHNERSATZ. Aber auch beim Einsetzen der Suprakonstruktion können Fehler passieren, welche die Haltbarkeit beeinträchtigen. Wichmann: "Beim Festziehen der Schrauben muss das vom Hersteller vorgegebene Drehmoment unbedingt eingehalten werden, sonst kann sich die Verschraubung lockern." Sinnvoll sei es auch, insbesondere umfangreichere Suprakonstruktionen so zu planen, dass sie bei Bedarf abgeschraubt werden können und nicht aus einem Stück hergestellt sind. Im Falle von Problemen können sie somit einfacher repariert werden. Wichmann: "Eine Zementierung ist bei großen Rekonstruktionen, also Komplettrestaurationen des ganzen Kiefers nicht sinnvoll."

Für Rückfragen:
Prof. Dr. Manfred Wichmann, Erlangen
Pressesprecher DGI e.V.
Poliklinik für zahnärztliche Prothetik
Universität Erlangen-Nürnberg
Glückstraße 11 · 91054 Erlangen
Tel.: 09131 853-3604
Fax: 09131 853-6781
E-mail: mwichmann@prothetik-erlangen.de
PRESSEKONTAKT.
Barbara Ritzert, ProScience Communications GmbH,
Andechser Weg 17, 82343 Pöcking
Tel. 08157 93 97-0, Fax: 08157 93 97-97,
Mail: ritzert@proscience-com.de

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgi-ev.de

Weitere Berichte zu: Implantat Prothetik Suprakonstruktion Zahnersatz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten