Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Therapie und Patientenmitsprache

13.12.2000


Therapieplanung bei Krebserkrankungen
Wie viel Mitspracherecht wollen die Patienten?

Eine wissenschaftliche Studie der Frage zu widmen »Was wollen die Patienten?«, wäre noch bis vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen. Was sollen die Patienten wollen außer gesund werden? Dann kam der Krebs, wurde zur Volkskrankheit und lehrte die Mediziner, dass ein Mehr an Lebenszeit nicht immer ein Mehr an Leben ist. »Palliative Therapie« nennt man den Behandlungsansatz ohne Heilungsaussicht. Sein Ziel ist nicht so sehr eine Verlängerung der Lebenszeit als vielmehr die Erhaltung von Lebensqualität. »Palliative Therapieentscheidungen«, sagen Experten, »müssen daran gemessen werden, inwieweit sie individuelle Patientenbedürfnisse erkennen und umsetzen.« Hierzu kann auch der Wunsch des Kranken gehören, über künftige Therapieschritte mitentscheiden zu können. In ihrer auf zwei Jahre angelegten psycho-onkologischen Studie »Therapieentscheidungen in der Onkologie: Mitwirkung von Patienten am Entscheidungsprozeß in Abhängigkeit vom Therapieansatz und -verlauf« versuchen PD Dr. Manfred P. Lutz, Abteilung Innere Medizin I der Universität Ulm, und Projektmitarbeiter zu klären, wie stark bei Patienten mit soliden Tumoren das Bedürfnis nach Mitwirkung ausgeprägt ist und inwieweit es vom Therapieansatz (kurativ vs. palliativ) bzw. vom Therapie- und Krankheitsverlauf abhängt.

Darüber, dass der Patient und gegebenenfalls seine Angehörigen verstärkt in den Therapieprozess einbezogen werden müssen, sind sich die Onkologen heute weitgehend einig. Ein Vergleich der - allerdings wenigen - bisher vorliegenden Studien gibt jedoch Hinweise darauf, dass Patienten mit prinzipiell heilbaren Tumorerkrankungen im Gegensatz zur Mehrheit der palliativ Behandelten eine eher passive Rolle bevorzugen. Dabei können Krankheitsverlauf und die mit der Therapie gemachten Erfahrungen die Haltung des Betroffenen entscheidend beeinflussen. In einer Pilotstudie an unheilbar Erkrankten erwies sich der Wunsch nach Mitbestimmung mit Fortschreiten der Erkrankung als zunehmend ausgeprägter. Ob ein günstiger Therapieverlauf ähnliche oder konträre Entwicklungen nach sich zieht, wurde bislang nicht untersucht.

Im Einklang mit der Fachliteratur fanden die Ulmer Forscher auch bei ihren Patienten in der gastroenterologischen Ambulanz der Abteilung Innere Medizin I und in den kooperierenden Abteilungen ein unterschiedlich ausgeprägtes Bedürfnis nach Mitsprache: wollen manche Patienten so viel wie möglich über ihre Erkrankung und über mögliche Therapieformen wissen und selbst mitentscheiden, so überlassen andere die Therapieplanung vorbehaltlos dem behandelnden Arzt. In gezielten Befragungen wollten Wissenschaftler diese Beobachtungen nun differenzieren. Den Ulmer Resultaten zufolge möchte die Mehrheit der Krebspatienten aktiv am Entscheidungsprozeß teilhaben; ihr gegenüber steht eine kleinere Gruppe, die sich durch die Übernahme der Mitverantwortung in Therapieentscheidungen offenbar überlastet fühlt, was sich in deutlichen Verhaltensauffälligkeiten wie Angst, Depression oder Complianceproblemen, das heißt mangelnder Bereitschaft zur Einhaltung von Therapievorschriften und zur Unterstützung des Therapieprozesses, äußern kann.

Auch der ausdrückliche Wunsch nach Mitbestimmung impliziert nicht, dass die Patienten dem Arzt das Heft aus der Hand nehmen wollen. Nicht einmal jeder Zehnte der 260 Ulmer Probanden verspürt nach Fragebogenaussage den Wunsch, »allein« oder »überwiegend allein« über die weitere Therapie zu entscheiden. Die große Mehrzahl (79%) will die Entscheidung »zusammen mit dem Arzt« treffen. Immerhin 34% bevorzugen dabei eine eher passive Rolle und billigen dem Arzt das Entscheidungsrecht zu. Ein überraschendes Ergebnis förderte die parallele Befragung zutage, in der die behandelnden Ärzte ihre Einschätzung der vermutlichen Patientenwünsche zu Protokoll gaben: die Mediziner errieten sie so selten, dass die Korrelation von Patientenäußerung und Ärzte-Tip lediglich einen Zufallswert erreichte.

Hier besteht noch erheblicher Forschungsbedarf. Das Interesse an der Thematik ist groß. Bereits die Vorarbeiten der Ulmer Studie wurden vom renommierten European Journal of Cancer veröffentlicht. Stellvertretend für die Arbeitsgruppe »Psychosoziale Versorgung von Patienten mit gastrointestinalen Tumoren« erhielt Dr. Lutz am 11. November 2000 auf der 19. Arbeitstagung der Tumorzentren, der Onkologischen Schwerpunkte, Onkologischen Arbeitskreise und verwandten Organisationen den mit 10.000 Mark dotierten Forschungs- und Entwicklungspreis des Krebsverbandes Baden-Württemberg e.V. Mitglieder der Projektgruppe sind neben Dr. Lutz seine Abteilungskollegen Dipl.-Biol. Annette Rebstock, PD Dr. Thomas M. Gress, Dr. Wolfgang Böck und cand. med. Elke Jödicke, ferner Dr. Reiner W. Dahlbender, Dr. Elisabeth Marre und Prof. Dr. Franz Porzsolt, Abteilung Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, PD Dr. Karl Heinrich Link, Dipl.-Psych. Miriam Schatz und cand. med. Ulrike Weinhold aus der Abteilung Chirurgie I (alle Universität Ulm) sowie PD Dr. Dietrich Rothenbacher vom Deutschen Zentrum für Alternsforschung, Heidelberg, Abteilung für Epidemiologie.

Peter Pietschmann | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Methode der Eisenverabreichung
26.04.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Bestrahlung bei Hirntumoren? Eine neue, verlässlichere Einteilung erleichtert die Entscheidung
26.04.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie