Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Managed Care bei Rückenschmerzen

05.03.2002


Die Kosten chronischer Rückenschmerzen vermindern
Über ein Modell des Gesundheitsmanagements

Die Gesundheit ist uns teuer. Teuer kommt ihre Wiederherstellung gegebenenfalls zu stehen, diejenigen, bei denen wir sie versichert haben, und im Endeffekt uns selbst. Das Geld, das dafür aufzuwenden ist, fehlt in zunehmendem Maße. Das führt zu Überlegungen darüber, in welcher Weise sich auf den Prozess der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und damit der Wiederherstellung von Gesundheit Einfluss nehmen lässt, um die hiermit verbundenen Kosten zu senken. Ein Ergebnis dieser Überlegungen ist das sogenannte Managed-Care-System. "Managed Care" lässt sich mit "geführte" oder "gesteuerte Versorgung" übersetzen und meint die Versorgungsintegration sowohl der verschiedenen Stufen der Leistungserbringung als auch der Bereiche Finanzierung einerseits und Leistungserbringung andererseits. Zu den Elementen der Managed-Care-Strategie gehört die Primärarztstruktur, die Regel, dass der Patient zunächst seinen Hausarzt aufzusuchen hat und nicht gleich zu dem jeweiligen, von ihm selbst gewählten Spezialisten gehen kann. Von dieser Konzeption der Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen verspricht man sich Einsparungen, weil der Hausarzt den Patienten kennt, Daten und Werte vorliegen hat, die der Spezialist erst erheben muss usw. Weitere Elemente des Managed-Care-Konzepts sind die direkte Einflussnahme auf das Leistungsgeschehen insbesondere durch die Zugrundelegung von Behandlungsleitlinien, sowie die indirekte Einflussnahme mittels ökonomischer Anreize. Die Behandlungsleitlinien erstrecken sich in die Zuständigkeiten aller Kostenträger. Gleiches gilt für die ökonomischen Anreize. Wettbewerb und Qualitätssicherung (zum Beispiel durch staatliche Behörden) sind weitere Mechanismen des Systems. International hat Managed Care tendenziell zu einer kostengünstigeren Versorgung bei qualitativer Gleichwertigkeit geführt.

In seiner an der Universität Ulm angefertigten Dissertation "Sektorübergreifendes Rehabilitationsmanagement durch Managed Care. Ein Konzept für die Indikation der chronischen Rückenschmerzen" ist Dr. rer. pol. Robert Seitz der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen von Managed Care auf die Kostenstruktur bei diesem Krankheitsbild zu erwarten sind, das in Deutschland jährlich Gesamtkosten von rund 20 Milliarden Euro verursacht, wovon der Großteil zu Lasten des krankheitsbedingten Arbeitsausfalls geht. Rückenschmerzen gehören zu den volkswirtschaftlich relevantesten Krankheitsbildern. Neben systematischen Literatur-, Gesundheitssystem- und Anreizanalysen hat Seitz im empirischen Teil der Arbeit die sektorübergreifende Vergütungsform in einem Modell abgebildet, das die verschiedenen Kosten- und Leistungsträger der Rehabilitation (vor allem Kranken- und Rentenversicherer) integriert. Grundlage der Entwicklung dieses Konzepts sind die langfristigen Effekte und Kosten der Rehabilitation bei Rückenschmerz-Patienten, die statistische Analyse der Kostenverteilung und eine Bestimmung wichtiger Prädiktoren, das heißt vorhersagefähiger Anhaltspunkte, die etwas darüber aussagen können, ob die Zielgrößen erreicht werden. Die Effektivität wird an der gesundheitsbezogenen Lebensqualität bemessen, die sich mit einem Fragebogen erheben lässt. Seitz hat seinem Modell den Euro-Qol-Fragebogen zugrunde gelegt, mittels dessen der Patient seinen eigenen Gesundheitszustand in fünf Dimensionen (zum Beispiel Mobilität) beschreibt und der im übrigen eine Skala zur zusammenfassenden Bewertung des Gesundheitszustandes enthält.

Die von Seitz ermittelte Kostenverteilung ist stark rechtsschief, das bedeutet: die meisten Patienten verursachen relativ geringe, ein kleiner Teil aber sehr hohe Kosten. Insbesondere diese kosten- und betreuungsaufwendigen Patienten eignen sich für das individuelle Fallmanagement, das heißt für eine auf den spezifischen Behandlungsfall ausgerichtete Steuerung. Als Komponenten der sektorübergreifenden Vergütungsform für das ökonomische Rehabilitationsmanagement unterstellte Seitz ein kombiniertes Budget der Kranken- und Rentenversicherung, retrospektive Anreizzahlungen bzw. Bonuszahlungen an die Leistungserbringer, die bei einer Einsparung von indirekten, das heißt durch Arbeitsausfall verursachten Kosten bzw. bei einer längerfristigen Effektivität der Rehabilitation geleistet werden. Diese Komponenten wurden risikoadjustiert: sie berücksichtigen die Fallschwere der Rehabilitanden. Risikoadjustierung ist die Voraussetzung dafür, dass eine Bevorzugung kostengünstiger Patienten durch die Kostenträger vermieden und andererseits das Risiko, das die Leistungserbringer tragen, begrenzt wird. Die Analysen ergaben, dass der Arbeitsunfähigkeitsstatus und die gesundheitsbezogene Lebensqualität wichtige Kriterien zur Anpassung der Zielgrößen an die Fallschwere sind. Insgesamt konnte Seitz mit seiner Arbeit zeigen, dass das ökonomische Rehabilitationsmanagement eine Verbesserung der Versorgung bei der Rehabilitation von Patienten mit chronischen Rückenschmerzen verspricht. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass ein anreizorientiertes Management unter der Voraussetzung der Risikoadjustierung der Zielgrößen machbar ist.

Dr. Robert Seitz erhält für seine Untersuchungen am 6. März 2002 den Reha-Förderpreis der Karlsruher Sanatorium AG für Forschungsarbeiten im Bereich der medizinischen Rehabilitation. Der Preis wird jährlich, 2002 zum siebten Mal, verliehen. Die Dotation beträgt 7700 Euro.

Kontakt: Dr. Robert Seitz, Tel. 089-74579431 oder 0201-1791219

Peter Pietschmann | idw

Weitere Berichte zu: Rehabilitationsmanagement Rückenschmerz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt
18.10.2017 | Universität Bern

nachricht Aromatherapie bei COPD
12.05.2015 | Airnergy AG

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Im Focus: Breaking: the first light from two neutron stars merging

Seven new papers describe the first-ever detection of light from a gravitational wave source. The event, caused by two neutron stars colliding and merging together, was dubbed GW170817 because it sent ripples through space-time that reached Earth on 2017 August 17. Around the world, hundreds of excited astronomers mobilized quickly and were able to observe the event using numerous telescopes, providing a wealth of new data.

Previous detections of gravitational waves have all involved the merger of two black holes, a feat that won the 2017 Nobel Prize in Physics earlier this month....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mobilität 4.0: Konferenz an der Jacobs University

18.10.2017 | Veranstaltungen

Smart MES 2017: die Fertigung der Zukunft

18.10.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

18.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Biokunststoffe könnten auch in Traktoren die Richtung angeben

18.10.2017 | Messenachrichten

»ILIGHTS«-Studie gestartet: Licht soll Wohlbefinden von Schichtarbeitern verbessern

18.10.2017 | Energie und Elektrotechnik