Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neues Design für Interferon-beta

20.09.2001


Strukturvariante des Interferon.
© Fraunhofer


Die neue Variante des Interferon-beta (re.) hat weniger hydrophobe
Regionen (blau) als der Wildtyp
© Fraunhofer


Mehr als 120 000 Menschen leiden allein in Deutschland an Multipler Sklerose MS, einer heimtückischen Erkrankung des Nervensystems. Interferon-beta ist einer der wenigen Wirkstoffe, die MS-Kranken helfen. Fraunhofer-Forscher haben das Medikament durch Protein-Design verbessert: Das Interferon beta der 2. Generation ist besser löslich.

Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems. Die Ursache der Krankheit ist noch nicht geklärt. Es wird aber vermutet, dass MS eine Autoimmunerkrankung ist - ein Teil des Abwehrsystems richtet sich nicht nur gegen Krankheitserreger, sondern auch gegen eigene gesunde Körperzellen. Bei MS-Patienten greifen die weißen Blutkörperchen (T- und B-Lymphozyten) die Myelinschicht der Nervenzellen an. Diese Schicht isoliert die Nervenbahnen ähnlich wie die Kunststoffhülle ein Stromkabel. »Da Interferon-beta die Aktivität der T-Lymphozyten hemmt, wird es in der MS-Therapie eingesetzt«, erläutert Prof. Dr. Bernd Otto vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB. Es ist einer der wenigen Wirkstoffe, die MS-Patienten helfen.


Das Medikament wird mithilfe von gentechnischen Methoden in großen Mengen in Bakterien und Säugetierzellen produziert. In beiden Fällen bereitet jedoch die geringe Löslichkeit des Proteins große Probleme. »Das Mittel wird den Patienten meist intramuskulär gespritzt. Allerdings bleiben die Proteine in der Einstichstelle hängen und gelangen nur zu einem sehr geringen Teil ins Blut, dem eigentlichen Wirkort«, beschreibt der Fraunhofer-Wissenschaftler die Schwierigkeiten bei der Behandlung. Um die Löslichkeit des Interferon-beta zu erhöhen, haben Forscher des IGB ein neuartiges Konzept für das Proteindesign eingesetzt, das Hydrophobic Engineering. Hierbei werden wasserabweisende Bestandteile des Proteins durch hydrophile ersetzt.

»Zunächst haben wir die hydrophoben Oberflächenbereiche des Proteins identifiziert«, berichtet Prof. Otto. Die Forscher prüften, welche dieser Regionen nicht für die biologische Funktion des Proteins zuständig ist. Diese hydrophoben Aminosäuren wurden gegen die wasserliebende Aminosäure Serin ausgetauscht. »So haben wir die Löslichkeit des Proteins verbessert, ohne die biologische Aktivität zu verändern«, erläutert Prof. Otto das Vorgehen. Insgesamt haben die IGB-Forscher acht Aminosäuren ausgetauscht. Diese neue Variante des Interferon-beta wurde dann in dem Bakterium E.coli gentechnisch hergestellt. »Im Tierversuch konnten wir eine stark erhöhte pharmakologische Stabilität und Bioverfügbarkeit der löslicheren Interferon-beta-Variante im Vergleich zum herkömmlichen Protein nachweisen«, berichtet Otto von den positiven Ergebnissen. Das heißt, der Wirkstoff gelangt besser ins Blut.

Doch das ist nicht der einzige Erfolg: Den Forschern ist es sogar gelungen, das veränderte Interferon in Säugetierzellen zu produzieren. Der Vorteil: Das in Säugetierzellen hergestellte Interferon ist glykosyliert - es enthält zusätzliche Zuckerketten. Diese stabilisieren die dreidimensionale Struktur des Proteins und das erhöht die biologische Aktivität des Interferons. Die neue Protein-Variante bietet aber noch einen weiteren Vorzug: Weil sie löslicher ist, kann sie höher konzentriert werden als herkömmliche Interferon-beta-Präparate. »Im Tierversuch zeigt der veränderte Wirkstoff eine zehnfach erhöhte Bioverfügbarkeit«, berichtet der Fraunhofer-Forscher.


Das Interferon-beta der zweiten Generation kann nach Einschätzung der Wissenschaftler aber nicht nur zur Behandlung von MS genutzt werden. »Es könnte auch bei Hepatitis-C- und Krebspatienten eingesetzt werden«, urteilt Prof. Otto. Damit würde die Behandlung von Hepatitis-C wesentlich verbessert: Denn es sprechen nur etwa 30 Prozent der Erkrankten auf den herkömmlichen Wirkstoff Interferon-alpha an.

Die Variante des Interferon-beta haben die Forscher zum Patent angemeldet. Ein vorläufiger internationaler Prüfbescheid liegt bereits vor. Für Deutschland wurde das Patent im Jahr 2000 erteilt. Doch bis das neue Interferon-beta den Patienten zugute kommt, werden noch einige Jahren vergehen. »Wenn eine Firma das veränderte Interferon zum Produkt weiterentwickelt, könnte es frühestens 2006 auf den Markt kommen«, schätzt Prof. Otto.

Auf der Biotechnica in Hannover (9.-11. Oktober 2001) informieren Forscher über das neu beta-Interferon in Halle 2, Stand A 18.

Prof. Dr. Bernd Otto | Projektgruppe Gentechnik

Weitere Berichte zu: Interferon Interferon-beta Multiple Sklerose Protein

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Stoßlüften ist besser als gekippte Fenster
29.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome
28.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>