Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Östrogene schützen nicht vor Herzinfarkt oder Schlaganfall

30.07.2001


Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie zur neuen Empfehlung der American Heart Association

Am 23. 07. 2001 hat die American Heart Association (AHA) neue Richtlinien zum Thema Hormonersatztherapie und Herzerkrankungen herausgegeben (1). In diesen Richtlinien stellt die AHA fest, daß die Hormonersatztherapie in den Wechseljahren - anders als bisher empfohlen - nicht zur Vorbeugung von kardiovaskulären Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall) geeignet erscheint. Frauen, bei denen schon eine koronare Herzerkrankung besteht, wird deshalb von einer Hormonersatztherapie abgeraten.

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie stellt dazu fest, daß aufgrund der Datenlage eine Neubewertung der Hormonersatztherapie im Zusammenhang mit Herzkreislauferkrankungen erforderlich ist. Die Sachlage ist im folgenden ausführlich dargestellt.

1. Epidemiologie

Kardiovaskuläre Erkrankungen sind in Deutschland mit Abstand die häufigste Todesursache. Das Risiko für Herzkreislauferkrankungen ist bis zum Eintritt der Wechseljahre bei Frauen deutlich geringer als bei altersgleichen Männern, steigt mit den Wechseljahren deutlich an und erreicht in der 7. Lebensdekade das Niveau von Männern.

2. Prävention mit Östrogenen bei herzkreislaufgesunden Frauen

Beobachtungsstudien wie die amerikanische Nurses Health Study (2) haben eine Verminderung kardiovaskulärer Erkrankungen unter einer Hormonersatztherapie gezeigt.

Neuere Untersuchungen zeigen jetzt, daß in den ersten Jahren nach Einleitung einer Hormonersatztherapie zunächst eine leichte Steigerung der Herzinfarktrate auftritt (Übersicht bei (1)). Erst mit zunehmender Dauer der Behandlung läßt sich dann ein Rückgang der Herzkreislauferkrankungen beobachten.

Ergebnisse kontrollierter Interventionsstudien bei herzgesunden Frauen liegen derzeit nicht vor. Diese werden von Studien wie der Women´s Health Initiative erwartet, einer laufenden amerikanischen Studie mit geplanter 10jähriger Dauer bei etwa 27.500 Frauen. Sie untersucht den Effekt einer langfristigen Hormonsubstitution auf das Auftreten von Herzerkrankungen im Vergleich zu einem Scheinpräparat (3). Regelmäßige Zwischenanalysen in dieser Studie zeigten, daß auch hier in den ersten 3 Jahren unter der Hormonersatztherapie geringfügig mehr Herzinfarkte beobachtet wurden als unter dem Scheinpräparat. Die Studie wird fortgesetzt.

3. Einfluß einer Hormonersatztherapie auf kardiovaskuläre Erkrankungen bei Frauen, die schon unter Herzkreislauferkrankungen leiden

Drei aktuelle Studien beschäftigen sich mit dieser Thematik. Die "heart and estrogen / progestin replacement study" (HERS) ist eine prospektive, randomisierte, doppel-blind durchgeführte, plazebokontrollierte Studie. Sie untersuchte den Effekt einer Hormonersatztherapie auf die Häufigkeit definierter Herzkreislauferkrankungen bei Frauen mit schon bestehenden kardiovaskulären Vorerkrankungen.

Bei den 2.763 Studienteilnehmerinnen ergab sich global kein Unterschied in der Anzahl von kardiovaskulären Erkrankungen mit tödlichem Ausgang zwischen beiden Gruppen. Die Ergebnisse zeigten, dass die tödlichen kardiovaskulären Neuerkrankungen in der Hormongruppe vermehrt zu Beginn der Studie auftraten und sich mit zunehmender Dauer der Behandlung verringerten, dieser Trend war im Vergleich zur Plazebo-Gruppe signifikant (4).

Eine prospektive, randomisierte, doppel-blinde, plazebokontrollierte klinische Studie bei älteren Frauen in den Wechseljahren mit angiografisch nachgewiesener Atherosklerose ("estrogen replacement and arteriosclerosis trial") untersuchte die Auswirkung einer Hormonersatztherapie auf die Größe atherosklerotischer Plaques. Diese Studie fand nach gut drei Jahren keine Veränderung des Durchmessers verschiedener Koronargefäßabschnitte in den beiden Gruppen mit Hormonsubstitution verglichen mit der Plazebogruppe. Die Anzahl neuer kardiovaskulärer Erkrankungen war in allen Gruppen vergleichbar (5).

Ergebnisse der prospektiven, randomisierten, doppel-blinden, plazebokontrollierten WEST-Studie ("women’s estrogen for stroke trial") zeigen, daß eine Hormonersatztherapie bei postmenopausalen Frauen mit stattgehabten Schlaganfall im weiteren Verlauf nicht die Schlaganfallrate senkt. In dieser Studie fanden sich sogar signifikant mehr tödliche Schlaganfälle als unter dem Scheinpräparat (6).

Zusammenfassende Beurteilung aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie:

1. Prävention: Der Effekt einer Hormonersatztherapie auf die Prävention von Herzkreislauferkrankungen ist nach heutigem Kenntnisstand unsicher. Bis die Ergebnisse laufender kontrollierter Studien vorliegen, sollte eine Hormonersatztherapie nicht aufgrund der Indikation "Schutz vor Herzkreislauferkrankungen" begonnen werden.

2. Behandlung von Herzkreislauferkrankungen mit Östrogenen: Eine Hormonersatztherapie ist nicht geeignet, um bei Frauen mit bekannten Herzkreislauferkrankungen weitere Herzinfarkte oder Schlaganfälle zu verhindern. Sie sollte dafür nicht eingesetzt werden. Bei Auftreten eines Herzinfarktes oder Schlaganfalles unter einer laufenden Hormonersatztherapie ist es vermutlich sinnvoll, die Therapie zu beenden.

Literatur:

1. Lori Mosca, Peter Collins, David M. Herrington, Michael E. Mendelsohn, Richard C. Pasternak, Rose Marie Robertson, Karin Schenck-Gustafsson, Sidney C. Smith, Jr, Kathryn A. Taubert, and Nanette K. Wenger Hormone Replacement Therapy and Cardiovascular Disease: A Statement for Healthcare Professionals From the American Heart Association Circulation 2001; 104: 499 - 503.

2. Barrett-Connor E, Grady D. Hormone replacement therapy, heart disease, and other considerations. Annu Rev Public Health 1998;189:55-72

3. The Women’s Health Initiative Study Group. Design of the Women’s Health Initiative Clinical Trial and Observational Study. Controlled Clin Trials 1998;19:61-109. Women’s Health Initiative HRT Update http://www.nhlbi.nih.gov/whi/hrt-en.htm

4. Hulley S, Grady D, Bush T et al for the Heart and Estrogen / Progestin Replacement Study (HERS) Research Group. Randomized trial of estrogen plus progestin for secondary prevention of coronary heart disease in postmenopausal women. JAMA 1998;280:605-13

5. Herrington DM, Reboussin DM, Brosnihan KB, Sharp PC, Shumaker SA, Snyder TE et al. Effects of estrogen replacement on the progression of coronary artery atherosclerosis. New Engl J Med 2000;343:522-9.

6. Viscoli CM, Brass LM, Kernan WN, et al. Estrogen after ischemic stroke: effect of estrogen replacement on risk of recurrent stroke and death in the Women’s Estrogen for Stroke Trial (WEST). Stroke. 2001; 32: 329.Abstract.

Wenn Sie mehr Informationen wünschen, setzen Sie sich bitte mit uns in Verbindung.

Pressestelle | Presseinformation

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Aromatherapie bei COPD
12.05.2015 | Airnergy AG

nachricht Chronische Wunden können heilen
16.10.2017 | Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum - Herz- und Diabeteszentrum NRW Bad Oeynhausen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Im Focus: Smart sensors for efficient processes

Material defects in end products can quickly result in failures in many areas of industry, and have a massive impact on the safe use of their products. This is why, in the field of quality assurance, intelligent, nondestructive sensor systems play a key role. They allow testing components and parts in a rapid and cost-efficient manner without destroying the actual product or changing its surface. Experts from the Fraunhofer IZFP in Saarbrücken will be presenting two exhibits at the Blechexpo in Stuttgart from 7–10 November 2017 that allow fast, reliable, and automated characterization of materials and detection of defects (Hall 5, Booth 5306).

When quality testing uses time-consuming destructive test methods, it can result in enormous costs due to damaging or destroying the products. And given that...

Im Focus: Cold molecules on collision course

Using a new cooling technique MPQ scientists succeed at observing collisions in a dense beam of cold and slow dipolar molecules.

How do chemical reactions proceed at extremely low temperatures? The answer requires the investigation of molecular samples that are cold, dense, and slow at...

Im Focus: Kalte Moleküle auf Kollisionskurs

Mit einer neuen Kühlmethode gelingt Wissenschaftlern am MPQ die Beobachtung von Stößen in einem dichten Strahl aus kalten und langsamen dipolaren Molekülen.

Wie verlaufen chemische Reaktionen bei extrem tiefen Temperaturen? Um diese Frage zu beantworten, benötigt man molekulare Proben, die gleichzeitig kalt, dicht...

Im Focus: Astronomen entdecken ungewöhnliche spindelförmige Galaxien

Galaxien als majestätische, rotierende Sternscheiben? Nicht bei den spindelförmigen Galaxien, die von Athanasia Tsatsi (Max-Planck-Institut für Astronomie) und ihren Kollegen untersucht wurden. Mit Hilfe der CALIFA-Umfrage fanden die Astronomen heraus, dass diese schlanken Galaxien, die sich um ihre Längsachse drehen, weitaus häufiger sind als bisher angenommen. Mit den neuen Daten konnten die Astronomen außerdem ein Modell dafür entwickeln, wie die spindelförmigen Galaxien aus einer speziellen Art von Verschmelzung zweier Spiralgalaxien entstehen. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Astronomy & Astrophysics veröffentlicht.

Wenn die meisten Menschen an Galaxien denken, dürften sie an majestätische Spiralgalaxien wie die unserer Heimatgalaxie denken, der Milchstraße: Milliarden von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

bionection 2017 erstmals in Thüringen: Biotech-Spitzenforschung trifft in Jena auf Weltmarktführer

13.10.2017 | Veranstaltungen

Tagung „Energieeffiziente Abluftreinigung“ zeigt, wie man durch Luftreinhaltemaßnahmen profitieren kann

13.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

ESO-Teleskope beobachten erstes Licht einer Gravitationswellen-Quelle

16.10.2017 | Physik Astronomie

Was läuft schief beim Noonan-Syndrom? – Grundlagen der neuronalen Fehlfunktion entdeckt

16.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Gewebe mit Hilfe von Stammzellen regenerieren

16.10.2017 | Förderungen Preise