Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Selbstmordgene als Therapeutikum

13.06.2001

Forscher entwickeln neue Behandlungsform bei Leberkrebs

 Die Heilungschancen bei der Diagnose "Leberkrebs" sind nicht gut: Nach fünf Jahren sind nur noch ungefähr 50 Prozent der Patienten, deren Tumor entfernt wurde, am Leben. Doch nur weniger als 30 Prozent der Betroffenen kommen überhaupt für einen operativen Eingriff in Frage. Gute Alternativen zur Operation gibt es nicht, auch neue lokale Behandlungsmethoden blieben bislang meist erfolglos. Zwei Arbeitsgruppen in Berlin und in Tübingen versuchen jetzt ein fremdes Gen in Leberkrebszellen einzubringen, das zum Absterben der Tumorzellen führen soll. Die Deutsche Krebshilfe fördert die Entwicklung der so genannten Suizidgen-Therapie über einen Zeitraum von zwei Jahren mit knapp 340.000 Mark.

Jährlich erkranken weltweit eine Million Menschen an Leberkrebs. In Deutschland sind jedes Jahr 5.200 Menschen betroffen, knapp 2.700 sterben daran. Chronische Hepatitis-Infektionen vom Typ B oder C und starker, regelmäßiger Alkoholkonsum scheinen die bösartigen Veränderungen der Leberzellen zu begünstigen. Oftmals diagnostizieren die Ärzte Lebertumoren erst im fortgeschrittenen Stadium. Allein ein chirurgischer Eingriff verspricht Besserung. Doch mehr als 30 Prozent der Patienten können nicht mehr operiert werden: Oftmals ist die Krankheit bereits so weit fortgeschritten, dass mit einer operativen Entfernung des Tumors die Leber nicht mehr voll funktionsfähig wäre. Eine Lebertransplantation kommt häufig wegen einer zu geringen Anzahl von Spenderorganen nicht in Frage. Chemo- und Strahlentherapie stellen ebenfalls keine Alternative dar, da auch sie die natürlichen Leberfunktionen zu sehr hemmen. Neue lokale Therapiekonzepte blieben bislang meist ohne Erfolg. Patienten, die mit der Diagnose Leberkrebs konfrontiert werden, haben daher derzeit keine guten Heilungschancen.

In der Hoffnung, die Heilungschancen zukünftig verbessern zu können, entwickelt eine Arbeitsgruppe vom Robert Koch Institut in Berlin unter der Leitung von Dr. Eberhard Hildt in Kooperation mit Dr. Ulrich Lauer vom Universitätsklinikum Tübingen eine neue Behandlungsstrategie: die Suizidgen-Therapie. Die Wissenschaftler wollen in die bösartigen Leberzellen ein Bakterien-Gen einbringen. Dieses Gen liefert die Information für ein bestimmtes Protein, die so genannte Cytosindeaminase. Dieses Eiweiß wandelt einen ungiftigen Stoff, der zuvor verabreicht werden muss, in ein hochgiftiges Chemotherapeutikum (5-Fluoruracil) um. Das Zellgift lässt die Tumorzellen schließlich zugrunde gehen.

Die Berliner und Tübinger Wissenschaftler benutzen bestimmte Viren als Fährschiffe, die ihre Fracht - die Fremdgene - in den Leberzellen abliefern sollen. Mittlerweile haben die Forscher zwar erreicht, dass die Viren an ihrem Ziel - dem Tumorgewebe - ankommen. Ihr Gut liefern sie bislang jedoch nur unzuverlässig in den Krebszellen ab. Somit wird die Cytosindeaminase nur in sehr wenigen Krebszellen produziert.

Um die Wirkung der Cytosindeaminase trotzdem in möglichst vielen bösartigen Zellen zu nutzen, bedienen sich die Forscher eines besonderen Kniffs: Sie versuchen dem Protein Eigenschaften zu verleihen, die es ihm ermöglichen, Zellmembranen zu durchqueren. Normalerweise stellt die Zellwand eine unüberwindliche Barriere für das Bakterien-Protein dar. Kürzlich entdeckte die Berliner Arbeitsgruppe jedoch einen kleinen Eiweißstoff, der die Zellmembran durchdringen kann. Koppelten die Wissenschaftler die Cytosindeaminase und das kleine Eiweiß aneinander, so durchquerten beide gemeinsam die Membran. Projektleiter Dr. Hildt fasst die Bedeutung dieser Versuche zusammen: "Die veränderte Cytosindeaminase könnte sich auf diesem Weg über viele Leberkrebszellen, ja vielleicht über das ganze Tumorgewebe, ausbreiten. Dort könnte das Protein die Zellen zum Absterben bringen. Wir hätten damit eine deutliche Verbesserung gegenüber dem vergleichsweise ineffizienten Virentransfer." In Zukunft wollen die Wissenschaftler verschiedene Varianten aus Bakterien-Protein und kleinem Eiweißstoff herstellen und ihre Fähigkeit die Zellmembran zu durchdringen testen. Darauf aufbauend soll gezeigt werden, dass die beste Variante die Leberkrebszellen auch effizient zerstören kann.

Dr. med. Eva M. Kalbheim-Gapp | idw
Weitere Informationen:
http://www.krebshilfe.de/

Weitere Berichte zu: Cytosindeaminase Leberkrebszelle Leberzelle Protein Zellmembran

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Therapieansatz: Kombination von Neuroroboter und Hirnstimulation aktiviert ungenutzte Nervenbahnen
16.01.2018 | Universitätsklinikum Tübingen

nachricht Europäisches Forschungsteam trickst Ebolavirus aus
16.01.2018 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Im Focus: Scientists decipher key principle behind reaction of metalloenzymes

So-called pre-distorted states accelerate photochemical reactions too

What enables electrons to be transferred swiftly, for example during photosynthesis? An interdisciplinary team of researchers has worked out the details of how...

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Im Focus: The first precise measurement of a single molecule's effective charge

For the first time, scientists have precisely measured the effective electrical charge of a single molecule in solution. This fundamental insight of an SNSF Professor could also pave the way for future medical diagnostics.

Electrical charge is one of the key properties that allows molecules to interact. Life itself depends on this phenomenon: many biological processes involve...

Im Focus: Wie Metallstrukturen effektiv helfen, Knochen zu heilen

Forscher schaffen neue Generation von Knochenimplantaten

Wissenschaftler am Julius Wolff Institut, dem Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien und dem Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Hannoverscher Datenschutztag: Neuer Datenschutz im Mai – Viele Unternehmen nicht vorbereitet!

16.01.2018 | Veranstaltungen

Fachtagung analytica conference 2018

15.01.2018 | Veranstaltungen

Tagung „Elektronikkühlung - Wärmemanagement“ vom 06. - 07.03.2018 in Essen

11.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal mit neuem Onlineauftritt - Lösungskompetenz für alle IT-Szenarien

16.01.2018 | Unternehmensmeldung

Die „dunkle“ Seite der Spin-Physik

16.01.2018 | Physik Astronomie

Wetteranomalien verstärken Meereisschwund

16.01.2018 | Geowissenschaften