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Qualitätsgesicherte Therapie von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

13.06.2001

Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten sollten nur in spezialisierten Zentren behandelt werden, an denen MKG-Chirurgen mit anderen Fachärzten in interdisziplinären Teams zusammenarbeiten und mindestens 30 Kinder pro Jahr versorgen. Denn diese Faktoren entscheiden über das Behandlungsergebnis, betonen Experten auf dem 51. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am 13. Juni in Marburg.

In Deutschland werden jährlich etwa 1500 Kinder mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren. Betroffen ist eines von 500 Neugeborenen. Damit gehören die Gesichtsspalten zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen. Erbliche Veranlagungen spielen eine gewisse Rolle. Doch wesentlicher dürften individuelle Störungen während der Phase der Gesichtsbildung gegen Ende des zweiten oder zu Beginn des dritten Schwangerschaftsmonats sein: Eine mangelhafte Sauerstoff-Versorgung des Kindes im Mutterleib, Erkrankungen der Mutter, der Konsum schädlicher Substanzen wie Alkohol, Nikotin oder Drogen.

Es gibt unterschiedliche Formen der Spaltbildung. Die isolierten Lippen-Spalten, Lippen-Kiefer-Spalten oder Lippen-Kiefer-Gaumenspalten sind am häufigsten (eins von 500 Kindern) und betreffen zumeist Jungen. Seltener sind Spalten ausschließlich im harten und weichen Gaumen (eins von 1500 Kindern), die überwiegend bei Mädchen auftreten.

Bei der Behandlung geht es jedoch nicht nur um ästhetische Aspekte. Auch verschiedene Funktionsstörungen müssen korrigiert werden. Diese betreffen beispielsweise Atmung und Nahrungsaufnahme, Mimik, Hörvermögen und die Fähigkeit zur Lautbildung. Auch das weitere Wachstum des Gesichts müssen die Ärzte bei den Eingriffen berücksichtigen.

Neugeborene mit einer Gaumenspalte, bei der Mund- und Nasenraum nicht getrennt sind, können schon in den ersten Lebenstagen mit einer so genannten Gaumenplatte versorgt werden. Die Kinder können gestillt werden, die Platte verbessert die Voraussetzungen für die nachfolgenden spaltverschließenden Operationen. Diese sind bereits möglich, wenn das Kind drei bis sechs Monate alt ist, abhängig vom Gewicht, das fünf bis sechs Kilogramm betragen sollte. Zunächst wird in diesem Alter die Lippenspalte verschlossen und der Naseneingang gebildet. Die Gaumenspalten werden bei späteren Eingriffen geschlossen. Bis zur Einschulung sind die wesentlichen Eingriffe abgeschlossen, um Ästhetik und Funktion wiederherzustellen. Mitunter können jedoch weitere Eingriffe erforderlich sein, sobald das Wachstum abgeschlossen ist.

Neben den operativen Maßnahmen sind auch weitere Therapien erforderlich, um Sprech- und Hörstörungen zu vermeiden oder zu behandeln. So ist häufig eine stufenweise phoniatrische und logopädische Behandlung notwendig.

Aufgrund der hohen Komplexität der Fehlbildung müssen die betroffenen Kinder von interdisziplinären Teams betreut und behandelt werden. An insgesamt 50 Zentren in Deutschland arbeiten MKG-Chirurgen, Kieferorthopäden, HNO- und Kinderärzte, Phoniater und Pädaudiologen (Ärzte für kindliche Stimm-, Sprach- und Hörstörungen) daher in solchen Teams zusammen. Da diese Teams mindestens 30 Kinder pro Jahr versorgen, verfügen sie auch über die notwendige Erfahrung, um die kleinen Patienten mit guten Spätergebnissen behandeln zu können. Denn die Erfahrung entscheidet genau so wie die Operationstechnik über das Resultat der Behandlung, wie Studien belegen.

Wie Dr. Carla Wegener von der Klinik und Poliklinik für Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie des Klinikums der Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt berichtet, sind Störungen des Spracherwerbs bei Kindern, die sachgerecht versorgt wurden, selten. Die Linguistin hat insgesamt 342 Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten oder isolierten Gaumen-Spalten untersucht. "Spaltbedingte typische Störungen waren bei 52 Kindern (15,2%) zu beobachten und erforderten bei 48 (14,0%) eine logopädische Therapie, die in allen Fällen konsequent erst nach Erreichen der metasprachlichen Reife (etwa mit 5 bis 5 1/2 Jahren) begann. Trotz Logopädie blieb insgesamt bei 10 Kindern (2.9%) eine Indikation für eine so genannte Velo-Pharynx-Plastik übrig", resümiert Wegener.

Sorge bereitet den MKG-Chirurgen darum, dass es Einrichtungen gibt, die nicht interdisziplinär arbeiten, geringe Erfahrung haben, weil sie jährlich nur ein bis zwei Kinder behandeln, und trotzdem immer noch solche kleinen Patienten versorgen. "Fehlt die Erfahrung besteht die Gefahr einer Fehlbehandlung", betonen die Experten. Unterstützt wird diese Position auch von einer bundesweiten Elterninitiative, der "Rosenthal-Gesellschaft", die ebenfalls einen flächendeckenden und hohen Standard bei der Versorgung betroffener Kinder fordert.

Rückfragen an:
Prof. Dr. Dr. Klaus Bitter
Direktor der Klinik und Poliklinik
für KPG-Chirurgie
Klinikum der Johann-Wolfgang-
Goethe-Universität Frankfurt
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt am Main
Tel.: 069-6301-5643
Fax: 069-6301-5644
E-Mail: k.bitter@em.uni-frankfurt.de

Pressestelle:
Barbara Ritzert
ProScientia GmbH
Andechser Weg 17, 82343 Pöcking
Tel. 08157/9397-0; Fax: 08157/9397-97
E-Mail: ritzert@proscientia.de

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-marburg.de/mkgchir/

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