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Heidelberger Studie weist resistente Erreger in Altersheimen nach

27.11.2002


Niedrige Keimbesiedlung im internationalen Vergleich - Sanierungsmaßnahmen erfolgreich getestet.


Bakterien, bei denen fast alle Antibiotika versagen, gibt es auch in deutschen Alten- und Pflegeheimen - allerdings in wesentlich geringerem Umfang als in Krankenhäusern. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg haben in 47 Altersheimen des Rhein-Neckar-Raumes etwa 1 Prozent von 3.236 Heimbewohnern als Träger vielfach resistenter Bakterienstämme identifiziert. Es handelt sich dabei um die erste repräsentative Studie in Deutschland, die sich mit dieser Problematik befasst. Sie wurde jetzt in der amerikanischen Fachzeitschrift "Infection Control and Hospital Epidemiology" veröffentlicht. Damit liegt Deutschland deutlich hinter anderen Ländern wie Großbritannien und den USA zurück, wo eine Keimbesiedlung bei mindestens 4 bzw. 8 Prozent der Altenheimbewohner festgestellt worden ist.

In einer zweiten Untersuchung haben die Wissenschaftler vom Heidelberger Hygiene-Institut (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Günther Sonntag) und vom Gesundheitsamt Rhein-Neckar-Kreis, Landratsamt (Leiter: Prof. Dr. Martin Klett) gezeigt, wie sich resistente Keime in Altersheimen durch gezielte hygienische und organisatorische Maßnahmen erfolgreich bekämpfen lassen. Darüber berichten sie in der Zeitschrift "Hygiene und Medizin".


Ungezielte Antibiotika-Therapie fördert die Entstehung von Resistenzen

Multiresistente Krankheitserreger sind auf dem Vormarsch, denn Antibiotika werden in Klinik und Praxis zu häufig und oft ungezielt eingesetzt. Bei den Erregern handelt es sich meist um mehrfach resistente Staphylokokken des Typs Staphylococcus aureus (MRSA). Gegen herkömmliche Antibiotika wie Penicillin oder Cephalosporine haben sie einen Schutzmechanismus entwickelt, so dass nur noch wenige Antibiotika, beispielsweise Vancomycin zu ihrer Bekämpfung zur Verfügung stehen. "In deutschen Krankenhäusern sind mittlerweile bis zu 15 Prozent von Staphylococcus aureus vom Typ MRSA", sagt Privatdozentin Dr. Constanze Wendt, Leiterin der Heidelberger Untersuchungen.

Mit Vorliebe besiedeln MRSA (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus) die Schleimhaut des Nasen- und Rachenraumes. Aber auch auf trockenen Oberflächen können sie überleben und werden vor allem durch Handkontakt übertragen. Gefährlich werden MRSA, wenn sie über Katheter, Beatmungsschläuche oder Magensonden in Lunge, Niere, Magen oder die Blutbahn gelangen. "Dann kann es zu schweren Infektionen wie Lungenentzündungen oder einer Sepsis kommen", erklärt Dr. Wendt. Auch offene Wunden sind Eintrittspforten in den oftmals bereits geschwächten Körper schwerkranker Patienten.

Für Bewohner von Alters- und Pflegeheimen stellen MRSA ebenfalls ein Risiko dar. Viele leiden an mehreren Krankheiten, manche haben durch Bettlägerigkeit offene Wunden. Selten entstehen die Resistenzen durch falsche Antibiotika-Behandlung in den Heimen selbst. Vielmehr bringen die Patienten MRSA aus den Kliniken mit. Einige Risikofaktoren für die MRSA-Träger-schaft, die im Krankenhaus eine Rolle spielen, konnten die Heidelberger Wissenschaftler nicht ausmachen: Weder männliches Geschlecht noch Diabetes mellitus oder das Alter waren ausschlaggebend. Dagegen waren Patienten häufiger betroffen, die über einen längeren Zeitraum eine Magensonde hatten, mit Antibiotika behandelt worden waren, offene Wunden aufwiesen oder erst vor kurzer Zeit nach einem Klinikaufenthalt ins Heim gekommen waren. Von einer Übertragung per Hautkontakt innerhalb des Heimes war nur bei zwei Ehepaaren auszugehen.

Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden, um die MRSA-Träger, aber auch die anderen Heimbewohner und das Pflegepersonal, vor schweren Infektionen zu schützen? "Strikte Hygiene-Empfehlungen, wie sie in Kliniken praktiziert werden, lassen sich in Altersheimen nur bedingt umsetzen", sagt Frau Dr. Wendt. Gemeinsam mit dem Gesundheitsamt Rhein-Neckar-Kreis, Landratsamt (Frau Dr. Oswinde Bock-Hensley), das die 72 Alten- und Pflegeheime mit rund 6.000 Bewohner der Region betreut, wurde untersucht, wie das Problem dennoch beherrscht werden kann.

Schulung und Hygiene-Maßnahmen, aber keine Isolierung der Heimbewohner

Zunächst wurden Mitarbeiter und Bewohner der Heime über die Problematik der MRSA informiert und Hygieneschulungen des Personals durchgeführt. Auch die behandelnden Ärzte wurden einbezogen. Den Betroffenen wurde ein Angebot mit dem Ziel gemacht, die resistenten Erreger zu bekämpfen. Waschungen und die Anwendung antibiotischer Salben (Mupirocin) konnten einen Teil der Betroffenen von MRSA befreien. Einige Heimbewohner lehnten jedoch eine Behandlung ab; bei anderen musste davon abgesehen werden, da ihr Zustand schlecht war oder frühere Therapieversuche fehlgeschlagen waren. So konnten 12 von 17 Bewohnern bei insgesamt 49 MRSA-Trägern erfolgreich behandelt werden.

Eine Isolierung der betagten Menschen, wie sie für Patienten mit MRSA in Kliniken praktiziert wird, lehnen die Heidelberger Wissenschaftler ab. Hier stehe die Würde des Einzelnen und das Recht auf Freiheit in seiner Privatsphäre im Vordergrund. Außerdem wurde eine Übertragung von MRSA kaum beobachtet. Um der weiteren Ausbreitung dieser resistenten Bakterien vorzubeugen, ist eine intensive Kommunikation zwischen allen Beteiligten erforderlich.

Dr. Annette Tuffs | idw

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