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Belastungsinkontinenz: Therapieverfahren auf dem Prüfstand

27.08.2002


In den Händen erfahrener Urogynäkologen sind minimal-invasive Eingriffe, bei denen ein spannungsfreies Vaginal-Band eingesetzt wird, eine sichere Methode zur Behandlung der Belastungsinkontinenz. Dies belegen Untersuchungen an einer großen Zahl von Patientinnen, die Experten auf der 32. Tagung der International Continence Society (ICS) in Heidelberg präsentieren. Allerdings warnen die Experten betroffene Frauen vor unerfahrenen Operateuren, die das Verfahren kritiklos und ohne ausreichende Diagnostik anwenden.

Abhängig von Alter und Schweregrad leiden in Deutschland etwa 15 bis 35 Prozent der Frauen unter Harninkontinenz. Bei den über 50-Jährigen hat fast jede zweite - etwa acht Millionen Frauen - eine leichte Form. Zwischen 12 und 18 Prozent sind schwer betroffen: zwei bis gut drei Millionen Frauen. Bei etwa der Hälfte der Fälle handelt es sich um eine so genannte Belastungs- oder Stressinkontinenz. Dabei kommt es unter körperlicher Belastung (Husten, Niesen, Heben, später auch bei simplen Bewegungen wie Gehen oder sogar in Ruhe ) zu einem unfreiwilligen Urinverlust.

In leichten Fällen kann ein Beckenbodentraining hilfreich sein. "Dieses Training ist zumindest wirksamer als keine Behandlung oder eine Scheinbehandlung", erklärten auf der 32. Tagung der International Continence Society Vertreter der Cochrane-Organisation, einem internationalen Forscher-Netzwerk, das die Wirksamkeit medizinischer Therapien auf der Grundlage klinischer Studien überprüft und bewertet. Ob das Training, das zumeist Frauen vor den Wechseljahren empfohlen und angeboten wird, jedoch besser oder schlechter ist als andere physikalische Methoden, etwa die Elektrostimulation, oder ob es mit anderen Verfahren kombiniert werden sollte, können die Experten noch nicht abschätzen.

Wenn die konservative Therapie ausgeschöpft ist, kann eine Operation den betroffenen Frauen helfen. "Goldstandard" ist die so genannte Colposuspension. Bei dieser Operation heben die Ärzte den Blasenhals und den oberen Teil der Harnröhre an. Die Erfolgsrate ist hoch: 70 bis 90 Prozent der Patientinnen werden geheilt. Inzwischen ist dieser Eingriff auch minimal invasiv per Bauchspiegelung (Laparoskopie) möglich. Offen ist bislang, ob die Ärzte mit dem schonenderen Verfahren langfristig vergleichbar gute Ergebnisse erzielen können wie mit der konventionellen Operation.

Seit fünf Jahren steht eine weitere, ebenfalls wenig belastende Strategie zur Verfügung: Bei einem minimal-invasiven Eingriff setzen die Ärzte unter örtlicher Betäubung ein so genanntes TVT-Band ein (englisch: Tension-free Vaginal Tape, spannungsfreies Vaginal-Band). Dieses Band aus Kunststoff fixiert die Harnröhe, da Bindegewebszellen in das Gewebe einwandern und es verfestigen.

Weltweit haben Ärzte bislang rund 290 000 Frauen ein TVT-Band eingesetzt, 76 000 in Europa, davon annähernd die Hälfe in Deutschland (30 000 bis 35 000). "Bei der TVT-Operation handelt es sich um eine wirkliche Innovation mit großem Potential", bescheinigt Professor Eckard Petri, Chefarzt der Frauenklinik des Klinikums Schwerin, dem neuen Verfahren. "Die Erfolgsraten sind exzellent, die Kurzzeitergebnisse bei mehr als 90 Prozent der Patientinnen gut."

Risiko inkompetenter Operateur

Kritisch äußert sich der Experte hingegen über manche Kollegen, die das Verfahren ohne ausreichende Vor-Diagnostik und strenge Indikationsstellung anwenden. Besonders problematisch wird es, wenn unerfahrene Ärzte sich darüber hinaus nicht an die Empfehlungen der Experten zur Operationstechnik halten. In solchen Fällen kann es zu schweren Verletzungen von Darm, Blase und dem umgebenden Gewebe kommen. "Risiken und Gefahren für die Patientin",warnt Petri, "drohen bei dieser Methode nicht durch das Verfahren selbst, sondern durch den Operateur, der keine Erfahrung hat, die Methode kritiklos anwendet und die operativen Prinzipien missachtet." Mindestens 20 bis 25 solcher Eingriffe pro Jahr sollte ein Arzt machen, um das Verfahren zu beherrschen, gibt Petri als grobe Richtgröße vor - und zumindest danach kann sich jede Frau vor dem Eingriff erkundigen.

Zusammen mit Kollegen der Universitätsfrauenkliniken von Halle-Wittenberg, Prag und Hamburg-Eppendorf hat Petri vor einiger Zeit die erste deutsche prospektive Studie mit einer großen Zahl von Patientinnen (180) gestartet, um die Ergebnisse der TVT-Operation mit jenen der Colposuspension zu vergleichen. Nach einer umfangreichen Diagnostik, um die Diagnose "Belastungsinkontinenz" zu sichern, erhielten jeweils 90 Patientinnen entweder eine TVT-Operation oder eine Colposuspension.

TVT-Operation ist ein sicheres Verfahren mit geringer Komplikationsrate

Während der Tagung in Heidelberg stellten die Urogynäkologen die ersten Kurzzeit-Ergebnisse dieser Studie vor. "In den Händen erfahrener Urogynäkologen", so lautet das Fazit, "ist die TVT-Operation ein sicheres Verfahren mit einer niedrigen Komplikationsrate während und nach der Operation. Die Methode ermöglicht darüber hinaus, dass sich die Blasenfunktion der Patientinnen schneller erholt und so der Krankenhausaufenthalt verkürzt wird." Patientinnen, welche die TVT-Operation erhalten hatten, konnten die Klinik im Schnitt nach drei Tagen verlassen, während Frauen, die sich dem größeren Eingriff unterzogen, erst nach acht Tagen entlassen wurden.

Komplikationen wie etwa Wundinfektionen, Fieber, Blutergüsse oder Blutverlust, registrierten die Ärzte bei keiner TVT-Operation - diese waren aber auch bei der großen Operation selten. Zu Harnwegsinfekten kam es bei fast zehn Prozent der Patientinnen nach Colposuspension und bei fünf Prozent nach TVT-Operation. Zwei Frauen in der TVT-Gruppe und eine in der Colposuspension-Gruppe erlitten Blasenverletzungen. "Wir werden die Patientinnen nun weiterhin in mehrmonatigen Abständen untersuchen, sagt Petri, "um die Langzeiteffekte der beiden Methoden sowie deren Wirksamkeit zu überprüfen."

Kontakt:
Prof. Dr. med. Eckhard Petri
Chefarzt der Frauenklinik, Klinikum Schwerin
Wismarsche Str. 397, 19049 Schwerin
Tel.: 0385-520-2300, Fax: 0385-520-2318; E-Mail: Eckhard.petri@klinikum-sn.de

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw

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