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Neues Lungenersatzverfahren lässt aufatmen

23.07.2002


Bei einem Schwerstverletzten mit akutem Lungenversagen wurde in der Intensivstation der Klinik für Anaesthesiologie der Uni Würzburg weltweit erstmals ein neuartiges Lungenersatzverfahren angewendet. Mit Erfolg: Das Leben des 27-jährigen Patienten, der bei einem Motorradunfall mit hoher Geschwindigkeit gegen ein Verkehrsschild geprallt war, konnte dadurch gerettet werden.

Beim akuten Lungenversagen handelt es sich um eine lebensbedrohliche Erkrankung, die nach wie vor in 40 bis 60 Prozent der Fälle zum Tode führt. Hochgradig gefährdet sind unter anderem Schwerstverletzte mit einem so genannten stumpfen Brustkorbtrauma, einer typischen Verkehrsverletzung.

In den vergangenen Jahren wurde durch Innovationen bei der künstlichen Beatmung und durch eine verbesserte Erstversorgung am Unfallort die Häufigkeit des Lungenversagens weiter reduziert. Dennoch kann es trotz Ausnutzung aller intensivmedizinischen Möglichkeiten zum Lungenversagen kommen. Dies ist dann mit den Standardmethoden nicht immer beherrschbar und macht ein Lungenersatzverfahren erforderlich. Was es damit auf sich hat, erläuterten Prof. Dr. Norbert Roewer, Direktor der Klinik für Anaesthesiologie, und seine Mitarbeiter Dr. Jörg Brederlau und Dr. Martin Anetseder am Montag, 22. Juli, bei einem Pressegespräch im Uniklinikum.

Der bislang gängige Lungenersatz steht in ganz Deutschland nur in vier so genannten ECMO-Zentren zur Verfügung, nämlich in Aachen, Berlin, Freiburg und Marburg. ECMO steht für "Extracorporale Membranoxygenierung". Dabei wird das Blut des Patienten an der Leiste aus dem Körper geleitet und mit einer Pumpe durch eine spezielle Membran gepresst. Dort wird es von Kohlendioxid befreit und mit Sauerstoff angereichert. Über die andere Leiste wird das Blut dann wieder in den Körper des Patienten gebracht.

Die Nachteile dieses Verfahrens ergeben sich daraus, dass der Einsatz einer Blutpumpe nötig ist: Das Gerät selbst wird dadurch technisch aufwändig, sehr voluminös und folglich nicht transportabel. Außerdem quetscht die Pumpe die roten Blutkörperchen, wodurch unter anderem die Blutgerinnung aus der Balance geraten könne, so Dr. Brederlau.

Bei dem in der Würzburger Uniklinik jetzt erstmals bei einem Schwerstverletzten verwendeten System wird dagegen keine Pumpe benötigt. Das kommt daher, dass es eine neuartige Membran enthält. Diese setzt dem Blutfluss einen so geringen Widerstand entgegen, dass die Schlagkraft des Herzens ausreicht, um den Blutstrom außerhalb des Körpers in Gang zu halten. Entwickler und Hersteller der Membran ist die Firma Jostra (Hirrlingen).

Durch den Verzicht auf die Pumpe wird der technische Aufwand erheblich reduziert. Das Gerät ist so klein, dass es sich zwischen den Knien des Patienten installieren lässt. Während dieser an das System angeschlossen ist, kann er sogar operiert werden. Außerdem kann das Gerät direkt zum Patienten gebracht werden, und das ist gerade bei Schwerstverletzten, die in der Regel überhaupt nicht oder nur mit sehr hohem Risiko für ihr Leben transportabel sind, ein großer Vorteil. Ebenso müssen die Patienten nicht mehr den Gefahren ausgesetzt werden, die mit dem Transport in eines der vier ECMO-Zentren verbunden sind: Das neue Verfahren kann potenziell in jedem Schwerpunktkrankenhaus etabliert werden.

Wie kamen die Würzburger Mediziner dazu, das Unfallopfer als erste mit diesem System zu behandeln? "Wir haben uns aus der Situation heraus dazu entschlossen. Hätten wir das nicht getan, dann wäre der Patient gestorben", so Prof. Roewer. Da spielt es auch keine Rolle, dass der therapeutische Stellenwert der neuartigen Membran erst noch in einer Multicenterstudie an mehreren Kliniken - auch an der Würzburger Uniklinik - ermittelt werden muss. Wenn heute wieder ein ähnlicher Fall wie der Motorradfahrer auf die Intensivstation käme? "Dann würden wir das System sofort wieder einsetzen", sagt Prof. Roewer ohne zu zögern.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Norbert Roewer, T (0931) 201-30121, Fax (0931) 201-30444,
E-Mail:nroewer@anaesthesie.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw

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