Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Leberkrank dank AIDS-Resistenz

17.07.2002


Eine bestimmte Mutation macht ihren Träger gegen die meisten Erreger der unheilbaren Immunschwäche AIDS resistent. Wie Bonner Wissenschaftler nun herausfanden, erhöht die Resistenz jedoch gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, sich mit der Leberentzündung Hepatitis C zu infizieren - einer Kankheit, die ebenfalls tödliche Folgen haben kann. Das Ergebnis, das die Forscher jetzt in der Zeitschrift "Gastroenterology" vorstellten (Gastroenterology 2002; Vol. 122 Nr. 7; Seite 1721-1728), stellt mögliche Behandlungsstrategien der gefährlichen Immunschwächekrankheit in Frage.



Befällt ein Hepatitis C-Virus eine Leberzelle, gibt diese sogenannte Chemokine ins Blut ab. Das sind Signalstoffe, die normalerweise bestimmte Entzündungszellen anlocken. Diese "T-Lymphozyten" töten die geschädigte Zelle ab - und damit auch die Viren, die die Infektion ausgelöst haben. T-Lymphozyten tragen auf ihrer Oberfläche einen Sensor für Chemokine. Doch der Sensor funktioniert bei manchen Menschen nicht: In ihrem Erbgut ist die Bauanleitung für den Chemokin-Detektor aufgrund einer Mutation unvollständig. An die defekten Sensoren kann kein Chemokin andocken: Der Notruf der Leberzelle verhallt ungehört; die Abwehrzellen sind für den Virenangriff blind und taub. Entsprechend schwerer scheint es der Körper in diesen Fällen zu haben, sich gegen Krankheiten wie Hepatitis C zur Wehr zu setzen.

... mehr zu:
»Aids »Hepatitis C »Mutation »Virus


Dieselbe Mutation verhindert aber auch, dass sich die betroffene Person mit AIDS infiziert. Denn AIDS-Viren befallen unter anderem die T-Lymphozyten, setzen sie außer Gefecht und rufen auf diese Weise die tödliche Immunschwäche hervor, die der Krankheit ihren Namen gab. Als "Eintrittspforte" dient ihnen dabei der Chemokin-Sensor - ist dieser verändert, kann das Virus die Abwehrzelle nicht befallen.

Jede Zelle besitzt zwei Kopien des Sensor-Gens - eine von der Mutter, eine vom Vater. Bei Menschen, bei denen nur eine Kopie verändert ist, schreitet eine HIV-Infektion in der Regel langsamer voran. Sind beide Genkopien mutiert, ist der Betroffene gegen die meisten HIV-Stämme resistent.

Etwa ein Prozent aller Deutschen haben zwei defekte Sensorgene geerbt. Bei Hepatitis C-Patienten ist diese Quote deutlich erhöht: "Von 153 Probanden mit Antikörpern gegen Hepatitis C trugen zwölf zwei Kopien des mutierten Gens", erklärt Professor Dr. Ulrich Spengler von der Medizinischen Klinik und Poliklinik I. Das sind 7,8 Prozent - weit mehr, als statistisch zu erwarten gewesen wäre. "Die Anzahl der im Blut gefundenen Viren war bei diesen Patienten bis zu viermal so hoch wie bei Hepatitis C-Kranken, die die Mutation nicht trugen."

Das Ergebnis spricht dafür, dass die Mutation eine Infektion mit den Viren der Leberentzündung erleichtert. "Eine schlagkräftige Immunantwort ist gerade in der Frühphase einer Hepatitis C-Infektion sehr wichtig", erklärt Professor Spengler: Je effektiver die körpereigene Abwehr in dieser "Akuten Phase" funktioniert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Körper mit der Virenattacke fertig wird. Ansonsten droht die Leberentzündung chronisch zu werden. Als Spätfolgen können sich in dem lebenswichtigen Organ Narben bilden; der Blutdurchfluss durch die "zirrhotische" Leber ist mitunter so sehr erschwert, dass sich beispielsweise die Gefäße in der Speiseröhre krankhaft erweitern und bei der Nahrungsaufnahme platzen können. Bei einer chronischen Hepatitis C steigt zudem das Leberkrebsrisiko erheblich an.

Rund 150 Millionen Hepatitis C-Erkrankte gibt es weltweit, jeder 200. Bundesbürger ist mit dem tückischen Erreger infiziert. Bei drei Viertel der Betroffenen nimmt die Krankheit einen chronischen Verlauf - wahrscheinlich, weil die Immunabwehr im Anfangsstadium der Infektion nicht effektiv genug war. "Was genau darüber entscheidet, ob die Abwehrschlacht erfolgreich ist, wissen wir nicht", gibt Professor Spengler zu, "die Mutation des Chemokinsensor-Gens scheint aber in einigen Fällen eine wichtige Rolle zu spielen." Mögliche Abwehrstrategien gegen AIDS, die auf der Störung der Chemokin-Sensoren fußen, könnten daher gravierende Nebenwirkungen haben - "ein Risiko, das im Zuge der weiteren Forschung in jedem Fall zu berücksichtigen sein wird."

Gut 40 Millionen Menschen weltweit sind mit dem HI-Virus infiziert; die unheilbare Immunschwäche AIDS forderte allein in Afrika im vergangenen Jahr mehr als zwei Millionen Opfer.

Ansprechpartner: Professor Dr. Ulrich Spengler, Medizinische Klinik und Poliklinik I der Universität Bonn, Tel.: 0228/287-5850, Fax: 0228/287-4323, E-Mail: spengler@uni-bonn.de, oder Dr. Rainer Woitas, Tel.: 0228/287-6334, E-Mail: woitas@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw

Weitere Berichte zu: Aids Hepatitis C Mutation Virus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz zur Therapie der diabetischen Nephropathie
19.09.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

nachricht Ein neuer Ansatz bei Hyperinsulinismus
18.09.2017 | Schweizerischer Nationalfonds SNF

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Im Focus: Quantensensoren entschlüsseln magnetische Ordnung in neuartigem Halbleitermaterial

Physiker konnte erstmals eine spiralförmige magnetische Ordnung in einem multiferroischen Material abbilden. Diese gelten als vielversprechende Kandidaten für zukünftige Datenspeicher. Der Nachweis gelang den Forschern mit selbst entwickelten Quantensensoren, die elektromagnetische Felder im Nanometerbereich analysieren können und an der Universität Basel entwickelt wurden. Die Ergebnisse von Wissenschaftlern des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel sowie der Universität Montpellier und Forschern der Universität Paris-Saclay wurden in der Zeitschrift «Nature» veröffentlicht.

Multiferroika sind Materialien, die gleichzeitig auf elektrische wie auch auf magnetische Felder reagieren. Die beiden Eigenschaften kommen für gewöhnlich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

»Laser in Composites Symposium« in Aachen – von der Wissenschaft in die Anwendung

19.09.2017 | Veranstaltungen

Biowissenschaftler tauschen neue Erkenntnisse über molekulare Gen-Schalter aus

19.09.2017 | Veranstaltungen

Zwei Grad wärmer – und dann?

19.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

»Laser in Composites Symposium« in Aachen – von der Wissenschaft in die Anwendung

19.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Zentraler Schalter der Immunabwehr gefunden

19.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Materialchemie für Hochleistungsbatterien

19.09.2017 | Biowissenschaften Chemie