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Wenn nach der Geburt die Welt zusammenbricht

09.07.2002


Heidelberger Mutter-Kind-Therapie: Nicht nur die Depression wird behandelt, sondern auch die Interaktion zwischen Mutter und Kind

Mit großen Augen sucht das Baby den Blick seiner Mutter zu erhaschen. Die wendet ihr Gesicht von ihm ab. Ihre Miene ist starr, die Gegenwart des nur wenige Monaten alten Kindes, das um ihre Aufmerksamkeit kämpft, scheint sie kaum zu bemerken. Nach einiger Zeit gibt das Baby seine Bemühungen auf; es zieht sich zurück.

Eine Szene, die sich nicht selten abspielt, denn jede fünfte Mutter erkrankt nach der Entbindung an einer Depression. Hoffnungslosigkeit und mangelnder Antrieb wiegen in dieser Situation, die eigentlich zu den schönsten des Lebens gehören sollte, besonders schwer. Denn die eigenen Schuldgefühle, oft auch das Unverständnis der Umgebung und die starken Bedürfnisse des Neugeborenen können die Erkrankungssymptome verstärken. Nur wenige Kliniken in Deutschland sind bislang darauf eingerichtet, depressive Mütter und ihr Kind aufzunehmen, und ihnen damit die Chance auf eine umfassende Therapie zu eröffnen. Die Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg unter der Leitung des Ärztlichen Direktors Professor Christoph Mundt bietet seit vergangenem Jahr für Mütter mit ihren Kindern die Behandlung in einer Station oder eine teilstationäre Behandlung an.

Stresshormone und hoher Puls beim Baby / Langfristige psychische Folgen

"Kind und Mutter sind eine Einheit", sagt die Psychologin Dr. Corinna Reck, die das Projekt leitet. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt: Nicht nur die psychischen Symptome der Mutter müssen behandelt werden, auch im Umgang mit ihrem Kind braucht sie professionelle Unterstützung. Denn Babies, die ohne engen emotionalen Kontakt zur Mutter oder einer anderen Bezugsperson aufwachsen und sogar von der Mutter abgewiesen werden, tragen in hohem Maße psychische Schäden davon, weit über das Säuglingsalter hinaus, zum Beispiel Verhaltensauffälligkeiten und mangelnde Kommunikationsfähigkeit. Akut lassen sich beim Baby körperliche Reaktionen auf das Verhalten der Mutter messen: hohe Konzentrationen des Stresshormons Cortisol, erhöhter Puls und Blutdruck. Zunächst reagiert das Baby eher agitiert auf das abweisende Verhalten der Mutter, dann zeigt es selbst depressive Verhaltensweisen.

"Neugeborene sind keineswegs passiv und nur von ihren Trieben bestimmt, wie man früher einmal angenommen hat", erklärt Corinna Reck. Als aktive Wesen sind sie vielmehr in der Lage, Beziehungen aufzubauen und abzubrechen. Die "Video-Mikroanalyse", bei der die Interaktion zwischen Mutter und Kind in Bruchteilen von Sekunden von einer Videokamera aufgezeichnet und dann analysiert wird, ist ein wichtiges diagnostisches Instrument der Heidelberger Mutter-Kind-Therapie. So lässt sich beispielsweise folgende Szene minutiös verfolgen, die der herkömmlichen Beobachtung verborgen geblieben wäre: Ein Baby, das zunächst ständig von seiner Mutter abgewiesen wurde, reagiert auf ihre nunmehr aggressiven Zuwendungsversuche mit starker Abwehr. Es reißt beide Arme empor und verdeckt schützend sein Gesicht.

Therapie setzt auf Entdeckung und Verstärkung intuitiver Kompetenzen

Zunächst wird die Depression der Mutter mit Medikamenten und Psychotherapie behandelt. Wenn sich ihr psychischer Zustand stabilisiert hat, widmet sich der Therapeut der Interaktion mit dem Kind. "Rooming in allein reicht nicht aus, um eine tragfähige Beziehung herzustellen", sagt Corinna Reck. Der gemeinsame stationäre Aufenthalt bietet den beiden zwar einen Rückzugsort, in dem sie ihre Beziehung neu aufbauen können, doch benötigen sie dafür professionelle Hilfe. Mit Hilfe von Videoaufzeichnungen können positive Verhaltensweisen verstärkt werden. Der Mutter soll lernen, ihre intuitiven Kompetenzen zu entdecken und umzusetzen. Diese werden verstärkt, wenn sie die ersten positiven Signale von ihrem Baby zurückbekommt.

Weitere Informationen:
Dr. Corinna Reck
Psychiatrische Universitätsklinik
Abteilung Allgemeine Psychiatrie
Tel. 06221 / 56 - 4465
E-Mail: Corinna_Reck@med.uni-heidelberg.de



Dr. Annette Tuffs | idw

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