Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Blutvergiftung schonend ausgebremst

23.04.2008
Bekannter Wirkstoff gegen Vergiftungen stoppt Entzündung bei Sepsis / Heidelberger Wissenschaftler veröffentlichten in Critical Care Medicine

Pro Jahr entwickeln rund 200.000 Patienten in Deutschland eine Sepsis - ein Drittel stirbt an den Folgen der außer Kontrolle geratenen Infektion. Eine neue Methode, die tödliche Entzündung bei Blutvergiftung (Sepsis) einzudämmen, haben Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg mit Erfolg erprobt: Der Wirkstoff, der klinisch bereits bei Vergiftungen zum Einsatz kommt, unterbricht die Entzündungsreaktion effektiv, verursacht dabei aber weniger Nebenwirkungen und ist kostengünstiger als die bekannten Therapien. Die Ergebnisse wurden im Februar 2008 in der Fachzeitschrift Critical Care Medicine veröffentlicht.

Die Sepsis - in Deutschland die dritthäufigste Todesursache, auf den Intensivstationen die Nummer eins - entwickelt sich infolge schwerer Erkrankungen, einer infizierten Verletzung oder nach großen Operationen. Ausgehend vom Krankheitsherd verteilen sich Erreger im ganzen Körper. Es kommt zu einer fatalen Kettenreaktion mit hohem Tempo: Entzündungen breiten sich im ganzen Körper aus, der Kreislauf kollabiert und der Organismus gerät in einen Schockzustand, die Blutgerinnung wird überaktiv und die Adern verstopfen. Schließlich versagen Nieren, Lunge, Leber und Herz.

"Seit einigen Jahren weiß man, dass Entzündungen vom vegetativen Nervensystem beeinflusst werden", erklärt Privatdozent Dr. Markus Weigand, Geschäftsführender Oberarzt der Anästhesiologischen Universitätsklinik Heidelberg und Leiter der interdisziplinären Arbeitsgruppe. Der Teil des vegetativen Systems, das den Körper in den Ruhezustand versetzt (Parasympathikus), kontrolliert über einen Regelmechanismus auch die Ausschüttung entzündungsfördernder Stoffe, der Zytokine. Der Regler ist der neuronale Botenstoff Acetylcholin: Je mehr Acetylcholin freigesetzt wird, desto weniger Zytokine gelangen in die Blutbahn - die Entzündung bleibt unter Kontrolle.

Körpereigener Regelmechanismus muss in Gang gesetzt werden

"Bisher verabreichen wir bei einer Sepsis z.B. Nikotin", so Dr. Weigand. Es verhält sich ähnlich wie Acetylcholin und verhindert das weitere Voranschreiten der Entzündung. Gleichzeitig müssen die Mediziner den Erreger identifizieren, der die Entzündung verursacht. Das ist die Voraussetzung für die lebensrettende Antibiotika-Therapie. Doch Nikotin hat Nachteile: Das Gift der Tabakpflanze kann in den erforderlichen Mengen schwere Nebenwirkungen - wie Herzrasen bis hin zu Herzrhythmusstörungen - auslösen. Auch alternative Therapien bei septischem Schock beeinträchtigen stark Stoffwechselfunktionen oder Blutgerinnung.

Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe suchte Alternativen, den entzündungshemmenden Mechanismus in Gang zu setzen, und wurde bei bereits bekannten Wirkstoffen fündig: Physostigmin - bekannt als "Anticholium" - und Neostigmin lindern Vergiftungserscheinungen u.a. durch überdosierte Beruhigungsmittel oder Antidepressiva sowie durch den Verzehr giftiger Pflanzen aus der Familie der Nachtschattengewächse. "Physostigmin und Neostigmin verhindern, dass Acetylcholin durch das Enzym Cholinesterase abgebaut wird", erklärt Dr. Stefan Hofer, Oberarzt der Anästhesiologischen Klinik und Erstautor der Studie. "So steht mehr Acetylcholin zur Verfügung."

In der aktuellen Studie an Mäusen drosselten die beiden Cholinesterase-Hemmer die Ausschüttung von Zytokinen und damit die Entzündungsreaktion ebenso effektiv wie Nikotin: Im Vergleich zu unbehandelten Mäusen hatten Tiere, die mit Physostigmin, Neostigmin oder Nikotin behandelt wurden, mehr als doppelt so hohe Überlebenschancen.

Neue Wirkstoffe verursachen weniger Nebenwirkungen und sind kostengünstiger

"Die Cholinesterase-Hemmer haben ein überschaubares Nebenwirkungsprofil und wir wissen genau, in welchen Fällen wir es ohne Risiko für den Patienten einsetzen können", erklären Dr. Stefan Hofer und Mitautor Dr. Christoph Eisenbach, Abteilung für Gastroenterologie, Infektionskrankheiten und Vergiftungen der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg. Das Medikament kann problemlos über eine Infusion verabreicht werden. Außerdem ist die Behandlung mit dem Hemmstoff deutlich kostengünstiger: "Bisher kostet die Behandlung der Sepsis mehrere Tausend Euro; eine 24-stündige Behandlung mit einem Cholinesterase-Hemmer läge bei klinischer Anwendbarkeit der Therapie bei ca. 200 Euro", so der Anästhesist.

Im nächsten Schritt wird der neue Therapieansatz klinisch geprüft, eine entsprechende Studie durch das interdisziplinäre Studienzentrum der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg ist für Ende 2008 geplant. Hält die Therapie mit Anticholium, was sie verspricht, kann sie in den "Heidelberg Sepsis Pathway" integriert werden - eine Therapieempfehlung mit Checklisten, die Privatdozent Dr. Markus Weigand mit seiner Arbeitsgruppe entwickelt hat. Sie setzt internationale Behandlungsleitlinien um und wurde bereits in zahlreichen Fortbildungsveranstaltungen Intensivmedizinern vermittelt.

Ansprechpartner:
Dr. Stefan Hofer
Anästhesiologische Universitätsklinik Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 37 787
E-Mail: stefan.hofer@med.uni-heidelberg.de
Literatur:
Hofer, Stefan; Eisenbach, Christoph; Lukic, Ivan K.; Schneider, Lutz; Bode, Konrad; Brueckmann, Martina; Mautner, Sven; Wente, Moritz N.; Encke, Jens; Werner, Jens; Dalpke, Alexander H.; Stremmel, Wolfgang; Nawroth, Peter P.; Martin, Eike; Krammer, Peter H.; Bierhaus, Angelika; Weigand, Markus A.: Pharmacologic cholinesterase inhibition improves survival in experimental sepsis, Critical Care Medicine. 36(2):404-408, February 2008.
(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums
Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden.)
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

Weitere Berichte zu: Acetylcholin Entzündung Sepsis Vergiftung Zytokin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - September 2017

17.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

1,4 Millionen Euro für Forschungsprojekte im Industrie 4.0-Kontext

20.07.2017 | Förderungen Preise

Von photonischen Nanoantennen zu besseren Spielekonsolen

20.07.2017 | Physik Astronomie

Bildgebung von entstehendem Narbengewebe

20.07.2017 | Biowissenschaften Chemie