Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mobiltelefone in Afrika: Bayreuther Forschungen zur Händlerkultur der Swahili

12.10.2009
Mobiltelefone haben sich in Afrika zu einem populären Instrument der Alltagskommunikation entwickelt.

Ein Beitrag der Bayreuther Afrikaforscherin Julia Pfaff befasst sich mit der Bedeutung des Mobiltelefons in der Kultur und im Lebensalltag der Swahili, die an der ostafrikanischen Küste beheimatet sind und vielfältige Handelsbeziehungen rund um den Indischen Ozean unterhalten.

Die Forschungsarbeiten sind Teil des Bayreuther DFG-Projekts "Mobilität, Translokalität und Handel: Imaginative Geographien der Swahili" unter der Leitung von Prof. Dr. Detlef Müller-Mahn.

Bayreuth (UBT). Mobiltelefone haben sich in Afrika zu einem populären Instrument der Alltagskommunikation entwickelt. Insbesondere junge Leute kennen sich mit den vielfältigen Produkten, Marken und Herstellern bestens aus, leistungsstarke Handys mit attraktivem Design haben geradezu einen Kultstatus erreicht. Ein kürzlich erschienener Aufsatzband versammelt unter dem Titel "Mobile Phones: The New Talking Drums of Everyday Africa" wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit gesellschaftlichen Aspekten der mobilen Kommunikation in verschiedenen Ländern Afrikas befassen.

Ein Beitrag der Bayreuther Afrikaforscherin Julia Pfaff untersucht darin die Bedeutung des Mobiltelefons in der Kultur und im Lebensalltag der Swahili. Unter der Bezeichnung "Swahili" wird in der Forschung diejenige Bevölkerung zusammengefasst, die insbesondere an der ostafrikanischen Küste beheimatet ist, arabische Vorfahren hat, Kiswahili als Muttersprache verwendet und in der Regel muslimischen Glaubens ist.

Mobiltelefone: Materielle Symbole für regionenübergreifenden Händlergeist

Die Swahili haben eine zentrale Bedeutung für die Handelsbeziehungen, die sich ausgehend von den ostafrikanischen Küstenregionen ins Landesinnere sowie rund um den Indischen Ozean erstrecken. Wegen ihrer vielfältigen Vernetzungen im afro-arabischen Raum und ihrer hohen Mobilität gelten sie in Afrika oft als Pioniere der Globalisierung. Wie Julia Pfaff in ihrer Arbeit zeigt, verstärken die modernen Formen der Mobilkommunikation das traditionell verankerte Selbstverständnis einer Bevölkerung, deren Lebenswelt durch transnationale Handelsbeziehungen wesentlich beeinflusst ist. Mobiltelefone dienen dazu, diese Vernetzungen zu organisieren; zugleich sind sie selbst Kauf- und Tauschobjekte, die in den Grenzen überschreitenden Warenverkehr integriert sind. Mehr noch: Mobiltelefone sind eng verbunden mit dem Selbstbild und dem Sozialprestige ihrer jeweiligen Besitzer, weil sie die aktive Teilhabe an raumübergreifenden Kontakten und Beziehungen fördern.

Während ihrer Forschungsreisen ist es Julia Pfaff gelungen, die "Biographie" eines einzelnen Mobiltelefons über eineinhalb Jahre hinweg zu verfolgen und Kontakte mit den wechselnden Besitzern aufzunehmen. Die Rekonstruktion der sozialen, kulturellen und ökonomischen Zusammenhänge, in die das Mobiltelefon in diesem Zeitraum eingebettet war, fördert eine Vielfalt von Rollen und Funktionen zutage, die über unmittelbare Kommunikationszwecke hinausreichen. Denn in den Umgang mit dem Handy, wie er für die Alltagswelt der Swahili charakteristisch ist, fließen häufig auch berufliche oder private Lebenskonzepte sowie kulturelle Wertvorstellungen ein.

Ein DFG-gefördertes Projekt zu den "imaginativen Geographien" der Swahili:
Teilnahme an Handelsreisen geplant
Diese Forschungsarbeiten zur Rolle der mobilen Kommunikation sind Teil des Projekts "Mobilität, Translokalität und Handel: Imaginative Geographien der Swahili" am Lehrstuhl für Bevölkerungs- und Sozialgeographie der Universität Bayreuth. Es wird von Prof. Dr. Detlef Müller-Mahn geleitet und seit Januar 2009 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Das Projekt befasst sich mit der praktischen Ausgestaltung des Beziehungsnetzes, das die Swahili zwischen Ostafrika, Arabischer Halbinsel, Südostasien und Europa unterhalten. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Begriff der "imaginativen Geographien": Orte und Regionen, an denen sich das Denken und Handeln von Menschen ausrichtet, sind nicht allein durch ihre jeweilige Position auf der Landkarte definiert. Sie sind aufgeladen mit Vorstellungen von Zugehörigkeiten und Beziehungsnetzen, mit Emotionen und Geschichtsbildern. Gerade deshalb entfalten sie ihre Wirkung auf die soziokulturellen Orientierungen in einer Gesellschaft.

Das Bayreuther DFG-Projekt will diese Zusammenhänge am Beispiel der Swahili mit einer Vielzahl ethnographischer und kulturgeographischer Methoden herausarbeiten. Dabei spielt die Teilnahme an Handelsreisen eine entscheidende Rolle. Julia Pfaff, die bereits eine Gruppe von Swahili-Händlern ins Landesinnere begleitet hat, wird demnächst an einer Handelsreise nach Bangkok und Singapur teilnehmen. Eine weitere geplante Reise dient der Begleitung einer Gruppe junger Swahili-Händler von Sansibar nach Dubai.

Ausführliche Darstellung der Forschungsarbeit von Julia Pfaff:
http://www.uni-bayreuth.de/blick-in-die-forschung/18-2009.pdf
Bildmaterial zum Download, zur Veröffentlichung frei:
http://www.uni-bayreuth.de/blick-in-die-forschung/18-2009-Bilder/
Titelaufnahmen:
Julia Pfaff (2009), The Mobility of a Mobile Phone: Examining "Swahiliness" through an Object's Biography, in: Mirjam de Bruijn, Francis Nyamnjoh, Inge Brinkman (eds.), Mobile Phones: The New Talking Drums of Everyday Africa, Langaa Publishers / ASC, S. 1 - 18.

Julia Pfaff (2007), Finding One's Way through Places - a Contemporary Trade Journey of Young Zanzibari Traders, in: Hans Peter Hahn, Georg Klute (eds.), Cultures of Migration, Lit Verlag, Münster, S. 61 - 88.

Kontaktadressen für weitere Informationen:

Lehrstuhl für Bevölkerungs- und Sozialgeographie
Universität Bayreuth
Julia Pfaff
Telefon: +49 (0)921 / 55-2279
E-Mail: julia.pfaff@uni-bayreuth.de
Prof. Dr. Detlef Müller-Mahn
Telefon: +49 (0)921 / 55-2286 und -2278
E-Mail: muellermahn@uni-bayreuth.de

Christian Wißler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Moderne Medientechnik im Atlasgebirge
17.08.2017 | Universität Siegen

nachricht Wissenschaftler entschlüsseln das „perfekte Selfie“
26.06.2017 | Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer IPM präsentiert »Deep Learning Framework« zur automatisierten Interpretation von 3D-Daten

22.08.2017 | Informationstechnologie

Globale Klimaextreme nach Vulkanausbrüchen

22.08.2017 | Geowissenschaften

RWI/ISL-Containerumschlag-Index erreicht neuen Höchstwert

22.08.2017 | Wirtschaft Finanzen