Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Medien-Experten: Die Zeitung der Zukunft ist individueller und kleiner

08.04.2005


11. Euroforum Jahrestagung „Zukunftsforum Medien"

  • Layout-Papst Mario Garcia: „Nur 10 Sekunden für die Titelseite!“

  • Internet beeinflusst Inhalt, Gestaltung, Preis und Werbeformen
  • Erste Experimente mit Kleinformaten
  • MAN Roland sieht Weltmarkt für Print-Produkte bei 950 Mrd. Euro

Die Tage der Zeitung als großformatiges Druckmedium für alle Zielgruppen sind gezählt. So die Quintessenz der Vorträge und Debatten auf der Euroforum-Jahrestagung „Zukunftsforum Medien“ am Dienstag und Mittwoch in Köln. Die Verlage werden sich den von Fernsehen und Internet geprägten Seh- und Lesegewohnheiten der Leser anpassen müssen und in Zukunft kleinere und an den Interessen unterschiedlichster Zielgruppen ausgerichtete Zeitungen und Zeitschriften mit größerem Bild- und geringerem Text-Anteil entwickeln müssen.

„Keep it simple and clean“, erteilte beispielsweise der eigens aus USA zum Kongress angereiste Layout-Papst Dr. Mario Garcia, einem aufwändigen Medien-Design die Absage. Eine Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften weltweit trägt bereits die Handschrift des Gründers und CEO der in Kalifornien ansässigen Garcia Media Group Inc. (www.garcia-media.com), so auch die „Zeit Punkte“ der deutschen Wochenzeitung. „Good visual journalism is good business“ lautet das Erfolgsrezept des Mediengestalters. Allerdings müsse man die heutigen Lesegewohnheiten der Käufer zunächst genau kennen, um ihnen die passende Zeitung anbieten zu können.

Die Menschen hätten heute beispielsweise einen engeren Bezug zur Technik und würden mehr und schneller lesen. „Allways connected“ sei mittlerweile häufig die Realität, meint Garcia. Eine eigene Studie habe gezeigt, dass rund 80 Prozent der Konsumenten zwei Medien (Internet und Telefon) oft auch simultan nutzten.

Ohne Zweifel werde auch heute noch viel gelesen. Das beweisen laut Garcia nicht zuletzt die Auflagen-Zahlen eines „Harry Potter“ oder von „The New Yorker“. Die Lesegewohnheit bei Zeitungen habe sich aber radikal gewandelt. Die ausgiebige Lektüre am Morgen gehöre der Vergangenheit an. Der Leser entscheide anhand der Titelseite morgens innerhalb von zehn Sekunden nur kurz, was ihn interessiere. Im Arbeitsalltag werde die traditionelle „Zeitung vom Morgen“ heute tagsüber in mehreren Sessions gelesen - und schwerpunktmäßig auch nicht mehr morgens, sondern erst am Feierabend.

„Lasst mehr die Bilder sprechen“, appellierte Garcia daher in Köln an die Zeitungsmacher. Die große Kunst bei der Umstellung auf ein kleineres Zeitungsformat mit mehr Bildanteil - und damit bestätige der amerikanische „Layout-Guru“ auch die Erfahrung der anderen Zeitungsmacher - bestehe darin, die Redakteure im Verlag von dem teils massiv geringeren Textanteil der Zeitungen und Zeitschriften zu überzeugen. Auch im Internet suche der Leser als Ergänzung zum Printmedium keine vertiefenden Stories, sondern eher Fotos.

Der unschätzbare Vorteil der Zeitung gegenüber dem Internet: Die Lektüre ist abends beendet. Damit das Lesen keinen unbefriedigten Nachgeschmack hinterlasse, müssten Zeitungen genau aus diesem Grunde auch kompakt gemacht sein, zeigte sich Garcia überzeugt.

Zeitungsmarkt im Wandel

Bereits heute hat sich der Zeitungsmarkt radikal verändert. Einen starken Einfluss darauf hatte zweifellos das Internet. „Man kann die Zeitungen vor dem Internet nicht schützen“, erklärte Karlheinz Röthemeier, Sprecher der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Rhein-Main GmbH und Vizepräsident im Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e.V. (www.bdzv.de). Das hätten die Zeitungsverlage in den vergangenen Jahren gelernt. Jeder Verlag müsse wohl seinen eigenen Weg finden. Bewährt habe sich beispielsweise eine Vernetzung der regionalen Internet-Strukturen verschiedener Verlage.

Eine starke Tendenz weg von der „Belehrung“ in früheren Zeiten hin zum „Austausch“ hat Eugen Russ, Geschäftsführer des Verlages der österreichischen Vorarlberger Nachrichten ( www.vn.vol.at) für die Zeitung ausgemacht - verursacht unter anderem durch Internet-Angebote wie Ebay und Amazon. Über die Koppelung der gedruckten Seiten mit Online-Inhalten wie Downloads von Ergebnislisten, Formularen, Bauanträgen, Bilanzen oder Liedertexten, hat der Verlag sein Angebot deshalb vertieft. 1.500 Mal sei beispielsweise das Testament des Papstes von den Lesern herunter geladen worden. Damit übernehme die Zeitung quasi die Funktion eines Internet-Browser. Mehr als 1.000 registrierte User verzeichnet das Blatt inzwischen, die nicht nur die Themen für die Lokalausgaben vorgeben, sondern sich darüber hinaus sogar als freie Mitarbeiter aktiv beteiligen.

Insbesondere mit der jüngeren Leserschaft tut sich das Medium Zeitung immer schwerer. Gründe dafür sind laut Axel Dammler, Geschäftsführender Gesellschafter von „iconKids & youth“ (www.iconkids.com), nicht zuletzt die abnehmende Lesebereitschaft und auch Lesefähigkeit bei den Jugendlichen. Der Medientrend „schneller, lauter, greller“ führe dazu, dass auch der den Konsumenten zugemutete Anteil der „Lese-Arbeit“ immer geringer werde. Die Anforderungen an die Printmedien im Jugendsegment gehen Dammler zufolge weg von der Unterhaltung in Richtung „Service und Information“ bei zunehmend mobiler Nutzung. An diesem Interessen-Profil der jungen Leser müssten sich auch die lokalen Zeitungen bei ihrer Zukunftsplanung ausrichten, meint Dammler.

Experimente mit neuen Formaten

Selbst das (Groß-)Format der Zeitung ist kein Tabu. So testen beispielsweise „Die Welt“ und der „Kölner Stadtanzeiger“ derzeit ein „Tabloid“ genanntes Mini-Format zu deutlich herabgesetzten Kaufpreisen. „Auch Zeitungen müssen um Minuten kämpfen“, bringt Franz Sommerfeld, Chefredakteur beim Kölner Stadtanzeiger (www.ksta.de), die Beweggründe seines Verlages für die Herausgabe des „Stadtanzeiger Direkt“ auf den Punkt. Das Zeitalter „eine Zeitung für alle“ neige sich dem Ende zu und es gelte, die gewohnte Zeitung zu einer Markenfamilie mit individuellen Angeboten für bestimmte Zielgruppen zu machen. Sommerfeld: „Wir müssen uns hier die Strategien der Markenartikler zunutze machen und ebenfalls Premium Marken oder Spezial-Titel für bestimmte Altersgruppen entwickeln.“

Auf der Suche nach dem Zeitungskonzept der Zukunft hat die Universität Köln in einem Projekt bereits die Plattform für eine „Individualisierte Gedruckte Zeitung“ entwickelt und zum Patent angemeldet. „… die geeignete Plattform, um neue Formate auszuprobieren“, wie Prof. Dr. Detlef Schoder, Universitätsprofessor am Seminar für Wirtschaftinformatik der Uni Köln (www.wim.uni-koeln.de), erklärte. Die Vielzahl der Anforderungen an die Zeitung wie neue Preise, Formate, Zielgruppen oder Werbestrategien können mit Hilfe der Plattform flexibel umgesetzt werden.

Hauptumsatzträger der Druckindustrie

Dass die Tageszeitung eines Tages komplett aus der Medienlandschaft verschwinde, da sind die Medienexperten einer Meinung, ist trotz der Vielzahl an digitalen und mobilen Medien nicht zu erwarten. „Print entwickelt sich wieder viel versprechend aus einem Tal heraus“, zeigte sich Thomas Hauser, Leiter Marketing und Kommunikation der MAN Roland Druckmaschinen AG (www.man-roland.de), auf der Medien-Tagung überzeugt. Denn neben dem Bedarf an schneller und jederzeit mobil verfügbarer Information hätten die Mediennutzer gleichzeitig den Wunsch nach Fokussierung und Besinnung, wie ihn nur die gedruckten Medien erfüllen können. Der sprichwörtliche Felsen im Meer des Marktes der Print-Produkte, deren Druckvolumen Hauser auf weltweit rund 950 Mrd. Euro jährlich bezifferte, seien Zeitungen und Zeitschriften. Hier sei im Vergleich zu anderen Produkten wie Gruß- und Landkarten, Büchern, Katalogen oder Verpackungen aber auch die meiste Bewegung im Markt hinsichtlich Design, Farbgebung Format oder etwa Aktualität.
Wie mit Content im Internet Geld verdient wird, machen Internet-Provider wie America Online (www.AOL.de) seit Jahren vor. Bei Music-on-Demand (MoD) ist AOL mit 500.000 Kunden inzwischen in Deutschland die Nummer Drei hinter der Telekom-Tochter T-Online und Apple’s iTunes. Als größtes Plus für das funktionierende Online-Business sieht Simone Brecht, Vice President Programming und Mitglied der Geschäftsleitung der AOL Deutschland GmbH und Co. KG, die bestehende Kundenbeziehung für die möglichst einfache Abrechnung der Inhalte (Billing) mit dem Nutzer. Aber auch exklusive Inhalte würden zum Erfolg der Dienste beitragen. Seinen neuesten Dienst, Internet-Telefonie in gewohnt guter Sprachqualität, bietet der Hamburger Provider allerdings seit dieser Woche erstmals auch Nicht-AOL-Mitgliedern an. Ambitionen, im Rahmen einer Triple Play-Strategie via Kabelmodem auch auf den Fernsehbildschirm zu gehen, hege der Internet Provider derzeit nicht, wie die AOL-Managerin auf Nachfrage erklärte.

Dr. phil. Nadja Thomas | EUROFORUM
Weitere Informationen:
http://www.euroforum.de
http://www.tk-europa.de

Weitere Berichte zu: Lesegewohnheit Plattform Zielgruppe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Auf Videokacheln basierendes DASH Streaming für Virtuelle Realität mit HEVC vom Fraunhofer HHI
03.01.2017 | Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik Heinrich-Hertz-Institut

nachricht Virtuell und 360°: die Zukunft bewegter Bilder
04.10.2016 | Fachhochschule St. Pölten

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie

Vom Feld in die Schule: Aktuelle Forschung zu moderner Landwirtschaft für den Unterricht

23.01.2017 | Bildung Wissenschaft

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungsnachrichten