Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wider das spurlose Verschwinden

13.09.2001


Programm der VolkswagenStiftung "Dokumentation bedrohter Sprachen" läuft mit großem Erfolg - eine kurze Bestandsaufnahme anlässlich des Tages der bedrohten Sprachen der Welt am 26. September 2001

Immer mehr Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Die dramatische Entwicklung beginnt zum Beispiel damit, dass in einem Dorf der erste Fernseher aufgestellt wird. Oder mit dem Bau einer Autobahn, die die bislang abgelegene Siedlung plötzlich mit der nächsten Großstadt Hunderte von Kilometern entfernt verbindet. Spätestens mit der Einbindung in größere Kommunikationskreise setzt heutzutage die Bedrohung einer "kleinen" Sprache ein.

Rund zwei Drittel der derzeit weltweit gesprochenen 6500 Sprachen laufen Gefahr, in den nächsten ein bis zwei Generationen auszusterben. Die Sprache sinkt zunächst zur "Haussprache" hinab, wird dann von den Eltern nicht mehr an die Kinder weitergegeben - und schließlich tragen bei traditionellen Festen nur noch die Alten ihre Gesänge und Geschichten vor, die von der Gemeinschaft nicht mehr verstanden werden. Das Programm "Dokumentation bedrohter Sprachen", in dem die VolkswagenStiftung zwischenzeitlich erste Bewilligungen in Höhe von rund 3,5 Millionen Mark ausgesprochen hat, kann diese Entwicklung im Zuge der "kulturellen Globalisierung" natürlich nicht aufhalten. Es kann und soll jedoch versucht werden, die Zeugnisse dieser meist nur mündlich vermittelten Sprachkulturen vor ihrem spurlosen Verschwinden in einem elektronischen Archiv für bedrohte Sprachen aufzeichnen zu lassen: mit Tonband, Videokamera, Fotoapparat und Notizblock.

Die Fäden - insbesondere in technischer und archivarischer Hinsicht - der bewilligten und künftigen Vorhaben in dem Programm laufen zusammen im Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im holländischen Nijmegen. Wissenschaftler dort beraten beim Kauf von Geräten, stellen Tools bereit für die elektronische Aufarbeitung der Video-, Audio- und Textdaten und sorgen für die dauerhafte Aufbewahrung der Aufnahmen in einem virtuellen Archiv für bedrohte Sprachen. Allein diesem zentralen Vorhaben mit dem Titel "TIDEL - Tools and Infrastructure for the Documentation of Endangered Languages" stellte die Stiftung über zwei Millionen Mark zur Verfügung.

Bei der Auswahl der einzelnen zu dokumentierenden Sprachen war es in der Startphase des Programms das Ziel, möglichst alle Regionen der Welt zu berücksichtigen, die sich durch eine große Sprachenvielfalt auszeichnen.
So wird im südlichen Zentralsibirien mit dem Tofa eine Sprache dokumentiert, die nur noch rund 300 Menschen in einer kargen Hochgebirgsregion sprechen. Seitdem diese Bevölkerungsgruppe in den dreißiger Jahren unter Stalin zur Sesshaftigkeit gezwungen wurde, gingen Sprachverschiebung, kultureller Verlust und Russifizierung Hand in Hand. Aufgezeichnet und bearbeitet werden nicht nur Erzählungen und Gespräche, sondern zum Beispiel auch Gesänge, mit denen dieses Hirtenvolk seine Rentiere beruhigt.

Zur Dokumentation des Salar und des Monguor aus dem "Sprachbund" des Amdo-Tibet-Gebietes kooperieren chinesische Wissenschaftler mit Kollegen in Mainz und Kansas. Beide Sprachen, obwohl rein zahlenmäßig noch von ein paar Tausenden gesprochen, werden vom Chinesischen beziehungsweise Tibetanischen verdrängt, sodass sich echte Sprachkompetenz nur noch bei den Frauen der älteren und ältesten Generation findet. Aus den zahlreichen sehr bedrohten Sprachen Afrikas - der Schwarze Kontinent hat linguis-tisch gesehen große weiße Flecken - wird in der Pilotphase des Programms das Ega dokumentiert. Gesprochen wird es an der Elfenbeinküste, und zwar von ein paar hundert Menschen in einer Art linguistischer Enklave: Denn das Ega gehört zu den so genannten Kwa-Sprachen, die inmitten eines Gebietes von Kru-Sprachen gesprochen werden. Dass Heiraten hier nicht innerhalb des Stammes üblich ist, verstärkt noch die Bedrohung der Sprache.

Je reicher eine Region an Sprachen ist, desto größer ist die Gefahr, dass einzelne aussterben. Diese Regel gilt auch für die linguistisch sehr interessante Region Papua-Neuguineas, wo sich immer mehr Pidginsprachen gegen die vielen kleinen Sprachen durchsetzen. Zielsprache dieser Region ist zunächst das Teop, das auf der Insel Bougainville gesprochen wird - oder besser: bald nur noch gesprochen wurde. Denn speziell in zweisprachigen Familien wird das Teop nicht mehr den Kindern weitergegeben. Noch weiter fortgeschritten ist der Sterbeprozess bei der Indianersprache Wichita in Nordamerika, die heute nur noch von zehn älteren Männern gesprochen wird. Wichita ist linguistisch bemerkenswert, da es sich um eine polysynthetische Sprache handelt, die syntaktische wie semantische Zusammenhänge durch Flexionen des Verbs ausdrückt. Andere Wortklassen, etwa Präpositionen, gibt es so gut wie nicht. Für die weite Region Südamerikas bewilligte die Stiftung einen Kooperationsverbund zur Dokumentation der drei brasilianischen Indianersprachen Aweti, Trumai und Kuikuro. Diese drei Sprachen, die von unterschiedlichen Sprachfamilien abstammen, werden heute quasi "nebeneinander" im Reservat Parque Indigeno do Xingu gesprochen. Doch so wenig sie miteinander verwandt sind, so sehr haben sich die kulturellen Ausprägungen der drei Sprachgemeinschaften angeglichen.

Inzwischen ist die Hauptphase des Programms angelaufen. Im März 2002 - wir informieren Sie zeitnah - wird die Stiftung dazu Entscheidungen fällen. Weitere bedrohte Sprachen werden dann dokumentiert und so für das "kulturelle Gedächtnis der Welt" bewahrt. Ein neues Archiv ist im Entstehen, und wer Interesse hat, kann den Aufbau verfolgen.

Kontakt VolkswagenStiftung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Christian Jung, Tel.: 0511/8381-380, E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de

Kontakt Förderinitiative VolkswagenStiftung, Dr. Vera Szöllösi-Brenig, Tel.: 0511/8381-218, E-Mail: szoelloesi@volkswagenstiftung.de

Christian Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.mpi.nl/DOBES

Weitere Berichte zu: Archiv

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Neues BMBF-Forschungsvorhaben zum Tracer-Based Sorting für das Recycling von Verpackungen
23.08.2017 | Hochschule Pforzheim

nachricht Studie für Patienten mit Prostatakrebs: Einteilung in genomische Gruppen soll Therapie präzisieren
21.08.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Platz 2 für Helikopter-Designstudie aus Stade - Carbontechnologie-Studenten der PFH erfolgreich

Bereits lange vor dem Studienabschluss haben vier Studenten des PFH Hansecampus Stade ihr ingenieurwissenschaftliches Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Malte Blask, Hagen Hagens, Nick Neubert und Rouven Weg haben bei einem internationalen Wettbewerb der American Helicopter Society (AHS International) den zweiten Platz belegt. Ihre Aufgabe war es, eine Designstudie für ein helikopterähnliches Fluggerät zu entwickeln, das 24 Stunden an einem Punkt in der Luft fliegen kann.

Die vier Kommilitonen sind im Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites am Hansecampus Stade der PFH Private Hochschule Göttingen eingeschrieben. Seit elf...

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Zukunft des Leichtbaus: Mehr als nur Material einsparen

23.08.2017 | Veranstaltungen

Logistikmanagement-Konferenz 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Latest News

What the world's tiniest 'monster truck' reveals

23.08.2017 | Life Sciences

Treating arthritis with algae

23.08.2017 | Life Sciences

Witnessing turbulent motion in the atmosphere of a distant star

23.08.2017 | Physics and Astronomy