Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Langeneufnach und die Theorie der Protoindustrialisierung

04.07.2001


Regionalhistorische Arbeiten können mit den jeweiligen Phänomenen "vor Ort" die Spezifika eines Raumes erklären; sie können aber auch mit einer empirischen Überprüfung allgemeiner Modelle die Diskussion weiterführen. Anke Sczesny hat in ihrer mit dem diesjährigen Förderpreis des Bezirkstags Schwaben ausgezeichneten Augsburger Dissertation "Zwischen Kontinuität und Wandel. Ländliches Gewerbe und ländliche Gesellschaft im mittleren Ostschwaben des 17. und 18. Jahrhunderts" beides vereinigt: Sie analysiert erstmals grundlegend am Beispiel von Mittelschwaben die ländliche Komponente des schwäbischen Textilgewerbes und leistet damit zugleich einen wichtigen Beitrag zur internationalen Debatte über die "Protoindustrialisierung" des 17. und 18. Jahrhunderts.

Sczesny untersucht zunächst Verbreitung und Ausmaß des ländlichen Weberhandwerks, vom Flachsanbau bis hin zur Zulieferung von Halbfabrikaten in die großen Städte Augsburg, Ulm und Memmingen: Entgegen der weitverbreiteten Vorstellung von einer rein agrarischen Welt herrschte in den Dörfern eine "Mischökonomie" vor. Bei der Suche nach den Initiatoren und Trägern dieses Gewerbes deckt die Studie eine markante Verflechtung auf: städtisches Kapital der Kaufleute verband sich mit den Impulsen, die von den Territorialherren ausgingen, aber auch mit den Interessen der Weber selbst, die sich mit dem Zusammenschluss in ländlichen Zünften den Weg der Anerkennung sicherten. Der dritten Teil der Untersuchung gilt den sozialen Auswirkungen dieser Wirtschaftsweise: Die Autorin zeigt, wie diese Handwerker ihre Position in der gesellschaftlichen Rangordnung fanden und dass sie - entgegen einer Annahme der bisherigen Forschung - keineswegs nur als "ländliche Unterschicht" fassbar sind.

Am Beispiel des westlich von Augsburg gelegenen Ortes Langeneufnach entfaltet Anke Sczesny schließlich eine dichte Mikroanalyse, die zeigt, wie die Menschen sich in Heiraten und Geburten langsam vom bäuerlichen Lebenszyklus lösten; wie die Erbgänge und die Partnerwahl, das Kreditwesen und die Haushaltsstrukturen eine eigene Mentalität erkennen lassen. Insgesamt entsteht dabei das Bild von "Kontinuität und Wandel" im Gegensatz sowohl zum fundamentalen Bruch, wie die Theorie ihn wollte, als zugleich auch zum einfachen Ruhen in der Tradition, das die Romantisierung der Vormoderne vermitteln will.

Die städtische Seite der Gewerbelandschaft Schwaben ist in Augsburg längst bekannt: man denke nur an den vielzitierten Aufstieg der Fugger oder an die bedeutende Rolle der Kattunfabrikanten wie Heinrich Schüle. Dank der Studie von Anke Sczesny gewinnt jetzt aber auch die Basis deutliche Konturen, auf der diese Entwicklung aufbaute. Was diese Studie über das ländliche Handwerk im Rahmen der bäuerlichen Wirtschaft zu Tage fördert und was sie über die sogenannten "Gäuweber", über ihre Zünfte und ihre "Stückhändler" oder über die Dynamik des sozialen Auf- und Abstiegs im Dorf aufzuzeigen vermag, liefert zum richtigen Zeitpunkt wichtige Anregungen für das im Aufbau befindliche Augsburger Textilmuseum.

ZWISCHEN KONTINUITÄT UND WANDEL. LÄNDLICHES GEWERBE UND LÄNDLICHE GESELLSCHAFT IM MITTLEREN OSTSCHWABEN DES 17. UND 18. JAHRHUNDERTS - Dissertation von Dr. Anke Sczesny (Philosophische Fakultät II der Universität Augsburg; Betreuer: Prof. Dr. Rolf Kießling, Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte)

Klaus P. Prem | idw

Weitere Berichte zu: Dissertation Gewerbe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Zelluläres Kräftemessen
29.09.2016 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Laser-beschleunigte Protonen zur Krebstherapie
13.09.2016 | Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Experimentalphysik - Protonenstrahlung nach explosiver Vorarbeit

LMU-Physiker haben mit Nanopartikeln und Laserlicht Protonenstrahlung produziert. Sie könnte künftig neue Wege in der Strahlungsmedizin eröffnen und bei der Tumorbekämpfung helfen.

Stark gebündeltes Licht entwickelt eine enorme Kraft. Ein Team um Professor Jörg Schreiber vom Lehrstuhl für Experimentalphysik - Medizinische Physik der LMU...

Im Focus: Der perfekte Sonnensturm

Ein geomagnetischer Sturm hat sich als Glücksfall für die Wissenschaft erwiesen. Jahrzehnte rätselte die Forschung, wie hoch energetische Partikel, die auf die Magnetosphäre der Erde treffen, wieder verschwinden. Jetzt hat Yuri Shprits vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ und der Universität Potsdam mit einem internationalen Team eine Erklärung gefunden: Entscheidend für den Verlust an Teilchen ist, wie schnell die Partikel sind. Shprits: „Das hilft uns auch, Prozesse auf der Sonne, auf anderen Planeten und sogar in fernen Galaxien zu verstehen.“ Er fügt hinzu: „Die Studie wird uns überdies helfen, das ‚Weltraumwetter‘ besser vorherzusagen und damit wertvolle Satelliten zu schützen.“

Ein geomagnetischer Sturm am 17. Januar 2013 hat sich als Glücksfall für die Wissenschaft erwiesen. Der Sonnensturm ermöglichte einzigartige Beobachtungen, die...

Im Focus: New welding process joins dissimilar sheets better

Friction stir welding is a still-young and thus often unfamiliar pressure welding process for joining flat components and semi-finished components made of light metals.
Scientists at the University of Stuttgart have now developed two new process variants that will considerably expand the areas of application for friction stir welding.
Technologie-Lizenz-Büro (TLB) GmbH supports the University of Stuttgart in patenting and marketing its innovations.

Friction stir welding is a still-young and thus often unfamiliar pressure welding process for joining flat components and semi-finished components made of...

Im Focus: Neuer Schalter entscheidet zwischen Reparatur und Zelltod

Eine der wichtigsten Entscheidungen, die eine Zelle zu treffen hat, ist eine Frage von Leben und Tod: kann ein Schaden repariert werden oder ist es sinnvoller zellulären Selbstmord zu begehen um weitere Schädigung zu verhindern? In einer Kaskade eines bisher wenig verstandenen Signalweges konnten Forscher des Exzellenzclusters für Alternsforschung CECAD an der Universität zu Köln ein Protein identifizieren (UFD-2), das eine Schlüsselrolle in dem Prozess einnimmt. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Structural & Molecular Biology veröffentlicht.

Die genetische Information einer jeden Zelle liegt in ihrer Sequenz der DNA-Doppelhelix. Doppelstrangbrüche der DNA, die durch Strahlung hervorgerufen werden...

Im Focus: Forscher entwickeln quantenphotonischen Schaltkreis mit elektrischer Lichtquelle

Optische Quantenrechner könnten die Computertechnologie revolutionieren. Forschern um Wolfram Pernice von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sowie Ralph Krupke, Manfred Kappes und Carsten Rockstuhl vom Karlsruher Institut für Technologie ist es nun gelungen, einen quantenoptischen Versuchsaufbau auf einem Chip zu platzieren. Damit haben sie eine Voraussetzung erfüllt, um photonische Schaltkreise für optische Quantencomputer nutzbar machen zu können.

Ob für eine abhörsichere Datenverschlüsselung, die ultraschnelle Berechnung riesiger Datenmengen oder die sogenannte Quantensimulation, mit der hochkomplexe...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Heidelberg Laureate Forum: Eine Veranstaltung mit Zukunft

29.09.2016 | Veranstaltungen

Wissenschaftsjahr Meere und Ozeane - Oktober 2016

29.09.2016 | Veranstaltungen

EEHE 2017 – Strom statt Benzin. Experten diskutieren die Umsetzung neuester Fahrzeugkonzepte. Call vor Papers endet am 31.10.2016!

28.09.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Schwerste Atome im Rampenlicht

29.09.2016 | Physik Astronomie

Zelluläres Kräftemessen

29.09.2016 | Interdisziplinäre Forschung

K 2016: Von OLED-Verkapselung bis Plagiatschutz

29.09.2016 | Messenachrichten