Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wirkungsgeschichte der UN-Menschenrechts-Charta von 1948 analysiert

08.06.2001

Die "Universale Erklärung der Menschenrechte" der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 hat die Politik nach dem II. Weltkrieg global und nachhaltig geprägt. Zu diesem Ergebnis kommen Jenaer Politikwissenschaftler um Prof. Dr. Klaus Dicke, die die Wirkungsgeschichte analysiert haben. Die "UN-Menschenrechts-Charta" ist z. B. Bestandteil vieler Nachkriegsverfassungen - u. a. auch des deutschen Grundgesetzes - geworden, und sie bildet die Grundlage für friedensstiftende und -sichernde Missionen der UN. Große Nachhaltigkeit erzielt sie außerdem durch das Wirken zahlreicher Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), wie z. B. Amnesty International.



"Globalisierung" ist für den Jenaer Politikwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Dicke kein Reizwort mit negativem Zungenschlag. "In unserem politischen Denken und Urteilen gehen wir längst ganz selbstverständlich von globalen Normen aus", erörtert er "Ohne den global weitgehend anerkannten Kanon der Menschenrechte als ethisches Fundament wäre heute politisches Handeln und eine weltweite Verständigung über dessen Grundlagen kaum denkbar."

... mehr zu:
»NGO »Wirkungsgeschichte


Dicke erinnert an das Eingreifen der internationalen Staatengemeinschaft in Kuwait, Haiti und im ehemaligen Jugoslawien, aber auch an das unblutige Ende des Ost-West-Gegensatzes. Hier waren Normen handlungsleitend, deren Wurzeln in der "Universalen Erklärung der Menschenrechte" vom 10. Dezember 1948 und ihrer Wirkungsgeschichte begründet sind. Diese haben Dicke und sein Jenaer Forscher-Team jetzt in einem umfassenden Projekt analysiert. Die Volkswagen-Stiftung Hannover förderte diese Arbeit mit knapp 200.000 Mark.

Der Völkermord jungtürkischer Potentaten an den Armeniern in der Zeit des Ersten Weltkrieges, vor allem aber die Verbrechen im ,Dritten Reich’ stellen den Erfahrungshorizont dar, vor dem die Vereinten Nationen 1948 einen Katalog fundamentaler Menschenrechte als "gemeinsam zu erreichendes Ideal" aller Staaten formulierten. "Wir haben mit dieser Erklärung ein globales Gestaltungsprogramm, das einerseits auf die Ideen der Aufklärung zurückgreift", erläutert Dicke, "schon Immanuel Kant ging von einem solchen ’Weltbürgerrecht’ aus. Andererseits waren dessen Verfasser aber peinlich darauf bedacht, die Anerkennung durch alle Kulturen sicherzustellen". So ist dieses Programm nach 1948 in völkerrechtlichen Verträgen und in zahlreichen Verfassungen, nicht zuletzt im deutschen Grundgesetz, umgesetzt worden.

"Die internationale Politik hat in den letzten 50 Jahren die Menschenrechte immer weniger als eine innerstaatliche und immer mehr als eine weltpolitische Aufgabe begriffen", beschreibt Klaus Dicke die Entwicklung. Der Sicherheitsrat der UN hat bereits 1992 erklärt, er werde massive Menschenrechtsverletzungen als Friedensbedrohung werten und notfalls eingreifen. Damit haben zwar die Konflikte auf der Welt keineswegs abgenommen, wohl aber begreifen sich die Staaten doch in sehr viel stärkerem Maße als eine Wertegemeinschaft, "die um ihrer Wertordnung willen solche Konflikte zu verhindern und die Austragung von Konflikten in rechtliche Bahnen zu lenken versucht", so der Jenaer Politikwissenschaftler.

Er erinnert etwa an die vom Sicherheitsrat eingerichteten Strafgerichtshöfe, um die in Jugoslawien und Ruanda begangenen Kriegsverbrechen zu ahnden: "Damit haben sich seit 1990 neue Möglichkeiten eröffnet, den Weg zu einer friedlicheren Welt durch die Errichtung einer demokratischen, rechtsstaatlichen und die Menschenrechte schützenden Weltordnung zu begehen, wie ihn die Erklärung von 1948 vorzeichnete."

China führt Dicke als ein Beispiel an, wie das seit 1948 gewachsene Menschenrechtsbewusstsein in totalitär strukturierte Systeme hineinwirkt und eine Oppositionsbewegung in Gang setzt. "Der chinesischen Staatsmacht fällt es zunehmend schwerer auf diesem brodelnden Topf den Deckel zu halten", analysiert er. "Das liegt auch daran, dass globale Kommunikationsnetze wie das Internet Informationen darüber geradezu subversiv verbreiten."

Und der Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen wäre in den meisten ost- und mitteleuropäischen Staaten kaum so friedlich verlaufen, wenn nicht bereits interne Oppositionen mit den Idealen von Demokratie und Menschenrechten so starken Einfluss entwickelt hätten. Dicke: "Ohne die mehr als 20-jährige Arbeit von kirchlichen und Menschenrechtsgruppen in der DDR wäre der Umbruch 1989 so, wie wir ihn erlebt haben, kaum vonstatten gegangen."

Parallel dazu hat sich das Gedankengut aus der Menschenrechts-Charta aber auch auf einer nichtstaatlichen Ebene entfaltet. Zivilcouragiertes Handeln wird heute grenzüberschreitend von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) wie "amnesty international" oder "Greenpeace" propagiert und exemplarisch vorgelebt - und das mit erheblichen realpolitischen Konsequenzen. Klaus Dicke: "Globale Vereinbarungen zum Umweltschutz wie etwa das Kyoto-Protokoll, der Den Haager Strafgerichtshof, die Anti-Personenminen-Konvention oder das Zusatzprotokoll zur Kinderrechtskonvention wären ohne Beteiligung der NGOs so nicht zustande gekommen. Der Einfluss reicht sogar bis auf die kommunalpolitische Ebene, wenn ich etwa an die Agenda-21-Programme denke."

Für die Zukunft prophezeit der Jenaer Politikwissenschaftler sogar eine weitere Einflusszunahme dieser transnational vernetzten Gruppierungen: "Sie haben sich zu den eigentlichen Hauptträgern des Menschenrechtsgedankens entwickelt." In dieser weit entfalteten Unabhängigkeit von einzelstaatlicher Regierungspolitik sieht Dicke heute eine der nachhaltigsten Wirkungen der Menschenrechtspolitik der Vereinten Nationen und der Universalen Erklärung von 1948: "Sie war ein Initial zur rechten Zeit. Heute wird uns kaum noch bewusst, wie sehr sie das politische Handeln - global und lokal - leitet."

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Klaus Dicke
Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: 03641/945430, Fax: 945432
E-Mail: s6woma@rz.uni-jena.de

Dr. Wolfgang Hirsch | idw

Weitere Berichte zu: NGO Wirkungsgeschichte

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Speiseröhrenkrebs einfacher erkennen
06.03.2017 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

nachricht Neues Labor für die Aufbautechnik von ultradünnen Mikrosystemen
21.02.2017 | Hahn-Schickard

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise