Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Suche nach dem ältesten Eis der Alpen

17.09.2003


Gefrorenes Klimaarchiv: Expeditionsleiterin Margit Schwikowski vom PSI mit einem Eiskern aus der Bohrung am Colle Gnifetti


Eine Forschungsgruppe unter Leitung des Paul Scherrer Instituts (PSI) bohrt am Monte Rosa ins vermutlich älteste Eis der Alpen. Die chemische Analyse des Bohrkerns soll klären, wie alt dieses Eis tatsächlich ist. Ein weiteres Ziel ist es, die Klimaentwicklung der vergangenen 500 Jahre besser zu beschreiben und die Schadstoffemissionen aus der Zeit des Römischen Reiches ans Licht zu bringen.

... mehr zu:
»Alpen »Gletschereis

Der Colle Gnifetti auf 4452 Metern über Meer liegt schon lange im Fokus der Glaziologen und Klimaforscher. 100 Meter tief unter diesem Sattel im Monte-Rosa-Gebiet vermuten die Gletscherforscher das älteste Eis der Alpen. 2’000 bis 10’000 Jahre alt soll es sein. Ein Forschungsteam unter Leitung des PSI - mit Spezialisten der Universität Venedig und der ETH Zürich - will nun mit einer Eisbohrung das Geheimnis lüften. Seit vergangenen Samstag sind die Wissenschaftler im Einsatz, um das Eis bis zum Gletscherbett zu durchbohren. Die Gruppe des PSI mit der Umweltchemikerin Margit Schwikowski bringt dabei grosse Erfahrung mit. Ihre Bohrmethode hat sich auf Expeditionen in Russland (Altai-Gebirge), Chile, Argentinien, Equador und auch in der Schweiz (Fiescherhorngletscher, Piz Zupo) bewährt.

Aus der Sicht der Wissenschaftler ist die Frage nach den tiefsten Eisschichten äusserst spannend. Wann hat sich der Gletscher gebildet? Während der letzten Eiszeit vor über 10’000 Jahren oder später? Was lässt sich daraus über die Entwicklung des Klimas in den letzten Jahrtausenden schliessen? Gletschereis eignet sich optimal als Klimaarchiv. Atmosphärische Spurenstoffe werden mit dem Schnee chronologisch abgelagert und konserviert. Die Zusammensetzung der Isotope im Eis erlaubt Rückschlüsse auf die Temperatur in der Atmosphäre. Zur Altersbestimmung wollen die Forschenden eine neu entwickelte Methode einsetzen, die auf dem C-14-Gehalt der im Eis vorkommenden kohlenstoffhaltigen Partikel basiert.


Bleiemissionen des römischen Imperiums

Von den Untersuchungen des Bohrkerns vom Colle Gnifetti erhofft man sich ausserdem Aufschluss darüber, welche Emissionen die Römer vor 2000 Jahren verursachten. Für die Wasserleitungen und Trinkgefässe der damaligen Zeit wurden enorme Mengen Blei gewonnen und verarbeitet. Die dadurch verursachten Emissionen werden sich wahrscheinlich im Gletschereis nachweisen lassen - und vielleicht die Spekulationen über das Schicksal des Römischen Reiches nähren

Bisherige Bohrungen im Monte-Rosa-Gebiet hatten die Analyse der industriellen Verschmutzung zum Thema und konzentrierten sich daher auf die letzten Jahrhunderte. So liess sich im Gletschereis z.B. aufzeigen, wie zwischen 1870 und 1975 der Sulfatgehalt rasant anstieg. Sulfat entsteht in der Atmosphäre aus Schwefeldioxid, das bei der Verbrennung von Kohle und Heizöl entweicht. Die Messungen des PSI und der Universität Bern belegen weiter, dass die Sulfat-Konzentrationen im Eis der letzten Jahre auf den Stand von 1940 zurückgefallen sind - eine Folge der Umweltschutzmassnahmen.



Die Alpengletscher schmelzen weg, besonders im diesjährigen Sommer mit andauernden Rekordtemperaturen. Auch die hoch gelegenen Eispanzer sind gefährdet. Das sich bildende Schmelzwasser zerstört die Klimaarchive. Eisbohrungen stehen deshalb unter Zeitdruck, sollen klimawissenschaftliche Daten aus frühen Epochen noch gerettet werden - wie jetzt am Colle Gnifetti. Die Arbeiten dort oben kommen zügig voran, das Wetter ist prächtig. Am Dienstag hat das Team bereits mit einer zweiten Bohrung begonnen. Erste Resultate aus den Untersuchungen der Eiskerne sind Anfang nächstes Jahr zu erwarten.


Für weitere Auskünfte:
Dr. Margit Schwikowski
Labor für Umwelt- und Radiochemie, PSI
Tel. +41 (0)56 310 41 10 oder +41 (0)79 746 90 23
margit.schwikowski@psi.ch

Prof. Dr. Heinz Gäggeler
Stellv. Direktor PSI
Tel. +41 (0)56 310 24 04
heinz.gaeggeler@psi.ch

Beat Gerber | idw
Weitere Informationen:
http://www.psi.ch/news_events/news_events.shtml
http://www.keystone.ch

Weitere Berichte zu: Alpen Gletschereis

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Neues Verbundprojekt erforscht die neurodegenerative Erkrankung Morbus Alzheimer
12.09.2017 | Universitätsklinikum Würzburg

nachricht Damit sich Mensch und Maschine besser verstehen
04.09.2017 | Technische Universität Chemnitz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie