Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Videoüberwachung: Neue Techniken und ihre Folgen

02.06.2010
Im Hauptbahnhof steht ein herrenloser Koffer: Womöglich enthält er eine Bombe. Jugendliche verprügeln in der U-Bahn einen Rentner: Am Ende ist der Mann vielleicht tot. Mehr Sicherheit im öffentlichen Raum, das wünschen sich viele Menschen. Eine neue Videoüberwachungstechnik könnte dazu beitragen.

Prügeleien in der Innenstadt, Totschlag auf Bahnsteigen, Anschläge mit Kofferbomben: Solche Taten geschehen in Deutschland nicht täglich, aber auch nicht selten.

Videokameras, die das Geschehen an öffentlichen Orten filmen, wirken zwar abschreckend auf potenzielle Täter. Mit ihren Beweisbildern sorgen sie auch dafür, dass viele Täter schnell ermittelt und gefasst werden. Noch besser wäre eine „intelligente“ Videoüberwachung. Die die Polizei automatisch auf den Plan ruft, wenn eine Gewalttat noch im Gange ist.

Video-Tracking und Mustererkennung

Zwei neuartige Sicherheitstechnologien für die Videoüberwachung sind derzeit in Entwicklung: Mustererkennung und Video-Tracking.

Bei der Mustererkennung spürt ein Computer aus den Bildern einer Überwachungskamera automatisch auffällige Handlungen oder Objekte auf – er erkennt Schlägereien, einen zurückgelassenen Koffer oder einen am Boden liegenden Menschen. Umgehend macht er die Wachleute darauf aufmerksam. Die entscheiden dann, ob die Polizei zu alarmieren ist.

Video-Tracking-Systeme erlauben es, bewegte Objekte über mehrere Kameras hinweg zu beobachten und zu verfolgen – etwa den durch die Gänge einer U-Bahn-Station flüchtenden Täter.

Vier Universitäten forschen im Verbund

Unter welchen Voraussetzungen sind die neuen Techniken sinnvoll? Welche Chancen und Risiken bergen sie? Mit diesen Fragen befassen sich Sozialpsychologen, Soziologen, Ethiker und Rechtswissenschaftler von den Universitäten Würzburg, Freiburg, Potsdam und Tübingen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Verbundprojekt MuViT (Mustererkennung und Video-Tracking), und zwar im Rahmen des Programms „Forschung für die zivile Sicherheit“, das von der Bundesregierung aufgelegt wurde.

Von der Uni Würzburg sind gleich zwei Arbeitsgruppen beteiligt; das BMBF fördert sie mit rund 400.000 Euro. Es sind Teams um die Professoren Fritz Strack (Sozialpsychologie) und Ralf Schenke (Rechtswissenschaft).

Auswirkungen der Technik auf die Menschen

Eine sozialpsychologische Arbeitsgruppe um Professor Fritz Strack und Dr. Petra Markel erforscht die Auswirkungen der neuen Techniken auf Wahrnehmung, Erleben und Sozialverhalten der Beobachteten.

Bekannt ist: Sobald sich Menschen mit Spiegeln oder Kameras konfrontiert sehen, richten sie ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf sich selbst. Ihr Erleben und Verhalten ändert sich dadurch – zum Beispiel steigt die Bereitschaft, anderen zu helfen. Aber: Verhalten sich die Menschen auch anders, wenn sie wissen, dass sie mit den neuen Technologien beobachtet werden? Sind sie dann auch hilfsbereiter?

Hält die Überwachung die Menschen vielleicht auch von negativen Verhaltensweisen ab? Werfen sie dann zum Beispiel weniger Müll auf die Straße? Und: Wie geht es den Menschen, wenn sie wissen, dass sie überwacht werden? Sind sie gestresster, ist ihre Leistungsfähigkeit eingeschränkt? Verbinden sie die Überwachung mit einem Mehr an Sicherheit oder fühlen sie sich kontrolliert? Solche Fragen wollen die Psychologen klären, und zwar mit Probanden im Labor.

Weiteres wichtiges Ziel: Die Forscher wollen erkennen, wie die öffentliche Debatte über Vorzüge und Gefahren der Videoüberwachung die Einstellung der Menschen beeinflusst. Dabei geht es ihnen um die Faktoren, die für die Akzeptanz des neuen Systems entscheidend sind.

Kontakt: Dr. Petra Markel, T (0931) 31-82909, markel@psychologie.uni-wuerzburg.de

Rechtsprobleme durch neue Art der Überwachung

Welche Rechtsprobleme stellen sich durch die neue Art der Videoüberwachung? Wie sind sie zu lösen, wenn die Technik erst einmal im Einsatz ist? Diese Fragen will das zweite Würzburger Team um die Juristen Professor Ralf Schenke und Cornelius Held beantworten. Ziel ist es, hierzu einen Kriterienkatalog zu erarbeiten.

Einen Schwerpunkt bilden Fragen zur Grundrechtsverträglichkeit der Techniken. Vor allem das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung steht im Mittelpunkt. Betroffen könnten aber auch die allgemeine Handlungsfreiheit und der Gleichheitssatz des Grundgesetzes sein.

Dürfen auch private Unternehmen die neuen Techniken einsetzen, etwa im Großraumbüro? Wer entscheidet, nach welchen Personen und Verhaltensmustern die Videoüberwachung sucht? Fahndet der Computer nach dunkelhäutigen Männern? Schlägt das System bereits an, weil das Bewegungsmuster kranker oder behinderter Menschen vom Normaltypus abweicht? Die beiden letzteren Beispielfälle könnten Probleme mit dem Gleichheitssatz des Grundgesetzes aufwerfen.

Kontakt:
Prof. Dr. Ralf Schenke,
T (0931) 31-88439,
schenke@jura.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Ein stabiles magnetisches Bit aus drei Atomen
21.09.2017 | Sonderforschungsbereich 668

nachricht Drohnen sehen auch im Dunkeln
20.09.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie