Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit Simulationen gegen Massenpaniken

27.07.2010
Um Tragödien wie die Massenpanik in Duisburg vom Wochenende zu verhindern, modelliert der Soziologe Dirk Helbing den Besucherfluss bei Riesenevents. Mit Simulationen, Echtzeitüberwachung und Massnahmen für potentielle Risikostellen könne das Risiko wesentlich vermindert werden, sagt Helbing.

Wo viele Menschen zusammenkommen und alle an denselben Ort wollen, kann es zu Massenpaniken kommen; oder «Crowd Disasters» wie Soziologen das Phänomen nennen. Die Pilgerfahrt nach Mekka endete im Jahr 2006 für mehr als 300 muslimische Gläubige mit dem Tod. Damals war eine Massenpanik ausgebrochen und viele Gläubige waren niedergetrampelt worden.

Der Soziologieprofessor Dirk Helbing hat im Anschluss Videoaufnahmen der Tragödie analysiert, um zu verstehen, wo und warum solche Massenpaniken entstehen. Die Erkenntnisse flossen in organisatorische Änderungen bei der Pilgerfahrt im darauffolgenden Jahr ein. Einige Beobachtungen und Erkenntnisse von damals gelten auch für die Tragödie vom vergangenen Wochenende, als 19 Menschen an der Loveparade in Duisburg in einer Massenpanik ums Leben kamen.

Massenturbulenz und Kontrollverlust

Helbing hat in seiner Analyse herausgefunden, dass es zu einer sogenannten Massenturbulenz («Crowd Turbulence») kommt, sobald das Gedränge in einer Menschenmasse dermassen gross ist, dass Menschen zwischen den anderen eingeklemmt sind. In einem solchen Fall entstehen erdbebenartige Schockwellen in der Menge, die es schwierig machen, sich überhaupt noch auf den Beinen halten zu können. «Menschen stürzen, und es ist zu diesem Zeitpunkt so gut wie unvermeidbar, dass sich die Menge über sie wälzt, da niemand mehr die Kontrolle über seine Bewegung hat. Jeder wird von der Menge geschoben und hin- und hergeworfen», sagt Helbing. Wie der Forscher beobachten konnte, kann sich diese Situation durch gegenläufige Fussgängerströme noch verschärfen. So war dies möglicherweise auch im Tunnel von Duisburg der Fall. Der Fussgängerstrom kann dann im Prinzip völlig zum Erliegen kommen. Beide Menschenmengen schieben gegeneinander, in der Hoffnung, dass es irgendwann wieder voran geht.

Einbahnstrassen und Computermodelle

Ein ausgeklügeltes System von Einbahnstrassen könne in solchen Fällen Abhilfe schaffen, so der Forscher. Umleitungen zu anderen Zugängen, flächendeckende Informationen zu den Notausgängen und spezielle Trainings für Sicherheitskräfte seien weitere hilfreiche Massnahmen, um Massenpaniken vorzubeugen. Auch ist es heutzutage möglich, den Besucherfluss einer Veranstaltung vorab am Computer zu simulieren, um so ein Gefühl für die möglichen Problemzonen zu gewinnen und Kontingenzpläne zu testen. Das ist jedoch gerade für Grossveranstaltungen relativ aufwändig und mit Unsicherheiten verbunden, wie Helbing erklärt.

Mengen von mehr als einer Million Menschen erforderten den Einsatz von Parallelrechnern. Ausserdem stünden die für die Simulation erforderlichen Inputdaten oft nur unvollständig oder gar nicht zur Verfügung. Dann müsse man mit unsicheren Annahmen arbeiten. Helbing empfiehlt daher auch den Einsatz von Videoüberwachung an vorab identifizierten Problemstellen. Die Aufnahmen können mit einer speziellen Software in Echtzeit auf Warnsignale für kritische Situationen analysiert werden. Der Forscher betont jedoch, ihm sei momentan nicht bekannt, welche Massnahmen im Vorfeld der Love Parade in Duisburg getroffen worden seien. Eines stehe für ihn jedoch fest: «Im Prinzip wäre es möglich, sozio-ökonomische Systeme in viel umfassenderem Ausmass vorab und ergebnisbegleitend im Computer zu studieren. Auch die Möglichkeiten von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien könnte man deutlich besser nutzen, als es heutzutage üblich ist».

Claudia Naegeli | idw
Weitere Informationen:
http://www.ethz.ch
http://www.ethlife.ch

Weitere Berichte zu: Besucherfluss Massenpanik Pilgerfahrt Simulation Soziologe Tragödie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Forschungsprojekt: Zukünftige Fahrzeugtechnologien im Open Region Lab – ZuFOR
30.03.2017 | Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften

nachricht Schnelle Time-to-Market durch standardisierte Datacenter-Container
28.03.2017 | Rittal GmbH & Co. KG

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Atome rennen sehen - Phasenübergang live beobachtet

Ein Wimpernschlag ist unendlich lang dagegen – innerhalb von 350 Billiardsteln einer Sekunde arrangieren sich die Atome neu. Das renommierte Fachmagazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe*: Wissenschaftler vom Center for Nanointegration (CENIDE) der Universität Duisburg-Essen (UDE) haben die Bewegungen eines eindimensionalen Materials erstmals live verfolgen können. Dazu arbeiteten sie mit Kollegen der Universität Paderborn zusammen. Die Forscher fanden heraus, dass die Beschleunigung der Atome jeden Porsche stehenlässt.

Egal wie klein sie sind, die uns im Alltag umgebenden Dinge sind dreidimensional: Salzkristalle, Pollen, Staub. Selbst Alufolie hat eine gewisse Dicke. Das...

Im Focus: Kleinstmagnete für zukünftige Datenspeicher

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Chemikern der ETH Zürich hat eine neue Methode entwickelt, um eine Oberfläche mit einzelnen magnetisierbaren Atomen zu bestücken. Interessant ist dies insbesondere für die Entwicklung neuartiger winziger Datenträger.

Die Idee ist faszinierend: Auf kleinstem Platz könnten riesige Datenmengen gespeichert werden, wenn man für eine Informationseinheit (in der binären...

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung

30.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zuckerrübenschnitzel: der neue Rohstoff für Werkstoffe?

30.03.2017 | Materialwissenschaften

Integrating Light – Your Partner LZH: Das LZH auf der Hannover Messe 2017

30.03.2017 | HANNOVER MESSE