Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Potenziale und Risiken digitaler Selbstvermessung

15.12.2016

Geräte und Technologien zur Selbstvermessung wie Gesundheits-Apps oder Fitness-Armbänder gehören zum Alltag vieler Menschen. Dies birgt sowohl Potenziale als auch Risiken. Das Fraunhofer ISI hat deshalb im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundprojekts "Wissenstransfer 2.0" eine explorative Folgenabschätzung durchgeführt, die sich mit den Auswirkungen von und Herausforderungen durch Quantified-Self-Technologien befasst. Aus den Erkenntnissen wurden Handlungsfelder für Politik, Wissenschaft und Medizin abgeleitet und im Policy Paper "Digitale Selbstvermessung und Quantified Self – Potenziale, Risiken und Handlungsoptionen" zusammengefasst.

Digitale Selbstvermessung oder "Quantified Self" – mit diesem Thema haben sich bis vor wenigen Jahren nur relativ wenige Menschen befasst. Mittlerweile existiert hierfür jedoch ein Massenmarkt, wie die zunehmende Nutzung von Gesundheits-Apps, digitalen Schrittzählern oder der Einsatz von Fitness-Tracking-Geräten zeigt. Die Anwendung und wachsende Verbreitung digitaler Selbstvermessungstechnologien bringt dabei sowohl Potenziale als auch Risiken für die Gesellschaft mit sich.

Um künftig mit den Chancen und Gefahren der digitalen Selbstvermessung besser umgehen zu können, wurde am Fraunhofer ISI im Teilprojekt "Quantified Self" des BMBF-geförderten Verbundprojekts "Wissenstransfer 2.0" eine explorative Folgenabschätzung durchgeführt.

Dabei wurden auch Interviews mit Akteuren aus der Quantified-Self-Community, Wissenschaft sowie der Medizin geführt und alle Seiten miteinander ins Gespräch gebracht. Aus den entstandenen Erkenntnissen ließen sich anschließend Handlungsoptionen für Politik, Wissenschaft und Medizin ableiten.

Die digitale Selbstvermessung könnte zu Fortschritten in der Medizin führen

Dr. Nils B. Heyen, der das "Quantified Self"-Projekt am Fraunhofer ISI leitet, äußert sich wie folgt zu den Potenzialen: "Von der digitalen Selbstvermessung wird angenommen, dass sie Vorteile für die eigene Gesundheit bringt – bislang fehlen hierfür aber in der Regel konkrete wissenschaftlichen Belege.

Auch das Wissen über die eigene Gesundheit und den eigenen Körper könnte durch Selbstvermessung gestärkt werden. Darüber hinaus sind Fortschritte in Medizin und Wissenschaft möglich, wenn etwa die entsprechenden Daten zur Krankheitsdiagnose oder zur Individualisierung von Therapien sinnvoll genutzt werden können".

Heyen weist aber gleichsam darauf hin, dass digitale Selbstvermessungstechnologien auch Risiken wie Überwachungs-, Diskriminierungs- und Stigmatisierungspotenziale mit sich bringen. Besonders kritisch wäre etwa, wenn Institutionen wie Versicherungen, Arbeitgeber oder Banken Zugriff auf sensible personenbezogene Körper- oder Gesundheitsdaten bekämen und dies entsprechend ausnutzten. Weitere Gefahren resultieren aus der mangelnden Qualität von Geräten, Fehlinterpretationen der erhobenen Daten, einer verzerrten Körperwahrnehmung sowie aus Datenmissbrauch.

Aus den identifizierten Potenzialen und Risiken wurden mehrere Handlungsfelder und -optionen für Politik, Wissenschaft und Medizin abgeleitet. Die Politik sollte vor allem die Auswirkungen von Selbstvermessungstechnologien wissenschaftlich erforschen lassen, um den etwaigen Nutzen für die individuelle Gesundheit und die möglicherweise unerwünschten Implikationen für die Gesellschaft zu ermitteln.

Die Kontrolle über Selbstvermessungsdaten muss gewährleistet sein

Zudem sollten Politik und auch die Wissenschaft Sorge dafür tragen, dass bei der Sammlung der Selbstvermessungsdaten bestehende Datenschutzregeln eingehalten werden. Es ist auch zu klären, wie Bürgerinnen und Bürger die Kontrolle über die von ihnen produzierten Daten in der Praxis tatsächlich behalten können. Darüber hinaus gilt es seitens Politik und Wissenschaft Standards für eine hohe Datenqualität zu schaffen und entsprechende Zertifizierungsverfahren einzurichten. Die Politik sollte außerdem die Gesundheits- und Datenkompetenz in der Bevölkerung stärken und einen gesellschaftlichen Diskurs zur Klärung von Fragen der Gesundheitsverantwortung des Einzelnen anregen.

Die Medizin könnte ebenfalls von Selbstvermessungstechnologien profitieren und diese künftig stärker für Diagnostik und Therapien einsetzen, sofern hinreichende Qualitäts- und Datenschutzstandards gewährleistet sind. Die Ärzteschaft müsste dazu jedoch in ihrer Datenkompetenz gestärkt werden und sich auf einen neuen Patiententypus einstellen, der durch seine Selbstvermessung eine hohe Selbstexpertise und neue Daten mitbringt. Generell sollte die Ärzteschaft ihren Patientinnen und Patienten bei der Interpretation der gesammelten Daten helfen, um daraus für den Alltag die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Das Policy Paper "Digitale Selbstvermessung und Quantified Self – Potenziale, Risiken und Handlungsoptionen" kann hier heruntergeladen werden.

Weitere Informationen:

http://www.isi.fraunhofer.de/isi-wAssets/docs/t/de/publikationen/Policy-Paper-Qu...
http://www.isi.fraunhofer.de/isi-de/t/projekte/hen-qs-wissenstransfer.php

Anne-Catherine Jung | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)
Weitere Informationen:
http://www.isi.fraunhofer.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Europäisches Konsortium baut effizientestes Rechenzentrum der Welt
22.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB

nachricht Geheime Datensammler auf dem Smartphone enttarnen
21.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Tagung widmet sich dem Thema Autonomes Fahren

21.11.2017 | Veranstaltungen

Neues Elektro-Forschungsfahrzeug am Institut für Mikroelektronische Systeme

21.11.2017 | Veranstaltungen

Raumfahrtkolloquium: Technologien für die Raumfahrt von morgen

21.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wasserkühlung für die Erdkruste - Meerwasser dringt deutlich tiefer ein

21.11.2017 | Geowissenschaften

Eine Nano-Uhr mit präzisen Zeigern

21.11.2017 | Physik Astronomie

Zentraler Schalter

21.11.2017 | Biowissenschaften Chemie