Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein verständnisvoller Computer

04.12.2006
Es klingt wie Science Fiction: Schüler und Studenten tippen ihre Prüfungen in den Computer. Der gibt entweder noch während der Arbeit Verbesserungsvorschläge oder spuckt sofort nach Beendigung die Note aus. Ist aber Realität: Forscher der Universität Würzburg haben ein Programm entwickelt, das über solche Fähigkeiten verfügt. Jetzt suchen die Psychologen nach Schulen, die dieses Programm im Rahmen eines Forschungsprojekts einsetzen.

Viele Menschen haben große Probleme, Computer zu begreifen. Umgekehrt ist das nicht anders: Für Computer ist es bis heute fast unmöglich, Menschen, und vor allem menschliche Sprache zu verstehen. Während Menschen beispielsweise ohne Probleme Zeitungsartikel lesen und das Gelesene mit ihrem Wissen verbinden können, scheitern Computersysteme in der Regel selbst bei einfachsten Sätzen an der richtigen Interpretation. Mit dem Programm, das Psychologen der Universität Würzburg entwickelt haben, könnte sich das ändern.

"Wir haben den Rechner zu unterschiedlichen Fachgebieten mit einer großen Menge an Texten gefüttert", erklärt Dr. Wolfgang Lenhard vom Lehrstuhl für Psychologie IV die Vorgehensweise. Mindestens fünf Millionen Wörter muss die Maschine aufnehmen, bevor sie mit dem "Verdauen" beginnen kann. "Das System wertet dann statistisch aus, welche Wörter häufig und welche selten gemeinsam vorkommen", erklärt Lenhard. Anschließend berechnet es die inhaltliche Verwandtschaft verschiedener Wörter und ist mit diesem Wissen in der Lage, die Ähnlichkeit ganzer Texte zu bewerten oder Fragen zu beantworten. In einem Wissenstest über Tiere gab das Würzburger Programm beispielsweise innerhalb weniger Millisekunden in bis zu 97 Prozent der Fälle die korrekte Antwort - und schnitt dabei wesentlich besser ab als die besten Gymnasiasten.

In Schule und Hochschule könnte das Programm mehrere Aufgaben übernehmen: Wenn beispielsweise ein Schüler einen Aufsatz schreibt, kann es berechnen, wie gut dieser mit einer Musterlösung übereinstimmt, und dem Schüler Hinweise liefern, welche Inhalte noch fehlen. Im Prinzip könnte der Computer auch gleich die Note vergeben. Bei Tests mit den Vordiplomsklausuren Würzburger Psychologiestudenten hat sich jedenfalls gezeigt: "Das System bewertet praktisch genauso verlässlich wie der Mensch, arbeitet aber bedeutend schneller", so Wolfgang Lenhard.

... mehr zu:
»Computersystem »Psychologe »Rechner

Lehrer und Dozenten ersetzen wollen die Psychologen mit ihrer Entwicklung nicht. "In der Schule liegt sein Vorteil vor allem darin, dass jeder einzelne Schüler sofort Rückmeldung zu seinem Aufsatz erhält und diesen verbessern kann. Er muss nicht erst einige Tage auf die Korrektur durch den Lehrer warten." Richtig eingesetzt kann die Software somit Schülern dabei helfen, Texte zu verstehen und ihre Inhalte wiederzugeben - ein Bereich, in dem laut Pisa-Studie immerhin ein Viertel der 15-Jährigen große Probleme hat.

An den Unis könnte sich das Programm als "Hochschulassistenzsystem" betätigen. "Wenn in einer Übung 400 Studierende einen Kurztest mit drei Aufgaben bearbeiten sollen, liefert das Programm binnen weniger Sekunden die Auswertung", sagt Lenhard. Dies könnte in naher Zukunft große Bedeutung bekommen, wenn durch die Einführung von Bachelor und Master sehr viel mehr Leistungen zu bewerten sein werden.

Dass der Rechner demnächst ganz allein über Bestehen oder Durchfallen entscheidet, glaubt Lenhard allerdings nicht. "Er sollte nicht die ganze Verantwortung übertragen bekommen", sagt er. Eine Nachkontrolle durch den Menschen sei "immer empfehlenswert".

In den USA werden ähnliche Computersysteme bereits erfolgreich in der Schule eingesetzt. In Deutschland ist das Projekt hingegen bislang einzigartig. Die Würzburger Forscher wollen deshalb ihr System ab dem nächsten Frühjahr und in den darauf folgenden Jahren in Schulen testen. Schwerpunkt werden Untersuchungen in der 5. bis 8. Klasse der Haupt- und Realschule sowie des Gymnasiums sein. Hierfür suchen die Psychologen Schulen, die an einem solchen Forschungsprojekt teilnehmen wollen. Einzige Voraussetzung: Die Schule muss über einen Computerraum mit Internetanbindung verfügen.

Kontakt: Dr. Wolfgang Lenhard, E-Mail: wolfgang.lenhard@mail.uni-wuerzburg.de, Tel.: (0931) 31 26 26.

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Berichte zu: Computersystem Psychologe Rechner

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht TU Ilmenau entwickelt Chiptechnologie von morgen
20.04.2017 | Technische Universität Ilmenau

nachricht Datenschutzwächter sichert Smart Homes
20.04.2017 | FZI Forschungszentrum Informatik am Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten