Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn Hirne zueinander passen: Erfolgreiche Kommunikation führt zu interpersoneller Attraktion

11.04.2016

Studie aus Lübeck, Berlin und Tübingen untersuchte erstmals die neuronalen Grundlagen interindividueller Unterschiede in der zwischenmenschlichen Anziehung

Ein makelloser Körper, materieller Reichtum und vorbildliches Verhalten machen attraktiv, so lehrt es die klassische Attraktivitätsforschung. Doch wie kommt es, dass Menschen sich zu ganz unterschiedlichen Partnern hingezogen fühlen, dass der eine diese mag und der andere jenen?


Wenn Hirne zueinander passen: Erfolgreiche Kommunikation führt zu interpersoneller Attraktion (vollständige Bildunterschrift im Meldungstext)

Abbildung: Silke Anders

„Soziale Beziehungen und Kooperation sind für den Menschen überlebenswichtig. Erfolgreiche Kooperation erfordert, dass wir unser Gegenüber verstehen, seine Gefühle und Absichten erkennen und richtig interpretieren. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist es daher naheliegend, dass das menschliche Gehirn einen Mechanismus entwickelt hat, der es uns erlaubt, schnell und richtig zu erkennen, wen wir verstehen und wen nicht, und der dazu führt, dass wir uns zu Menschen hingezogen fühlen, deren Gefühle und Absichten wir gut verstehen können“, sagt Prof. Dr. Silke Anders, Professorin für Soziale und Affektive Neurowissenschaften an der Universität zu Lübeck.

Um diese These zu testen, führte die Arbeitsgruppe um Silke Anders in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. John-Dylan Haynes, Charité Berlin, und Priv.-Doz. Dr. Thomas Ethofer, Universitätsklinikum Tübingen, eine Studie durch, die am 5. April 2016 in den Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA (PNAS) veröffentlicht wurde.

92 männlichen und weiblichen Studienteilnehmern wurden zunächst Fotos von sechs verschiedenen Studentinnen gezeigt. Um zu messen, wie attraktiv die Teilnehmer jede Studentin fanden, wurden sie gebeten, jedes Foto solange durch Tastendruck auf einem Monitor zu vergrößern, bis eine für sie angenehme Gesprächsdistanz erreicht war. Anschließend sahen die Teilnehmer kurze Videos, in denen die einzelnen Studentinnen entweder traurig waren oder sich vor etwas fürchteten.

Nach jedem Video sollten die Teilnehmer entscheiden, ob die gezeigte Studentin gerade traurig oder ängstlich war, und angeben, wie sicher sie sich waren, dass sie die Emotion der Studentin richtig eingeschätzt haben. Zum Schluss wurde noch einmal das Annäherungsverhalten der Teilneh-mer gemessen.

Wie erwartet, änderte sich das Annäherungsverhalten der Teilnehmer im Laufe des Versuchs. Während die Teilnehmer zu Beginn des Versuchs ähnliche Studentinnen bevorzugten, zeigten sie große Unterschiede in ihrem Annäherungsverhalten, nachdem sie die Videos der Studentinnen gesehen hatten. Je sicherer sich ein Teilnehmer war, dass er die Gefühle einer Studentin richtig einschätzen konnte, desto mehr fühlte er sich zu dieser Studentin hingezogen. Dies galt sowohl für männliche als auch für weibliche Teilnehmer.

Im nächsten Schritt wollten die Wissenschaftler einen Einblick in die neuronalen Mechanismen erhalten, die dafür verantwortlich sein könnten, dass sich das Annäherungsverhalten der Teilnehmer während des Versuches individuell veränderte. Dafür maßen sie die Gehirnaktivität der Teilnehmer mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT). Dies zeigte, dass zwei Regionen des Gehirns, die Teil des Belohnungssystems sind - der Nucleus accumbens und der mediale orbitofrontale Kortex (mOFC) - immer dann besonders stark „feuerten“, wenn ein Teilnehmer das Gefühl einer Studentin besonders gut einschätzen konnte. Und je stärker die neuronale Aktivität in diesen Belohnungszentren beim Beobachten der Emotion einer Studentin war, desto stärker fühlte sich der Teilnehmer am Ende des Versuchs zu dieser Studentin hingezogen.

„Mit unserer Studie untersuchen wir erstmals die neuronalen Grundlagen interindividueller Unterschiede in der zwischenmenschlichen Anziehung“, so Silke Anders. „Die Fähigkeit, gut miteinander kommunizieren zu können, spielt dabei offensichtlich eine ganz entscheidende Rolle.“

Thomas Ethofer ergänzt: „Unsere Untersuchungen legen nahe, dass Kommunikationspartner über ähnliche ‚neuronale Wörterbücher‘ verfügen müssen, damit Kommunikation funktioniert. Je besser das neuronale Wörterbuch von Sender und Empfänger übereinstimmen, desto einfacher ist die Kommunikation. Diese Erkenntnis könnte auch für die Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze in der Psychiatrie wichtig sein.“

„Obwohl soziale Beziehungen in fast allen Bereichen unseres Lebens und in der Gesellschaft eine große Rolle spielen, steht unser Verständnis der neuronalen Grundlagen von Beziehungen noch ganz am Anfang. Diese Studie ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, fasst John-Dylan Haynes die Bedeutung der Studie zusammen.

Publikation:
Anders S, de Jong R, Beck C, Haynes JD, Ethofer T. A neural link between affective understanding and interpersonal attraction. PNAS Early Edition. doi/10.1073/pnas.1516191113.

Abbildung:
Zu Beginn und am Endes Versuchs wurde das Annäherungsverhalten der Teilnehmer für jede Studentin gemessen (oben). Neuronale Aktivität im medialen orbitofrontalen Kortex, einem Teil des Belohnungssystems des Gehirns (Mitte), signalisiert, wie gut ein Teilnehmer den Gefühlszustand der beobachteten Studentinnen erkennen kann (unten links) und sagt vorher, wie stark sich ein Teilnehmer am Ende des Versuchs zu jeder Studentin hingezogen fühlt (unten rechts).

Weitere Informationen:

http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1516191113

Rüdiger Labahn | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-luebeck.de

Weitere Berichte zu: Kommunikation Kortex Nucleus accumbens PNAS fMRT

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics