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Teilhabe im Umbruch – BMBF förderte 2. Bericht zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland

28.11.2011
Alle reden von Teilhabe – aber was ist damit eigentlich gemeint und woran misst man sie? Antworten auf diese Frage sucht der zweite Bericht zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland, der soeben unter dem Titel „Teilhabe im Umbruch“ erschienen ist.

Der 800 Seiten starke Band fasst Ergebnisse eines mehrjährigen, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsverbunds zusammen. Ziel sei es, „gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr nur an den Kennziffern wachsender materieller Produktion und gesteigerter Wertschöpfung zu messen, sondern insbesondere an den Ressourcen, die sie für individuelle Verwirklichungschancen bereitstellt“, erklärt Bundesbildungsministerin Annette Schavan in ihrem Vorwort.

Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen, in denen die materiellen Bedingungen von Wohlfahrt produziert und in individuelle Wohlfahrt umgewandelt werden, verändern sich schrittweise und doch grundlegend. Der Umbruch des Produktions- und Sozialmodells der „alten“ Bundesrepublik betrifft Wirtschaftsstrukturen und Unternehmensstrategien, sozialstaatliche Institutionen und Regulierungen und persönliche Lebensweisen. Dass die Muster, in denen Haushalte und Familien an Erwerbsarbeit teilhaben, ihre persönlichen Beziehungen gestalten, politische und soziale Teilhaberechte erhalten und wahrnehmen und Bildung erwerben, vielfältiger geworden sind, hat individuelle Teilhabeoptionen erweitert. Zugleich aber sind Risiken und Optionen dieser Entwicklung zunehmend ungleich verteilt, und viele historisch etablierte Mechanismen des sozialen Ausgleichs verlieren an Wirkung.

Der Bericht beschreibt diese Umbrüche gesellschaftlicher Teilhabemuster in vier Abteilungen aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven.

Die erste Abteilung fragt nach den Bedingungen für Teilhabe auf der Ebene von Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt: Hier zeichnet der Bericht insbesondere lange Linien der wirtschaftlichen Entwicklung und untersucht fortbestehende Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland und regionale Disparitäten. Weitere Themen sind der Anstieg der Bildungsanforderungen, die Energiewende sowie das Verhältnis von Flexibilität und Sicherheit im deutschen Beschäftigungssystem und im internationalen Vergleich.
Im Mittelpunkt der zweiten Abteilung des Berichts steht die neue Unsicherheit in der Erwerbsarbeit. Dass neben „internen Arbeitsmärkten“ für Kernbelegschaften ein „externes“ Segment unsicherer und unstetiger Beschäftigung wächst, wird als Ergebnis veränderter Muster betrieblicher Arbeitskräftenachfrage beschrieben. Bei der Erörterung der Konsequenzen für Teilhabechancen berücksichtigt der Bericht Bewertungen von Beschäftigten und die Haushaltskonstellationen der Erwerbsbevölkerung.

Die dritte Abteilung des Berichts untersucht für die drei Lebensabschnitte des Übergangs ins Erwachsenenalter, der Haupterwerbsphase und des Altersübergangs, wie sich diese veränderten Teilhabebedingungen auf Lebensverlaufsmuster auswirken.

Thema der vierten Abteilung sind die vielfältigeren Formen der „Passung“ von Erwerbssystem, Einkommens- und Haushaltsstruktur sowie die daraus resultierenden neuen Muster sozialer Ungleichheit in den Lebensweisen von Haushalten. An einen Überblick über Haushalts- und Familienstrukturen schließen sich Analysen zum Erwerbseinkommen im Haushaltskontext, zur Inanspruchnahme haushaltsnaher Dienstleistungen und zu den Zeitstrukturen alltäglicher Lebensführung an. Ein weiterer Beitrag schlägt Kriterien für die Beobachtung ethnischer Differenzierungen der Bevölkerung vor.

Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Teilhabe ist unsicherer geworden. Dass Tragfähigkeitsgrenzen der Naturkreisläufe erreicht wurden und nicht ressourceneffizient gewirtschaftet wird, begrenzt bereits seit den 80er Jahren die Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Leistung und Arbeitsproduktivität. Die gesamtwirtschaftliche Lohnentwicklung bleibt dauerhaft hinter der Produktivitätsentwicklung zurück, und auch der Ausgleichseffekt des Steuer- und Transfersystems hat sich abgeschwächt.

Regionale Lebensbedingungen werden ungleicher: In etwa einem Viertel der Kreise und kreisfreien Städte verbinden sich Bevölkerungsrückgang, Alterung, hohe Unterbeschäftigung und hohes Armutsrisiko zu einem neuen Muster sozioökonomischer Schrumpfung, das sich nur ausnahmsweise in Westdeutschland, dagegen flächendeckend in Ostdeutschland zeigt. Eine zunehmende Polarisierung in Hochlohn- und Niedriglohnbetriebe trägt dazu bei, dass Löhne und Einkommen ungleicher werden. Neben „internen Arbeitsmärkten“ für Kernbelegschaften wächst ein „externes“ und unsicheres Beschäftigungssegment. Die Projektion der sozioökonomischen Entwicklung bis 2020 zeigt, dass am Arbeitsmarkt eine Qualifikationslücke entsteht, ohne dass die demografische Entwicklung zu Vollbeschäftigung im mittleren und unteren Qualifikationsbereich führt.

Glichen sich die Lebensweisen in den Nachkriegsjahrzehnten in West- wie Ostdeutschland – bei großen Unterschieden zwischen den Landesteilen – eher an, stehen in der deutschen Gesellschaft heute sehr unterschiedliche Arbeits- und Lebensrealitäten nebeneinander. Dass die Beschäftigung weiter zunimmt, geht auf „atypische“ Beschäftigungsformen zurück, zu denen der Bericht auch Alleinselbständigkeit und Niedriglöhne zählt. Dass die Bedeutung des Normalarbeitsverhältnisses abnimmt und Turbulenzen im Erwerbsverlauf häufiger werden, ließ jedoch keine grundsätzlich neuen Lebensverlaufsmuster entstehen.

In allen Lebensphasen stehen stabile, kontinuierliche neben unstetigen und prekären Erwerbsbiografien. Der Umbruch im Beschäftigungssystem verschiebt jedoch die Gewichte zu den diskontinuierlichen Verlaufsmustern. Da immer mehr Beschäftigte keine ausreichenden Versorgungsansprüche erwerben, hängen Teilhabechancen wesentlich von der persönlichen Unterstützung durch Partnerschaft und Familie ab, auch wenn die Unterstützungspersonen immer häufiger nicht mehr im Haushalt leben. Dabei behält das Modell des (männlichen) Hauptverdieners und der vorwiegend weiblichen Haus- und Sorgearbeit offenbar seine gesellschaftliche Geltung. Auch wenn Paare mit Kindern heute zwischen verschiedenen Optionen der Lebensführung wählen können, arbeiten vier Fünftel der Männer mit Kindern in stabiler Vollzeitbeschäftigung, was nur für ein Achtel der Frauen mit Kindern gilt. Ostdeutschen Frauen gelingt es immer seltener, kontinuierliche Vollzeiterwerbstätigkeit mit Kindererziehung zu verbinden. Die anderen Modelle des weiblichen Zuverdienstes oder der Familienarbeit sind vielfach nicht frei gewählt, und auch die wachsende Kluft zwischen oft überlangen Arbeitszeiten einerseits und Teilzeitbeschäftigung entspricht häufig nicht den Wünschen der Beschäftigten.

Über die Arbeit des Forschungsverbunds Sozioökonomische Berichterstattung informiert die Projektwebsite (http://www.soeb.de). Der Zweite Bericht zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland ist im Verlag für Sozialwissenschaften erschienen und kostet im Buchhandel 39,95 Euro. Presse- und Rezensionsexemplare können beim Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) Göttingen angefordert werden, das den Verbund koordiniert. Kontakt: Sarah Cronjaeger, Email sarah.cronjaeger@sofi.uni-goettingen.de.

Kontakt:
Dr. Peter Bartelheimer
Soziologisches Forschungsinstitut (SOFI) an der Georg-August-Universität
Friedländer Weg 31
37085 Göttingen
Tel. +49 551 52205-51
E-Mail: peter.bartelheimer@sofi.uni-goettingen.de

Namara Freitag | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-goettingen.de

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