Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Strukturwandel im ländlichen China

09.01.2009
Das Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land gehört zu den größten Problemen, die das starke Wirtschaftswachstum in China verursacht hat. Die Zentralregierung versucht gegenzusteuern, aber mit welchen Mitteln?

Das untersuchen Prof. Dr. Thomas Heberer und René Trappel vom Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Duisburg-Essen (UDE) in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt.

Am Beispiel der Landkreise Laixi (Provinz Shandong) und Suining (Provinz Sichuan) gehen sie den sozialen und politischen Veränderungen nach. Gerade sind die beiden Wissenschaftler von einer mehrwöchigen Forschungsreise aus Nord- und Südwestchina zurückgekehrt.

"Von der Mao-Ära bis in die 1990er Jahre, als die Volksrepublik primär agrarwirtschaftlich geprägt war, haben die Bauern für die Städte die notwendigen Ressourcen erwirtschaften müssen", sagt Prof. Heberer. "Nun soll es umgekehrt sein: Die leistungsstarken Städte finanzieren die Entwicklung des armen ländlichen China mit. Allerdings geht es nicht ohne umfassende staatliche Eingriffe und sozialstaatliche Begleitung, wenn man den ländlichen Raum modernisieren will."

Die Regierung rüttelt hierfür an alten Strukturen, konnten die Wissenschaftler der UDE feststellen: Sie schwächt traditionelle Dorfgemeinschaften bzw. löst sie auf, indem sie diese zum Beispiel in neue Dorfprojekte umsiedelt oder stadtnahe in den urbanen Raum eingemeindet; Clan- und Sippenverbände wiederum verlieren an Einfluss, weil ländliche Arbeitskräfte in die prosperierenden Küstenregionen abwandern; Landbewohner, die ihren Boden verloren haben, dürfen sich in Gemeinde- und Kreisstädten ansiedeln. Zugleich wird die ländliche Flächennutzung neu organisiert und damit kommerzialisiert und industrialisiert. Bodenrechte werden verkauft oder langfristig verpachtet, es entstehen Wirtschaftsparks und Gewerbegebiete. Die kleinteilige, familienbasierte Landwirtschaft verliert an Bedeutung, während Landverluste und abhängige Lohnbeschäftigung zunehmen. Gleichzeitig versucht die Zentralregierung politische Impulse zu setzen und baut ein Sozialwesen im ländlichen Raum auf in Form eines kooperativen Krankenversicherungssystems.

In Laixi wird vor allem die Infrastruktur verbessert, traditionelle Bauernhäuser sind städtischen Reihenhäusern oder großen Wohnblocks gewichen. Um die Bauern für den Verlust von Boden zu entschädigen, werden ihnen Sozialleistungen, das heißt medizinische Versorgung und Rente, gewährt. In Suining, das bis zu 90 Prozent seiner Arbeitskräfte durch Abwanderung in die Küstengebiete verloren hat, bilden Rückkehrerprogramme einen Schwerpunkt. Mit entsprechenden Anreizen sollen fähige Kräfte als Investoren und Dorffunktionäre zurückgeholt werden. Da spezielle Ressourcen für eine Wirtschaftsentwicklung, zum Beispiel Bodenschätze, fehlen, setzt man in Suining auf den Tourismus und eine "grüne Landwirtschaft". Außerdem möchte man Modellstadt für Begrünung werden.

Zwei interessante Entwicklungen haben Heberer und Trappel bei ihrer Feldforschung in China ausgemacht: "Anders als in früheren Zeiten der Volksrepublik geht es der Führung nicht um eine kollektivitätsorientierte Transformation. Vielmehr sieht sie die alten Dorfstrukturen und deren traditionelle Gemeinschaften als Hemmnis an. Zudem sucht die Regierung einen Ausgleich zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung - unter anderem dadurch, dass sie ein einheitliches Beschäftigungssystem sowie ein berufliches Ausbildungssystem für die Landbewohner schafft und ländliche Arbeitskräfte künftig genauso entlohnen will wie städtische."

Wie gut die Umgestaltung tatsächlich gelingen wird, wird auch davon abhängen, ob der Zentralstaat die Korruption im ländlichen Raum in den Griff bekommt: Stimmenkauf bei Dorfwahlen, Bestechung von Dorfkadern, um z.B. an Boden für Industriezwecke heranzukommen, oder das Unterschlagen der ohnehin sehr geringen Bodenabfindungen durch lokale Funktionäre sind weit verbreitete Phänomene und gehören zum System.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Thomas Heberer,
Tel. 0203/379-3727, thomas.heberer@uni-due.de
René Trappel, Tel. 0203/379-1072, rene.trappel@uni-due.de
Redaktion: Ulrike Bohnsack, Tel. 0203/379-2429

Ulrike Bohnsack | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-due.de/localpolitics/
http://www.uni-due.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik