Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rechner mit "Bauchgefühl": Social Computing – ein neuer Ansatz der Verhaltensforschung

10.06.2011
Woher weiß das menschliche Gehirn, ob eine Situation normal ist oder ob gerade etwas Außergewöhnliches passiert? Was erzeugt also beim Menschen "soziale Aufmerksamkeit"?

Social Computing beschreibt die rechnergestützte Analyse und Modellierung solcher Prozesse in ihrem sozialen Kontext. Im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts VANAHEIM, das strenge Datenschutzauflagen erfüllt, wird auf Basis von Videoüberwachungsdaten ein intelligentes System entwickelt, das automatisch Alarm auslöst, wenn z.B. im U-Bahn-Bereich etwas Ungewöhnliches passiert. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Karl Grammer, Verhaltensforscher an der Universität Wien, beteiligt sich daran.

Nach dem 11. September 2001 hat im Bereich Social Computing ein Boom eingesetzt. In öffentlichen Bereichen wurden zahllose Kameras installiert, um der Angst vor Terroranschlägen und Kriminalität entgegenzuwirken. Doch die Menge an Informationen, die durch Videoüberwachung entstanden ist, lässt sich nicht auf traditionelle Weise bewältigen. Während Lösungen für dieses Problem gesucht werden, ergeben sich gleichzeitig völlig neue Anwendungsmöglichkeiten für den Einsatz der so gewonnenen Daten: Wie kann Video-Überwachung im öffentlichen Raum zur Optimierung von Prozessen und Verbesserung der Infrastruktur genutzt werden? Diese Frage steht im Vordergrund des mit 3,7 Millionen Euro von der EU geförderten vierjährigen Projekts VANAHEIM, an dem sich unter Federführung belgischer ForscherInnen auch WissenschafterInnen aus Österreich, Frankreich, Italien und der Schweiz beteiligen.

"Wir wollen herausfinden, wie die Fülle der visuellen und auditiven Information besser als bisher genutzt werden kann und ob kognitive Prozesse so modellierbar sind, dass sie automatisiert werden können", erklärt Karl Grammer, Professor am Department für Anthropologie der Universität Wien, die Forschungsvorgabe. Im ersten Projektjahr wurden die methodischen Grundsteine gelegt, derzeit beginnt die Entwicklungsphase. Am Ende des Projekts im Jahr 2013 soll ein einsatzfähiges System bereitstehen.

Mit Videoaufnahmen "soziale Aufmerksamkeit" modellieren

Die eigentliche Herausforderung des Projektes liegt in der Modellierung kognitiver Systeme. Deshalb beschäftigt sich die Arbeitsgruppe am Department für Anthropologie der Universität Wien mit der Frage, was bei einem Menschen "soziale Aufmerksamkeit" erzeugt: Der zurückgelassene Koffer auf dem Bahnsteig ist dabei noch ein leicht zu lösendes Problem. Wie lassen sich seltene Ereignisse beschreiben? "Dazu werden große Mengen von Videoaufnahmen von U-Bahn-Überwachungssystemen Probanden vorgeführt. Diese markieren die Szenen, die ihnen auffallen. Darüber hinaus wird das Blickverhalten mit den Inhalten der Szenen in Zusammenhang gebracht, um zu verstehen, was menschliche Aufmerksamkeit erregt", erläutert Projektmitarbeiterin Elisabeth Oberzaucher die Vorgangsweise. "Die als ungewöhnlich bewerteten Szenen werden mithilfe computergestützter Bild- und Soundanalysen beschrieben, und die so gewonnenen Daten sind die Basis für die Entwicklung eines Computeralgorithmus, der wiederum in das Überwachungssystem integriert werden wird."

Ziel ist nicht Überwachung, sondern Service

Die Ängste, dass durch computergestützte Videoüberwachung ein gläserner Mensch entsteht, fußen auf einer Überschätzung der technischen Möglichkeiten: So ist es beispielsweise derzeit nicht möglich, eine einzelne Person über mehrere Kameras zu verfolgen. Der Nutzen eines effizienteren Überwachungssystems liegt vor allem in einem besseren Service – gerade auch für ältere Menschen. So könnte Alarm beim Betreiber ausgelöst werden, wenn jemand mit der Rolltreppe oder mit dem Fahrscheinautomaten nicht zurechtkommt, d.h. vor allem infrastrukturell verursachte Probleme werden sichtbar gemacht. Im Rahmen des Projektes ist schon die eine oder andere “Stolperfalle” identifiziert und aus dem Weg geräumt worden. So sind z.B. Übersichtspläne, die am Ende einer Rolltreppe angebracht waren und häufig Staus verursacht hatten, besser in der Station positioniert worden. Gewalttaten sind hingegen seltene Ereignisse und deshalb in der automatischen Videoanalyse schwer zu modellieren. Ob das neue System irgendwann auch für Gewaltprävention eingesetzt werden kann, bleibt derzeit noch offen.

Ethikkommission genehmigt Projekt

Das Projekt unterliegt strengen Datenschutzauflagen und wurde von einer Ethikkommission geprüft und genehmigt. Bislang wurden Videoaufzeichnungen überwiegend rückblickend verwendet – so greift die Exekutive zur Aufklärung von Kriminalfällen darauf zurück. Es gilt als erwiesen, dass die Präsenz von Überwachungssystemen Kriminalität reduziert. Besonders in U-Bahnstationen und Zügen wurde dadurch Vandalismus eingedämmt – was enorme Kosten spart.

Weitere Information unter: http://www.vanaheim-project.eu

Wissenschaftlicher Kontakt
Mag. Dr. Elisabeth Oberzaucher
Department für Anthropologie
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14 (UZA I)
T +43-1-4277-547 20
elisabeth.oberzaucher@univie.ac.at
Rückfragehinweis
Mag. Veronika Schallhart
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien
1010 Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1
T +43-1-4277-175 30
M +43-664-602 77-175 30
veronika.schallhart@univie.ac.at

Alexander Dworzak | Universität Wien
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Wie Zusammenarbeit durch Netzwerkdynamik bestimmt wird
25.08.2015 | Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

nachricht Vom Roboter gepflegt werden? Für jeden Vierten vorstellbar
24.08.2015 | Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektrofahrzeuge kabellos laden und entladen

Über ein kabelloses Ladesystem können Elektroautos künftig nicht nur tanken, sondern die Energie ins Stromnetz zurückspeisen. Auf diese Weise helfen sie das Netz zu stabilisieren. Das kostengünstige Ladesystem erreicht hohe Wirkungsgrade – über den vollen Leistungsbereich von 400 Watt bis 3,6 Kilowatt. Die Abstände zwischen Auto und Ladespule können bis zu 20 Zentimeter be- tragen. Auf der Internationalen Automobil Ausstellung IAA in Frankfurt stellen Fraunhofer-Forscher den Prototyp vom 15. bis 18. September 2015 vor (Halle 4, Stand D33).

Es regnet in Strömen. Wer jetzt ein dickes unhandliches Kabel zwischen Elektrofahrzeug und Ladesäule einstecken muss, wird patschnass. Doch es nützt nichts,...

Im Focus: Increasingly severe disturbances weaken world's temperate forests

Longer, more severe, and hotter droughts and a myriad of other threats, including diseases and more extensive and severe wildfires, are threatening to transform some of the world's temperate forests, a new study published in Science has found. Without informed management, some forests could convert to shrublands or grasslands within the coming decades.

"While we have been trying to manage for resilience of 20th century conditions, we realize now that we must prepare for transformations and attempt to ease...

Im Focus: Meeresinseln als Heimat einmaliger Pflanzenarten

Warum leben in manchen Ökosystemen auffallend viele, in anderen Ökosystemen nur wenige Pflanzenarten? Wie kommt es, dass einige Arten jeweils nur in einer bestimmten, klar abgrenzbaren Region der Erde zuhause sind? Mit diesen Fragen hat sich Dr. Manuel Steinbauer in einer Reihe wissenschaftlicher Studien an der Universität Bayreuth befasst. Für seine Forschungsarbeiten wird der Bayreuther Ökologe, der zurzeit als Postdoc an der dänischen Universität Aarhus forscht, mit dem diesjährigen Wilhelm Pfeffer-Preis der Deutschen Botanischen Gesellschaft (DBG) ausgezeichnet. Der Preis ist mit 2.500 Euro dotiert.

Wenn es darum geht, den Gründen für die Verbreitung pflanzlicher Arten auf die Spur zu kommen und theoretische Erklärungsansätze zu überprüfen, sind...

Im Focus: OU astrophysicist and collaborators find supermassive black holes in quasar nearest Earth

A University of Oklahoma astrophysicist and his Chinese collaborator have found two supermassive black holes in Markarian 231, the nearest quasar to Earth, using observations from NASA's Hubble Space Telescope.

The discovery of two supermassive black holes--one larger one and a second, smaller one--are evidence of a binary black hole and suggests that supermassive...

Im Focus: Optische Schalter - Lernen mit Licht

Einem deutsch-französischen Team ist es gelungen, einen lichtempfindlichen Schalter für Nervenzellen zu entwickeln. Dies ermöglicht neue Einblicke in die Funktionsweise von Gedächtnis und Lernen, aber auch in die Entstehung von Krankheiten.

Lernen ist nur möglich, weil die Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn fortwährend umgebaut werden: Je häufiger bestimmte Reizübertragungswege...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Frankfurter Hochhausfassadentage 2015: Frankfurt UAS veranstaltet Symposium und Hochhausführung

31.08.2015 | Veranstaltungen

Erreger unter Superlupen – Aufbruch in unsichtbare Welten

31.08.2015 | Veranstaltungen

Fehlermeldungen des Gehirns auf der Spur

31.08.2015 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fehlgeleitete Galileo-Satelliten für Forschungsmission freigegeben

31.08.2015 | Geowissenschaften

Frankfurter Hochhausfassadentage 2015: Frankfurt UAS veranstaltet Symposium und Hochhausführung

31.08.2015 | Veranstaltungsnachrichten

Siemens-Lösungen unterstützen Diagnose und Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen

31.08.2015 | Messenachrichten