Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Öffentlicher Druck fördert Gemeinsinn

10.06.2011
Sowohl Angst vor Gesichtsverlust als auch Aussicht auf Anerkennung motivieren zu kooperativem Verhalten

Im Mittelalter war der Pranger ein wirksames Mittel, Fehlverhalten zu bestrafen. Öffentliches Bloßstellen hat aber bis heute seine disziplinatorische Wirkung behalten.

Dass der persönliche Ruf mehr Wert sein kann als mögliche finanzielle Vorteile, belegt eine Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön und der University of British Columbia in Kanada. Demnach verhalten sich die Spieler in so genannten Gemeinwohl-Spielen kooperativer, wenn besonders positives oder besonders negatives Verhalten öffentlich wird. Positive wie negative Beurteilung durch Mitmenschen bestimmen also menschliches Verhalten maßgeblich mit.

Die Bilder sind bis heute unvergessen: Im Februar 2008 verhaften Steuerfahnder Klaus Zumwinkel in seinem Privathaus und führen ihn vor laufenden Kameras ab. Von manchen als Vorverurteilung durch die Medien kritisiert, wurde der Ruf des damaligen Chefs der Deutschen Post durch diese öffentliche Demütigungen nachhaltig beschädigt. Die abschreckende Wirkung solcher Aufnahmen ist womöglich größer als die Angst vor den strafrechtlichen Folgen.

Wie wichtig Begriffe wie „Schande“ und „Ehre“ für menschliches Handeln sind, zeigt eine die Analyse eines Gemeinwohl-Spiels mit rund 180 Studienanfängern, das die deutschen und kanadischen Wissenschaftler entwickelt haben. In solchen Spielsituationen beobachten Forscher beispielsweise, unter welchen Bedingungen Menschen sich kooperativ verhalten. In der nun untersuchten Variante konnten die Teilnehmer in mehreren aufeinanderfolgenden Runden wählen, wie viel sie von einem ihnen zur Verfügung gestellten Geldbetrag für sich selbst behalten oder in einen Gruppentopf einbezahlen wollten – ohne dass dies den übrigen Teilnehmern bekannt wurde. Am Ende wurde der Betrag des gemeinsamen Topfes verdoppelt und gleichmäßig unter den Studenten verteilt, egal, wie viel der einzelne dazu beigetragen hatte – zusätzlich zu dem Betrag, den sie für sich behalten hatten.

Solange keiner über das Verhalten der übrigen Teilnehmer des Gemeinwohl-Spiels Bescheid wusste, profitierten die „Egoisten“, die nur wenig in den Gemeinschaftstopf einbezahlten, vom Gemeinsinn der anderen: So zahlten die Spieler von möglichen 72 kanadischen Dollar nur 22 Dollar in den gemeinsamen Topf ein. Mit einer kleinen, aber entscheidenden Änderung gelang es den Wissenschaftlern, den Gemeinsinn zu steigern. Alle Spieler wussten, dass kurz vor Ende des Spiels die zwei Teilnehmer, die zu diesem Zeitpunkt am wenigsten – oder am meisten – Geld in den Gemeinschaftstopf einbezahlt hatten, vor der Gruppe ihre Namen auf eine Tafel schreiben würden unter: „Ich habe am wenigsten/meisten beigetragen.“ Nun stieg die Summe im Topf auf rund 33 Dollar.

Ein positiver persönlicher Leumund kann Menschen also zu mehr Kooperation bewegen. „Unsere Studie zeigt, dass die Bloßstellung als vermeintlicher Egoist dabei genauso eine treibende Kraft ist wie die Ehrung als Altruist. Sowohl Scham über das eigene Fehlverhalten als auch Stolz können also den Gemeinsinn fördern“, sagt Arne Traulsen vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie.

In den USA ist dieser Effekt in vielen Bundesstaaten schon Teil der Strafe. So werden die Namen von überführten Steuersündern im Internet veröffentlicht. Umgekehrt werben beispielsweise Unternehmen mit ihrer Unterstützung gemeinnütziger Organisationen und nutzen so deren positive Image für ihre Produkte. Die Furcht vor öffentlicher Blamage und die Aussicht auf Ehrung ist demnach eine wirkungsvolle Strategie, Menschen zu mehr Gemeinsinn zu bewegen. „Eine solche Kombination aus negativem und positivem öffentlichen Druck könnte bei Problemen helfen, die nur mit viel Gemeinsinn gelöst werden können, wie der Klimawandel“, sagt Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut in Plön.

Ansprechpartner
Prof. Dr. Manfred Milinski
Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, Plön
Telefon: +49 4522 763-254
Fax: +49 4522 763-310
E-Mail: milinski@evolbio.mpg.de
Originalveröffentlichung
Jennifer Jacquet, Christoph Hauert, Arne Traulsen and Manfred Milinski
Shame and honour drive cooperation
Biological Letters, online veröffentlicht 1. Juni 2011, doi: 10.1098/rsbl.2011.0367

| Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/4342150/gemeinsinn_durch_oeffentlichen_druck

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften