Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„Le Parkour“ – Die neue Kunst der Fortbewegung

16.09.2010
Der Sport verlässt seine traditionellen Spielstätten: Turnhallen, Fußballplätze, Leichtathletikstadien passen nicht mehr zu den modernen Trendsportarten wie Inlineskating, Skateboarding, Mountainbiking und City-Marathon. Natur und Stadt sind die bevorzugten Aktionsfelder.

Das jüngste und spektakulärste Beispiel ist „Le Parkour“: Dabei überwinden die Akteure jedes Hindernis, das sich ihnen in der Stadt stellt, springen über Mauervorsprünge, Bänke und Mülltonnen.Der Sportsoziologe Prof. Robert Gugutzer hat diese Kunst der Fortbewegung in der neuen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2010) unter die Lupe genommen.

Für die Sportsoziologen ist „Le Parkour“ „eine subkulturell entstandene, innovative Körperpraxis mit unkonventioneller Raumnutzung“. Die „Traceure“, wie die Akteure sich selbst nennen, nutzen ausschließlich ihren Körper als „Sportinstrument“, um so schnell und zugleich so sicher wie möglich von A nach B zu kommen. Sie bewältigen ihren Weg laufend, springend, kletternd, wie es ihre eigenen Fähigkeiten erlauben, ohne an den Hindernissen, die ihnen die Stadtlandschaft bietet, etwas zu verändern. Bis sich aus der ersten „Parkour“-Gruppe, die der Franzose David Belle Ende der 1990er Jahre gründete, eine global verbreitete und vernetzte Szene entwickelte, dauerte es einige Jahre. Videoclips auf „youtube“, Spielefilme wie „Casino Royal“ und Musikvideos von Madonna oder Tina Turner machten diese Sportart der Städter immer populärer.

Inzwischen wachsen die „Parkour“-Communities insbesondere in den Großstädten: Junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren, die häufig vorher geturnt oder Kampfsportarten trainiert haben, treffen sich irgendwo an Baustellen, Parkgaragen oder den Orten bürgerlicher Kultur wie vor der Alten Oper in Frankfurt und nehmen es mit den Hindernissen auf, die die urbane Lebenswelt prägen. Gugutzer sieht darin die Chance, dass Menschen sich ihren in der Stadt verbauten und zugebauten Lebensraum wieder aneignen und auf neue Weise wahrnehmen. Ein Mauervorsprung oder ein Holzpfosten, die von den meisten Passanten übersehen werden, nehmen Traceure als eine sportive Bewegungsoption wahr, etwa für einen „saut de précision“, einen Präzisionssprung. „Der städtische Raum wird aber nicht nur anders oder neu gesehen, er wird auch differenzierter gespürt“, ergänzt Gugutzer. „Durch wiederholtes Training an unterschiedlichen Übungsplätzen, ‚spots’, auf unterschiedlichen Belägen wie Teer, Gras, Sand oder Pflaster und zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten entwickeln die Traceure neben ihrem kinästhetischen Sinn ebenso ein leibliches Gespür für die Materialität des Urbanen.“

Der Frankfurter Sportsoziologe hat sich die „Le Parkour“-Szene in Frankfurt und München angeschaut und dabei unter anderem festgestellt, dass Traceure ihr Bewegungsrepertoire enorm erweitern und eine ganz besondere Bewegungskompetenz entwickeln: „Die Akteure haben gelernt, ihr Bewegungskönnen genauer einzuschätzen, und sie entwickeln ein implizites Bewegungswissen, eine Art ‚leibliche Intelligenz’, die es ihnen erlaubt, spontan, intuitiv und situationsangemessen auf Hindernisse zu reagieren.“ Darüber hinaus fördert „LeParkour“ die Kompetenz, Probleme zu lösen, die weit über die sportliche Praxis in das alltägliche Leben der Traceure reichen. So äußerten sich auch die Traceure, mit denen sich Gugutzer in seiner Untersuchung beschäftigte; der Sportwissenschaftler fasst ihre Statements zusammen: „Für die Lösung von Problemen im Alltag ist jeder selbst verantwortlich; Lösungswege muss man suchen, statt sie von anderen zu übernehmen; und um Hindernisse zu bewältigen, ist es wichtig, auch mal neue Wege zu gehen. ‚Le Parkour’ ist in diesem Sinne eine urbane Bewegungskunst, die jenseits traditioneller Bildungsinstitutionen den städtischen Raum als körperlich-sinnlichen Bildungsraum nutzt.“

Die so eben erschienene Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2010) widmet sich einer Vielzahl von soziologischen Forschungsthemen, die an der Goethe-Universität und dem Institut für Sozialforschung untersucht werden – aus aktuellem Anlass: 100 Jahre nach seiner Premiere im Oktober 1910 findet der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wieder in Frankfurt statt. Die Jubiläumstagung vom 11. bis 15. Oktober an der Goethe-Universität hat das Rahmenthema „Transnationale Vergesellschaftungen“. In Zeiten des grenzüberschreitenden gesellschaftlichen Wandels und Wirtschaftslebens fragt die Soziologie nach den Auswirkungen der modernen Verflechtungen auf Staaten, Regionen und die einzelnen Menschen. Das Begleitprogramm enthält öffentliche Veranstaltungen zur Geschichte der Soziologie und zur Entwicklung der akademischen Disziplin in Frankfurt.

Informationen: Prof. Robert Gugutzer, Institut für Sportwissenschaften, Sportcampus Ginnheim, Tel. (069) 798-24529, gugutzer@sport.uni-frankfurt.de

„Forschung Frankfurt“ 2/2010 kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de und als pdf im Internet anschauen: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/2010/index.html

Ulrike Jaspers | idw
Weitere Informationen:
http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/2010/index.html

Weitere Berichte zu: Akteur Fortbewegung Hindernisse Parkour Soziologie Traceure

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Physiker designen ultrascharfe Pulse

Quantenphysiker um Oriol Romero-Isart haben einen einfachen Aufbau entworfen, mit dem theoretisch beliebig stark fokussierte elektromagnetische Felder erzeugt werden können. Anwendung finden könnte das neue Verfahren zum Beispiel in der Mikroskopie oder für besonders empfindliche Sensoren.

Mikrowellen, Wärmestrahlung, Licht und Röntgenstrahlung sind Beispiele für elektromagnetische Wellen. Für viele Anwendungen ist es notwendig, diese Strahlung...

Im Focus: Physicists Design Ultrafocused Pulses

Physicists working with researcher Oriol Romero-Isart devised a new simple scheme to theoretically generate arbitrarily short and focused electromagnetic fields. This new tool could be used for precise sensing and in microscopy.

Microwaves, heat radiation, light and X-radiation are examples for electromagnetic waves. Many applications require to focus the electromagnetic fields to...

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Basis für neue medikamentöse Therapie bei Demenz

27.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Aus Potenzial Erfolge machen: 30 Rittaler schließen Nachqualifizierung erfolgreich ab

27.07.2017 | Unternehmensmeldung

Biochemiker entschlüsseln Zusammenspiel von Enzym-Domänen während der Katalyse

27.07.2017 | Biowissenschaften Chemie