Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Göttinger Wissenschaftler untersuchen Selbstorganisation in sozialen Netzwerken

04.04.2011
Wer nicht kooperiert, wird ausgegrenzt

Arbeite ich mit meinen Kollegen zusammen oder nutze ich andere aus? Setze ich mich uneigennützig für andere Menschen ein?

Welche Bedingungen Kooperation und prosoziales Verhalten fördern, das hat das Team um Juniorprofessor Dr. Dirk Semmann am Courant Forschungszentrum „Evolution des Sozialverhaltens“ der Universität Göttingen untersucht. Er leitet dort die Nachwuchsgruppe „Evolution of cooperation and prosocial behaviour“.

Die Wissenschaftler konnten nun erstmals experimentell nachweisen, dass dynamische soziale Netzwerke kooperatives Verhalten fördern und dass die natürliche Selektion so Kooperation begünstigen kann. Ihre Ergebnisse weichen jedoch teilweise von den Vorhersagen theoretischer Modelle ab. Sie werden heute (Montag, 4. April 2011) in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Ecology Letters“ veröffentlicht. Das Courant Forschungszentrum wird aus Mitteln der Exzellenzinitiative gefördert.

In dem Experiment spielten Studierende am Computer mit verschiedenen Partnern das sogenannte Gefangenendilemma, das ein zentraler Bestandteil der Spieltheorie ist. Dabei treffen zwei sich unbekannte Personen aufeinander, müssen sich für oder gegen eine Zusammenarbeit entscheiden und dabei Geld verdienen. Die Spielpartner müssen dabei abwägen, von welchem Verhalten sie am meisten profitieren, ohne vorab die Entscheidung des anderen zu kennen.

Die Göttinger Evolutionsbiologen simulierten zwei unterschiedliche Szenarien: Zum einen spielten die Probanden in einem statischen Netzwerk mit festgelegten Partnern, die sie nicht austauschen konnten. Dies entspricht der Situation mit Kollegen am Arbeitsplatz. Zum anderen spielten sie in einem dynamischen Netzwerk wie zum Beispiel bei Freundschaften, in dem die Partner ersetzt werden können. Die Probanden erfuhren in den insgesamt 30 Spielrunden nur die Ergebnisse der Entscheidungen mit ihrem jeweiligen Partner; sie erhielten keinen Überblick über das Geschehen im gesamten Netzwerk.

„In dynamischen sozialen Netzwerken wählten die Teilnehmer eine andere Strategie, als dies in theoretischen Modellen vorhergesagt wurde: Sie wählten häufig nicht kooperierende Personen ab und gingen lieber kooperative Langzeitbeziehungen ein“, so Katrin Fehl, Doktorandin in der Nachwuchsgruppe. Bislang war vermutet worden, dass Spieler auch nicht kooperierende Mitspieler behalten und sich auf deren Verhalten einstellen. Denn bei einem neuen, unbekannten Partner besteht die Gefahr, von ihm ausgenutzt zu werden.

Durch konstante Muster der Partnerabwahl veränderten die Teilnehmer ihr soziales Umfeld und beeinflussten die Struktur des dynamischen Netzwerkes: Es bildeten sich stabile Cliquen kooperativer Spieler mit Dreiecksbeziehungen heraus, in denen die eigenen Freunde auch untereinander befreundet waren. „Es besteht also eine enge Wechselwirkung zwischen der sozialen Umgebung und kooperativem Verhalten“, so Prof. Semmann. Im Spielverlauf machten kooperative Teilnehmer in dem dynamischen Netzwerk neue Erfahrungen, die ihre Verhaltenstrategie weiter festigte. Gleichzeitig wurden Spieler mit nicht-kooperativem Verhalten an den Rand des Netzwerks gedrängt. Die Partnerabwahl erzog Teilnehmer dazu, prosoziales Verhalten zu entwickeln.

Originalveröffentlichung:
Katrin Fehl, Daniel J. van der Post, Dirk Semmann (2011). Co-evolution of behaviour and social network structure promotes human cooperation. Ecology Letters. Doi: 10.1111/j.1461-0248.2011.01615.x
Hinweis an die Redaktionen:
Fotos zum Thema haben wir im Internet unter http://www.uni-goettingen.de/de/3240.html?cid=3821 zum Download bereitgestellt.
Kontaktadresse:
Prof. Dr. Dirk Semmann
Georg-August-Universität Göttingen
Courant Forschungszentrum „Evolution des Sozialverhaltens“
Nachwuchsgruppe „Evolution of cooperation and prosocial behaviour“
Kellnerweg 6, 37077 Göttingen
Telefon (0551) 39-14645
E-Mail: dirk.semmann@bio.uni-goettingen.de

Dr. Bernd Ebeling | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-goettingen.de/de/3240.html?cid=3821
http://www.uni-goettingen.de/crc-social-behaviour

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Was nach der Befruchtung im Zellkern passiert

06.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf

06.12.2016 | Medizin Gesundheit

Patienten-Monitoring in der eigenen Wohnung − Sensorenanzug für Schlaganfallpatienten

06.12.2016 | Medizintechnik