Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein neuer Lebenslauf für eine alternde Gesellschaft

30.06.2006
Rostocker Wissenschaftler machen deutlich, dass in Zeiten eines demografischen Wandels die Arbeit im Lebenslauf anders verteilt werden muss

Die Bevölkerung in Europa altert. Immer mehr Ältere stehen immer weniger Jüngeren gegenüber. Am deutschen Beispiel zeigen Wissenschaftler des "Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels", eine gemeinsame Forschungseinrichtung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung und der Universität Rostock, nun in einer Veröffentlichung im Journal "Science" (30. Juni 2006), wie sich die insgesamt in Deutschland geleistete Arbeit schon bald verringern wird, wenn Ältere auch in Zukunft in so geringem Maß am Erwerbsleben teilnehmen. Soll sich das Verhältnis von Arbeitenden zu Nicht-Arbeitenden in Zukunft nicht verschlechtern und soll die pro Kopf geleistete Arbeitszeit nicht sinken, so muss die Arbeit über den Lebenslauf gleichmäßiger verteilt und flexibler gestaltet werden.

James W. Vaupel, Direktor am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDF), und Elke Loichinger zeigen mit einem neu entwickelten Rostocker Index, dass bereits in 20 Jahren acht Prozent weniger gearbeitet würde als heute, wenn die wenigen Jüngeren weiter viel und die vielen Älteren weiter wenig arbeiten. Denn die "Babyboomer" der geburtenstarken Jahrgänge, heute um die vierzig Jahre alt, stellen schon bald die älteren Arbeitnehmer. Zwar könnte ein Anstieg der Produktivität diesen Verlust an Arbeitskraft auffangen und die Aufrechterhaltung des Lebensstandards sichern. Doch wäre die Arbeit noch ungleicher verteilt als heute: Mehr Menschen würden gar nicht am Erwerbsleben teilnehmen.

Die demografischen Umbrüche mit ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die gesamtwirtschaftliche Entwicklung stellen eine Herausforderung für die Gesellschaft und die Politik dar, eröffnen jedoch auch Chancen für den Einzelnen, seinen Lebenslauf zu gestalten und Optionen zu nutzen. Zukünftige Generationen mögen sich darüber wundern, wie wir heute das Lernen in der ersten Lebensphase, das Arbeiten in der Mitte des Lebens und die Freizeit in den späteren Jahren konzentrieren, wenn die Kinder uns nicht mehr brauchen, betonen Vaupel und Loichinger. Das starre Muster heutiger Biografien und die geringe Erwerbsbeteiligung Älterer sind in den Zeiten des demografischen Wandels nicht mehr zukunftsfähig. "Das 20. Jahrhundert war eines der Umverteilung von Vermögen, in dem angebrochenen Jahrhundert wird es um die Umverteilung von Arbeit gehen", sagt James W. Vaupel.

Theoretisch böte sich eine Reihe von Möglichkeiten, die insgesamt geleistete Arbeitszeit über die Altersgruppen hinweg gleichmäßiger zu verteilen: Ein Weg wäre die stärkere Einbindung der Über-50-Jährigen, deren Erwerbsbeteiligung heute gegenüber den Unter-50-Jährigen deutlich abfällt. Intelligente Konzepte mit Möglichkeiten der Teilzeitbeschäftigung wären dafür hilfreich. Vor dem Hintergrund der stetig steigenden Lebenserwartung bei immer längerer Gesundheit ließen sich auch die Über-60-Jährigen zu einem gewissen Grad in das Arbeitsleben integrieren. Eine gleichmäßige und flexible Verteilung der Lebensarbeitszeit könnte auch Entlastungen für die 35- bis 50-Jährigen schaffen, bei denen die Phase umfangreicher Erwerbstätigkeit mit der Zeit kollidiert, die sie benötigen, um eine Familie zu gründen und Kinder groß zu ziehen. Wenn Arbeit gleichmäßiger über den Lebenslauf verteilt würde, wäre mehr im Leben unterzubringen: Bildung, Arbeit, Freizeit, Familie, soziales Engagement, jeweils in unterschiedlicher Gewichtung, je nach Anforderungen der Lebensphase. Heute hingegen sind die Hürden für ein Nebeneinander dieser Lebensbereiche groß.

Die Umverteilung der Arbeitszeit über den Lebenslauf ist bei den demografischen Veränderungen eine ökonomische Notwendigkeit. Sozialwissenschaftliche Forschung kann weiter dazu beitragen, die Voraussetzungen und Hindernisse für eine neue Gestaltung der Lebensläufe zu ergründen. [KvK]

Originalveröffentlichung:

J.W. Vaupel and E. Loichinger
Redistributing Work in Aging Europe
Science, Volume 312, Ausgabe Nr. 5782 vom 30. Juni 2006

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/

Weitere Berichte zu: Erwerbsbeteiligung Erwerbsleben Lebenslauf Umverteilung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die schnellste lichtgetriebene Stromquelle der Welt

Die Stromregelung ist eine der wichtigsten Komponenten moderner Elektronik, denn über schnell angesteuerte Elektronenströme werden Daten und Signale übertragen. Die Ansprüche an die Schnelligkeit der Datenübertragung wachsen dabei beständig. In eine ganz neue Dimension der schnellen Stromregelung sind nun Wissenschaftler der Lehrstühle für Laserphysik und Angewandte Physik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vorgedrungen. Ihnen ist es gelungen, im „Wundermaterial“ Graphen Elektronenströme innerhalb von einer Femtosekunde in die gewünschte Richtung zu lenken – eine Femtosekunde entspricht dabei dem millionsten Teil einer milliardstel Sekunde.

Der Trick: die Elektronen werden von einer einzigen Schwingung eines Lichtpulses angetrieben. Damit können sie den Vorgang um mehr als das Tausendfache im...

Im Focus: The fastest light-driven current source

Controlling electronic current is essential to modern electronics, as data and signals are transferred by streams of electrons which are controlled at high speed. Demands on transmission speeds are also increasing as technology develops. Scientists from the Chair of Laser Physics and the Chair of Applied Physics at Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) have succeeded in switching on a current with a desired direction in graphene using a single laser pulse within a femtosecond ¬¬ – a femtosecond corresponds to the millionth part of a billionth of a second. This is more than a thousand times faster compared to the most efficient transistors today.

Graphene is up to the job

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Im Spannungsfeld von Biologie und Modellierung

26.09.2017 | Veranstaltungen

Archaeopteryx, Klimawandel und Zugvögel: Deutsche Ornithologen-Gesellschaft tagt an der Uni Halle

26.09.2017 | Veranstaltungen

Unsere Arbeitswelt von morgen – Polarisierendes Thema beim 7. Unternehmertag der HNEE

26.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Europas erste Testumgebung für selbstfahrende Züge entsteht im Burgenland

26.09.2017 | Verkehr Logistik

Nerven steuern die Bakterienbesiedlung des Körpers

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit künstlicher Intelligenz zum chemischen Fingerabdruck

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie