Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kritik an der Mitbestimmung unbegründet

27.10.2004


Studie aus dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung belegt: Negative wirtschaftliche Auswirkung der Mitbestimmung ist wissenschaftlich nicht zu belegen



In den vergangenen Wochen wurden wiederholt Forderungen nach Abschaffung oder Beschneidung der Unternehmensmitbestimmung laut. Martin Höpner, Wissenschaftler am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, zeigt jetzt in einer neuen Studie, die den Forschungsstand zur Unternehmensmitbestimmung zusammenfasst, dass Mitbestimmung auf Ebene der Leitungsorgane in den Ländern der Europäischen Union weit verbreitet ist und weder unternehmensvergleichende Studien noch ländervergleichende Daten die These belegen, wonach die Mitbestimmung die Profitabilität oder den Aktienkurs von Unternehmen negativ beeinflusst. Die Beurteilung der Mitbestimmungsdebatte fällt eindeutig aus: Auf den sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsstand können sich die Mitbestimmungskritiker nicht berufen.



"Es ist nicht verwunderlich," so Höpner, "dass sich Führungskräfte aus Großunternehmen den Forderungen nach Abschaffung der Unternehmensmitbestimmung nicht anschließen." Bereits im Jahr 1998 sprachen sich in einer Umfrage unter DAX-Unternehmen nur 23 Prozent der Führungskräfte für die Abschaffung der Unternehmensmitbestimmung aus. Dabei fällt auf, dass vor allem Führungskräfte aus den paritätisch mitbestimmten Großunternehmen vor der radikalen Forderung nach Abschaffung der Mitbestimmung zurückschrecken. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass mit ihr Übereinkünfte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern leichter fallen - sei es durch betriebliche Bündnisse für Arbeit, in denen Lohnsteigerungen gegen Beschäftigungsgarantien getauscht werden, oder sei es dadurch, dass Flächentarifverträge zunehmend als Rahmenabkommen für Feinabstimmungen interpretiert werden.

Die deutschen Arbeitsbeziehungen waren in den vergangenen zehn Jahren durch kooperative Modernisierung der Unternehmen und kontrollierte Dezentralisierung der Lohnfindung gekennzeichnet. Der Mitbestimmung wurden neue Aufgaben zugewiesen. Unternehmensleitungen haben ein reges Interesse daran, dass die einzelwirtschaftliche Mitbestimmung diese Aufgaben auch wahrnimmt. "Führungskräfte von Großunternehmen sind Pragmatiker. Machbarkeit zählt mehr als ideologischer Radikalismus," urteilt Martin Höpner.

Profitabilitätsmindernde Wirkungen der Unternehmensmitbestimmung konnten in wissenschaftlichen Studien nicht festgestellt werden. Wirkt sich die Mitbestimmung schädlich auf die Aktienkurse aus? "Die Börse ignoriert die Mitbestimmung", sagt Höpner, "die Aktienkurse mitbestimmungsfreier Unternehmen sind nicht höher als die Börsenbewertungen mitbestimmter Unternehmen." Gerade angesichts spektakulärer Krisen amerikanischer Unternehmen werde die kontinentaleuropäische Spielart der Unternehmenskontrolle von den Anlegern positiv beurteilt.

Ist die deutsche Unternehmensmitbestimmung im internationalen Vergleich einzigartig? "Ja und nein", meint Höpner, "sogar in mehr als der Hälfte der EU-Mitgliedsstaaten sind die Leitungsorgane großer Aktiengesellschaften mit Vertretern der Beschäftigten besetzt; dabei existieren höchst unterschiedliche Modelle." Aber: "In keinem EU-Mitgliedsland gibt es weitergehende Beteiligungsrechte als in Deutschland." Die Mitbestimmung, so Höpners Überzeugung, wird auch in Zukunft ein integraler Bestandteil der deutschen Unternehmenskontrolle bleiben.

Originalveröffentlichung:

Martin Höpner
Unternehmensmitbestimmung unter Beschuss: Die Mitbestimmungsdebatte im Licht der sozialwissenschaftlichen Forschung
MPIfG Discussion Paper 04/8. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2004

Dr. Andreas Trepte | idw
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik