Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nicht nur das siebte Jahr hat’s in sich

08.07.2004


Mehr als jedes vierte Ehepaar in Deutschland und Österreich trennt sich vor dem 15. Hochzeitstag. Zusammen mit Schweden liegen diese beiden Länder an der Spitze der Trennungsstatistik in Westeuropa.


Steigende Trennungsraten finden viel öffentliche Aufmerksamkeit. In der Diskussion darüber ist es unerlässlich, die tatsächlichen Entwicklungen zu kennen. Hierzu wertet Gunnar Andersson in seiner Studie „Dissolution of unions in Europe: a comparative overview“ Daten aus, die Ende der 80er-/Anfang der 90er-Jahre erhoben wurden. Abbildung 1 stellt den Anteil der Trennungen nach Ehejahren in ausgewählten Ländern dar. Spitzenreiter in der Europäischen Union (EU-15) waren dato Deutschland, Schweden und Österreich. Bis zum „verflixten 7. Jahr“ gingen bereits 14 bis 17 Prozent der Ehen in diesen Ländern auseinander. Verglichen mit den USA waren die Scheidungsraten in europäischen Ländern dennoch niedrig: 29 Prozent der USamerikanischen Ehepaare trennten sich innerhalb der ersten sieben Jahre.

Schaut man sich alle Lebensgemeinschaften (mit und ohne Trauschein) an, zeigen sich die höchsten Trennungsraten für die Länder, in denen die höchsten Scheidungsrisiken beobachtet werden. Erneut fällt auf, dass Ost- und Westdeutschland sowie Österreich etwa vergleichbare Werte aufweisen. Vergleicht man das Trennungsrisiko danach, ob das Paar sein Zusammenleben mit oder ohne Heirat begonnen hat, erweisen sich direkte Heiraten als deutlich stabiler. Dies trifft in allen untersuchten Ländern zu. In Deutschland und Österreich ist die Trennungsbereitschaft von Paaren, die ohne Trauschein zusammengezogen sind (unabhängig davon, ob sie später noch heirateten), doppelt so hoch wie die von Paaren, die beim Zusammenziehen gleich heirateten. So fanden sich von den Direktheiratern nach sieben Jahren noch etwa 85 Prozent zusammen. Hingegen erreichten das siebte Jahr im gemeinsamen Haushalt von den Paaren, die nicht sofort oder gar nicht heirateten, nur reichlich 60 Prozent.


Ein unverheiratetes Zusammenleben vor einer möglichen Hochzeit, das oft als „Ehe auf Probe“ angesehen wird, verhilft der Paarbeziehung also nicht zu (mehr) Stabilität. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass das unverheiratete Zusammenleben gewählt wird, weil es dem Paar leichter erscheint, im Zweifel die Verbindung zu lösen. Jedoch sinkt die Trennungsbereitschaft eines Paares,wenn es ein Kind hat (dies ist in allen Ländern der Fall).

Für die beiden Teile Deutschlands weisen die empirischen Befunde darauf hin, dass Trennungen von Paaren in Ostdeutschland bis Ende der 80er- Jahre etwa genauso häufig vorkamen wie in Westdeutschland. Diese Ähnlichkeit ist beachtenswert, da sich der allgemeine Kontext für das Familienleben in der DDR deutlich von dem in der Bundesrepublik unterschied. Zudem vermitteln andere Indikatoren für das Trennungsverhalten von Paaren, etwa die rohe Scheidungsziffer, den Eindruck, dass die Scheidungsraten in der DDR deutlich höher waren als die im Westen. Die neuen Berechnungen deuten darauf hin, dass rohe Kennziffern das Verhalten der Bevölkerung verzerrt darstellen. Dies liegt unter anderem daran, dass rohe Maßzahlen nicht die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Alter und Familienstand berücksichtigen.

Insgesamt zeigen sich in Europa vielfältige Trennungsmuster. In Ländern, in denen nichteheliche Lebensgemeinschaften relativ häufig verbreitet sind, ist auch das Trennungsrisiko höher als in Ländern mit weniger nichtehelichen Gemeinschaften. Gründe für die Unterschiede zu finden ist Herausforderung für die Forschung. Gedacht sei an einen Wandel der Werte, der unter anderem aus einer geringen Rolle der religiösen Einflüsse resultiert. Gleichzeitig erhöht sich mit dem Streben nach Individualisierung und Selbstverwirklichung der Anspruch auf eine Partnerschaft von guter Qualität. Ist diese nicht gewährleistet, kann eine Trennung bzw. sogar ein Single-Dasein einer relativ unglücklichen Partnerschaft vorgezogen werden. Nicht zuletzt haben gesetzliche Rahmenbedingungen bzw. deren Änderungen Einfluss auf Trennungsmöglichkeiten und -verhalten von Ehepaaren.

Gunnar Andersson, Nadja Milewski | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.demografische-forschung.org
http://www.demographicresearch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Im Focus: Physiker erzeugen gezielt Elektronenwirbel

Einem Team um den Oldenburger Experimentalphysiker Prof. Dr. Matthias Wollenhaupt ist es mithilfe ultrakurzer Laserpulse gelungen, gezielt Elektronenwirbel zu erzeugen und diese dreidimensional abzubilden. Damit haben sie einen komplexen physikalischen Vorgang steuern können: die sogenannte Photoionisation oder Ladungstrennung. Diese gilt als entscheidender Schritt bei der Umwandlung von Licht in elektrischen Strom, beispielsweise in Solarzellen. Die Ergebnisse ihrer experimentellen Arbeit haben die Grundlagenforscher kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ veröffentlicht.

Das Umwandeln von Licht in elektrischen Strom ist ein ultraschneller Vorgang, dessen Details erstmals Albert Einstein in seinen Studien zum photoelektrischen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit voller Kraft auf Erregerjagd

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie