Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie haben sich Ackerbau und Viehzucht in der Geschichte der Menschheit ausgebreitet?

24.05.2004


Genetische Tests in Südindien belegen, dass sich die antike Landwirtschaft offenbar über die Migration von Bauern verbreitet hat


Die Entstehung der Landwirtschaft ist eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit. Doch bisher war umstritten, auf welche Weise sich Ackerbau und Viehzucht in den vergangenen 10.000 Jahren weltweit verbreitet haben - durch massive Wanderungsbewegungen der Landwirtschaft treibenden Menschen selbst oder über die kulturelle Weitergabe der neu erworbenen Fähigkeiten von Generation zu Generation, ohne dass Migrationen dabei eine entscheidende Rolle gespielt hätten. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben jetzt durch genetische Tests bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Südindien nachgewiesen, dass sich die Landwirtschaft dort offensichtlich über eine erhebliche Migration von Bauern in der Vergangenheit ausgebreitet hat. Die neuen Forschungsergebnisse sind in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlicht (Science, 21. Mai 2004).

Für die Beantwortung der Frage, welche Prozesse an der weltweiten Verbreitung der Landwirtschaft in den letzten 10.000 Jahren maßgeblich beteiligt waren, gibt es zwei Hypothesen: Ausbreitung über Migration oder über kulturelle Prozesse. Um festzustellen, welche der beiden Hypothesen korrekt ist, haben die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Bharathiar University in Coimbatore/Indien die genetische Variation von traditionellen Bauern, Jägern und Sammlern sowie von "neuen" Bauern, die ursprünglich Jäger und Sammler waren und dann zur Landwirtschaft übergegangen waren, miteinander verglichen. Hat sich der Ackerbau über die Migration verbreitet, sollten die "neuen" mit den traditionellen Bauern genetisch enger verwandt sein als mit Jägern und Sammler. Erfolgte die Verbreitung der Landwirtschaft hingegen nicht durch Migration, so müssten die "neuen" Bauern eher den Jägern und Sammlern genetisch ähneln.


Derartige genetische Analysen in Europa führen zu widersprüchlichen Ergebnissen, weil es in Europa weder eine Population gibt, die nicht Landwirtschaft betreibt, noch die genetische Beschaffenheit einer vor-landwirtschaftlichen europäischen Bevölkerung bekannt ist. In Indien hingegen gibt es heute noch sowohl Gruppen, die keine Landwirtschaft betreiben, als auch solche, die erst kürzlich zur Landwirtschaft übergegangen sind, so dass die Forscher dort der Frage "Migration contra kulturelle Verbreitung" im Detail nachgehen konnten. Mitglieder einer entsprechenden Kaste können in diesem Kontext als traditionelle Bauern betrachtet werden, weil sie Schlüsselinnovationen (wie z.B. die Verarbeitung von Eisen) eingeführt haben, die die Expansion der Landwirtschaft nach Südindien erleichtert hat. Weiterhin gibt es in Südindien auch Volksstämme, die als Ureinwohner der Region betrachtet werden und von jeher Jäger und Sammler waren. Einige von ihnen leben heute noch als Jäger und Sammler oder betreiben Handarbeit, während andere in den letzten 3.000 Jahren zur Landwirtschaft übergegangen sind.

Um genetische Ähnlichkeiten zwischen den Bevölkerungsgruppen feststellen zu können, haben Cordaux und sein Team die Y-chromosomale DNA von 583 Männern untersucht, darunter 71 südindische Jäger und Sammler, 60 südindische "neue" Bauern sowie 283 südindische and 169 nordindische traditionelle Bauern. Bei ihrer Analyse fanden die Forscher heraus, dass die südindischen "neuen" Landarbeiter bedeutend enger mit den traditionellen Landarbeitern verwandt sind als mit den Jägern und Sammlern. Weiterhin untersuchten die Wissenschaftler die Sequenzen mitochondrialer DNA (mtDNA) von 632 Personen, darunter 229 südindische Jäger und Sammler, 201 südindische "neue" Bauern sowie 140 südindische und 62 nordindische traditionelle Landarbeiter. Hierbei konnten sie feststellen, dass südindische "neue" Bauern bedeutend näher mit traditionellen Bauern verwandt sind als traditionelle Jäger und Sammler. Das Ergebnis der mtDNA-Analyse deckt sich also mit dem der Analyse der Y-chromosomalen DNA.

Beide Gen-Analysen in Südindien zeigen, dass Gruppen, die von einem Leben als Jäger und Sammler zu dem eines Bauern übergegangen sind, genetisch näher mit traditionellen Bauern verwandt sind als mit traditionellen Jägern und Sammlern, und das sowohl in ihrer väterlichen als auch in ihrer mütterlichen Abstammungslinie. Hieraus schließen die Forscher, dass die Verbreitung der Landwirtschaft in Südindien sowohl von einem väterlichen als auch einem mütterlichen Genfluss begleitet war, das heißt von einer Migration von Menschen. Diese Befunde unterstreichen zudem, welche Bedeutung kulturelle Prozesse, wie zum Beispiel die Verbreitung der Landwirtschaft, für die Entstehung genetischer Variation beim Menschen haben.

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Richard Cordaux
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Louisiana State University
E-Mail: cordaux@lsu.edu

Mark Stoneking
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Tel.: 0341 9952-502 Fax: 0341 9952-119
E-Mail: stoneking@eva.mpg.de

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft

Weitere Berichte zu: Ackerbau Jäger Migration Südindien Verbreitung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Platz 2 für Helikopter-Designstudie aus Stade - Carbontechnologie-Studenten der PFH erfolgreich

Bereits lange vor dem Studienabschluss haben vier Studenten des PFH Hansecampus Stade ihr ingenieurwissenschaftliches Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Malte Blask, Hagen Hagens, Nick Neubert und Rouven Weg haben bei einem internationalen Wettbewerb der American Helicopter Society (AHS International) den zweiten Platz belegt. Ihre Aufgabe war es, eine Designstudie für ein helikopterähnliches Fluggerät zu entwickeln, das 24 Stunden an einem Punkt in der Luft fliegen kann.

Die vier Kommilitonen sind im Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites am Hansecampus Stade der PFH Private Hochschule Göttingen eingeschrieben. Seit elf...

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Zukunft des Leichtbaus: Mehr als nur Material einsparen

23.08.2017 | Veranstaltungen

Logistikmanagement-Konferenz 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Spot auf die Maschinerie des Lebens

23.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die Sonne: Motor des Erdklimas

23.08.2017 | Physik Astronomie

Entfesselte Magnetkraft

23.08.2017 | Physik Astronomie