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Genetische Tests in Südindien belegen, dass sich die antike Landwirtschaft offenbar über die Migration von Bauern verbreitet hat
Die Entstehung der Landwirtschaft ist eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit. Doch bisher war umstritten, auf welche Weise sich Ackerbau und Viehzucht in den vergangenen 10.000 Jahren weltweit verbreitet haben - durch massive Wanderungsbewegungen der Landwirtschaft treibenden Menschen selbst oder über die kulturelle Weitergabe der neu erworbenen Fähigkeiten von Generation zu Generation, ohne dass Migrationen dabei eine entscheidende Rolle gespielt hätten. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben jetzt durch genetische Tests bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Südindien nachgewiesen, dass sich die Landwirtschaft dort offensichtlich über eine erhebliche Migration von Bauern in der Vergangenheit ausgebreitet hat. Die neuen Forschungsergebnisse sind in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlicht (Science, 21. Mai 2004).
Für die Beantwortung der Frage, welche Prozesse an der weltweiten Verbreitung der Landwirtschaft in den letzten 10.000 Jahren maßgeblich beteiligt waren, gibt es zwei Hypothesen: Ausbreitung über Migration oder über kulturelle Prozesse. Um festzustellen, welche der beiden Hypothesen korrekt ist, haben die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Bharathiar University in Coimbatore/Indien die genetische Variation von traditionellen Bauern, Jägern und Sammlern sowie von "neuen" Bauern, die ursprünglich Jäger und Sammler waren und dann zur Landwirtschaft übergegangen waren, miteinander verglichen. Hat sich der Ackerbau über die Migration verbreitet, sollten die "neuen" mit den traditionellen Bauern genetisch enger verwandt sein als mit Jägern und Sammler. Erfolgte die Verbreitung der Landwirtschaft hingegen nicht durch Migration, so müssten die "neuen" Bauern eher den Jägern und Sammlern genetisch ähneln.
Derartige genetische Analysen in Europa führen zu widersprüchlichen Ergebnissen, weil es in Europa weder eine Population gibt, die nicht Landwirtschaft betreibt, noch die genetische Beschaffenheit einer vor-landwirtschaftlichen europäischen Bevölkerung bekannt ist. In Indien hingegen gibt es heute noch sowohl Gruppen, die keine Landwirtschaft betreiben, als auch solche, die erst kürzlich zur Landwirtschaft übergegangen sind, so dass die Forscher dort der Frage "Migration contra kulturelle Verbreitung" im Detail nachgehen konnten. Mitglieder einer entsprechenden Kaste können in diesem Kontext als traditionelle Bauern betrachtet werden, weil sie Schlüsselinnovationen (wie z.B. die Verarbeitung von Eisen) eingeführt haben, die die Expansion der Landwirtschaft nach Südindien erleichtert hat. Weiterhin gibt es in Südindien auch Volksstämme, die als Ureinwohner der Region betrachtet werden und von jeher Jäger und Sammler waren. Einige von ihnen leben heute noch als Jäger und Sammler oder betreiben Handarbeit, während andere in den letzten 3.000 Jahren zur Landwirtschaft übergegangen sind.
Um genetische Ähnlichkeiten zwischen den Bevölkerungsgruppen feststellen zu können, haben Cordaux und sein Team die Y-chromosomale DNA von 583 Männern untersucht, darunter 71 südindische Jäger und Sammler, 60 südindische "neue" Bauern sowie 283 südindische and 169 nordindische traditionelle Bauern. Bei ihrer Analyse fanden die Forscher heraus, dass die südindischen "neuen" Landarbeiter bedeutend enger mit den traditionellen Landarbeitern verwandt sind als mit den Jägern und Sammlern. Weiterhin untersuchten die Wissenschaftler die Sequenzen mitochondrialer DNA (mtDNA) von 632 Personen, darunter 229 südindische Jäger und Sammler, 201 südindische "neue" Bauern sowie 140 südindische und 62 nordindische traditionelle Landarbeiter. Hierbei konnten sie feststellen, dass südindische "neue" Bauern bedeutend näher mit traditionellen Bauern verwandt sind als traditionelle Jäger und Sammler. Das Ergebnis der mtDNA-Analyse deckt sich also mit dem der Analyse der Y-chromosomalen DNA.
Beide Gen-Analysen in Südindien zeigen, dass Gruppen, die von einem Leben als Jäger und Sammler zu dem eines Bauern übergegangen sind, genetisch näher mit traditionellen Bauern verwandt sind als mit traditionellen Jägern und Sammlern, und das sowohl in ihrer väterlichen als auch in ihrer mütterlichen Abstammungslinie. Hieraus schließen die Forscher, dass die Verbreitung der Landwirtschaft in Südindien sowohl von einem väterlichen als auch einem mütterlichen Genfluss begleitet war, das heißt von einer Migration von Menschen. Diese Befunde unterstreichen zudem, welche Bedeutung kulturelle Prozesse, wie zum Beispiel die Verbreitung der Landwirtschaft, für die Entstehung genetischer Variation beim Menschen haben.
Weitere Informationen erhalten Sie von:
Richard Cordaux
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Louisiana State University
E-Mail: cordaux@lsu.edu
Mark Stoneking
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Tel.: 0341 9952-502 Fax: 0341 9952-119
E-Mail: stoneking@eva.mpg.de
Originalveröffentlichung: Richard Cordaux, Edwin Deepa, H. Vishwanathan, Mark Stoneking Genetic evidence for the demic diffusion of agriculture to India Science, 21 May 2004
Dr. Bernd Wirsing | Quelle: Max-Planck-Gesellschaft
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