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Kultur der Reproduktion: Neue Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für demografische Forschung

05.04.2004


Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung Rostock hat eine neue unabhängige selbstständige Nachwuchsgruppe. Sie heißt "Die Kultur der Reproduktion" und wird von Dr. Laura Bernardi geleitet. Im Mittelpunkt der neuen Forschungsgruppe steht die Frage nach der soziokulturellen Einbettung des reproduktiven Handelns in den Regionen Europas, in denen das Fertilitätsniveau in den 1980-er und 1990-er Jahren rapide auf sehr niedrige Werte gefallen ist; dies sind - neben Deutschland - Süd-, Zentral- und Osteuropa.



Um die Ursachen des Wandels, etwa veränderte individuelle und partnerschaftliche Entscheidungsprozesse, verstehen zu können, wird der kulturelle Hintergrund von generativem Verhalten explizit in die Untersuchungen einbezogen. Kultur definiert die Art und Weise, in der Individuen ihre Umwelt interpretieren und liefert ihnen Motivation für das eigene Verhalten. Dazu gehören Verhaltensnormen und Vorstellungen darüber, was als geeignet, erwünscht und unvermeidlich erscheint. Untersucht werden außerdem die Prozesse, die zu einer Entscheidung zwischen den verschiedenen Konzepten führen und wie diese durch Institutionen geformt werden. Um grundlegende Aspekte kultureller Faktoren für Fertilitätsentscheidungen offen zu legen, werden vergleichende Fallstudien durchgeführt. Zur Analyse werden qualitative Daten, etwa Tiefeninterviews und ethnografische Feldarbeit, sowie sozio-demografische Surveydaten herangezogen.



Mitglieder der neuen Forschungsgruppe untersuchen zum Beispiel in einem Projekt den Einfluss von Verwandten und Peer-Netzwerken auf die Familiengründung. Dabei werden in Rostock und Lübeck Tiefeninterviews durchgeführt und analysiert. Die meisten Studien der neuen Forschungsgruppe sind als Kooperationsprojekte mit Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland und im Ausland angelegt. So beteiligen sich Rostocker Forscher an der Studie über Verwandtschaftsnetze und soziale Sicherheit des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung, Halle/Saale. Internationale Studien konzentrieren sich auf Italien, Ungarn, Polen und Bulgarien, in denen die Fertilitätsziffern in den 90-er Jahren einen ähnlichen Rückgang erfuhren wie in Deutschland.

Einblick in die Arbeit der neuen Gruppe gibt Laura Bernardis Veröffentlichung "Channels of social influence on reproduction" in der Sonderveröffentlichung über "Lowest-low Fertility" des "Population Research and Policy Review" (5+6/2003), die jetzt im April erschienen ist. Hierin analysiert sie die Mechanismen, die ein Paar auf seinem Weg zur Entscheidung, Eltern zu werden, beeinflussen. Basis ist ihre Forschung in der Lombardei, Italien. Laura Bernardi unterscheidet vier Typen der sozialen Interaktion; diese sind: soziales Lernen, sozialer Druck, subjektive Verpflichtung und ein Mechanismus, den Laura Bernardi als "soziale Ansteckung" bezeichnet. Damit ist gemeint, dass Menschen sich (auch) durch das Beispiel von Freunden oder Verwandten anregen lassen, eine Familie zu gründen. Die Lombardei folgt insofern dem demografischen Trend, der in den meisten Regionen Europas zu beobachten ist, als dass Heirat und Elternschaft hinausgeschoben werden. Anders ist jedoch, dass Paare in der norditalienischen Region seltener kinderlos bleiben und dass die meisten Mütter verheiratet sind. Laura Bernardi zeigt in ihrer Studie, dass bei der Perpetuierung dieses Musters dem sozialen Lernen Bedeutung zukommt. Für weitere Informationen zu diesem Thema: http://www.kluweronline.com/issn/0167-5923/contents.

Zur Person: Laura Bernardi kommt aus Italien. Sie studierte in Rom (Laurea-Abschluss in Philosophie und Geschichte 1995) und Louvain la Neuve, Belgien (DES-Abschluss in Demografie 1997). Danach war sie als Promotionsstudentin und als Post-Dokorandin am Max-Planck-Institut für demografische Forschung Rostock tätig. Ihre Dissertation wurde 2002 von der Universität La Sapienza Rom angenommen. Nach einem Studienjahr in Demographischer Anthropologie an der Brown University Providence, USA, ist Laura Bernardi 2003 nach Rostock zurückgekehrt.


Pressekontakt:
Nadja Milewski
Max-Planck-Institut für demografische Forschung
Konrad-Zuse-Straße 1, 18057 Rostock
Fon: +49(381)2081-132
Fax: +49(381)2081-432
E-Mail: presse@demogr.mpg.de
Web: www.demogr.mpg.de

Nadja Milewski | idw
Weitere Informationen:
http://www.demogr.mpg.de
http://www.kluweronline.com/issn/0167-5923/contents

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