Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit

20.03.2001


Stellungnahme der Arbeitsgruppe Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg zu einer aktuellen politischen Diskussion

"Die verstärkte und undifferenzierte Äußerung von Nationalstolz dürfte dazu beitragen, dass Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit zunehmen." Diese Ansicht vertritt die Arbeitsgruppe Sozialpsychologie an der Philipps-Universität in einer aktuellen Stellungnahme. Der Satz "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" sollte nach Meinung der Marburger Sozialpsychologen im Repertoire von Politikern und Medien nicht vorkommen.

Die Stellungnahme der Arbeitsgruppe Sozialpsychologie zur aktuellen Diskussion um das Thema Nationalstolz nachfolgend im Wortlaut:

Im vergangenen Jahr sind die Zahlen fremdenfeindlich motivierter Straftaten deutlich angestiegen: Erst kürzlich hat Bundesinnenminister Schily die aktuellen Zahlen vorgelegt, danach wurden im Jahr 2000 insgesamt 641 fremdenfeindlich motivierte Gewalttaten registriert, gegenüber 451 in 1999. Eine Ursache, die die Täter zu ihrem Handeln motivieren kann ist der Glaube, durch die breite Bevölkerungsmehrheit unterstützt zu werden. Rechtextreme Straftäter meinen, sie würden nur das ausführen, wozu sich die meisten Deutschen nicht trauen. Tatsächlich nimmt Deutschland nach unseren Analysen im europäischen Vergleich einen Platz weit vorn in der Fremdenfeindlichkeitsskala ein.

In dem geschilderten Zusammenhang halten wir es für gefährlich, wenn Politiker nun eine Debatte einsetzen, die einen "gesunden" Nationalstolz einfordert und verlangt, diesen wieder unbeschwerter äußern zu dürfen. Die verstärkte und undifferenzierte Äußerung von Nationalstolz dürfte nach unserer Einschätzung dazu beitragen, dass Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit zunehmen.

Bundespräsident Johannes Rau hat in seinen Äußerungen zum Thema zu Differenzierung beigetragen und zwei verschiedene Objekte unterschieden: Es gibt nach Rau einerseits Dinge, über die man froh sein kann, und dazu kann gehören, dass man in Deutschland lebt. Andererseits gibt es Dinge, auf die man stolz sein kann, weil man sie selbst vollbracht hat. Dazu kann nach Rau nicht gehören, dass man stolz ist, ein Deutscher zu sein, weil dies keine Leistung ist, die man mit eigener Anstrengung erbracht hat.

Diese Differenzierung ist unserer Meinung nach sinnvoll und sie wird durch empirische Daten gestützt. Bezogen auf Fremdenfeindlichkeit ergibt sich aus sozialpsychologischen Theorien, dass eine besondere Identifikation mit der Gruppe der Deutschen mit einer verstärkten Abwertung der Fremden einhergeht. Einige Untersuchungsergebnisse stützen diese Vorhersage. In diesen Untersuchungen zeigt sich, dass Menschen, die ein höheres Maß an Nationalstolz äußern, auch größere Vorurteile gegenüber Ausländern haben. Gefährlich in diesem Sinne scheinen vor allem nationale Identifikationen zu sein, die gleichzeitig - zum Teil implizit - Deutschland und die Deutschen besser dastehen zu lassen als andere.

Es gibt jedoch auch abweichende Befunde (z.B. Blank & Schmidt, 1997): Befragte, die sich hoch mit demokratischen und sozialstaatlichen Leistungen Deutschlands identifizieren, zeigen weniger Ausländerfeindlichkeit. Andere Untersuchungen zeigen (Mummendey und Simon, 1997) zeigen, dass die Wirkung nationaler Identifikation von der Art des Vergleichs abhängt: Identifikation hängt mit stärkerer Ablehnung von Ausländern zusammen, wenn die Befragten gleichzeitig zu einem Vergleich zwischen Staaten aufgefordert werden (Deutschland im Vergleich zu anderen Staaten); ein solcher Zusammenhang verschwindet, wenn ein temporaler Vergleich vorgenommen werden soll ("Begründen Sie, was Sie besser daran finden, heute in Deutschland zu leben als zu einer früheren Zeit in diesem Jahrhundert") oder wenn gar nicht zu einem Vergleich aufgefordert wird.

Zusammenfassend stellen wir fest: Die Äußerung "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein", geht in Meinungsumfragen einher mit stärkerer Fremdenfeindlichkeit. Stolz z.B. auf demokratische oder kulturelle Leistungen ist dagegen nicht schädlich, weil es nicht zur Abwertung von Nicht-Deutschen führt. Daraus leiten wir die Empfehlung ab, dass Politiker und Medien versuchen sollten, vorsichtig und differenziert mit den Begriffen umzugehen. "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" sollte im Repertoire von Meinungsbildnern nicht vorkommen.

Prof. Dr. Ulrich Wagner, Dr. Rolf van Dick, Dr. Andreas Homburg, Lic. Vanessa Smith-Castro, Dipl. Psych. Jost Stellmacher

Kontakt: Tel.: 06421/2826632

Klaus Walter | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Menschliches Erinnerungsvermögen ausgeprägter als bisher angenommen
02.09.2016 | Australisch-Neuseeländischer Hochschulverbund / Institut Ranke-Heinemann

nachricht Große Mehrheit sagt: Arbeitnehmer sollten so viel Einfluss haben wie Arbeitgeber
18.04.2016 | Hans-Böckler-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Synthese-chemischer Meilenstein: Neues Ferrocenium-Molekül entdeckt

Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) haben zusammen mit Kollegen der Freien Universität Berlin ein neues Molekül entdeckt: Die Eisenverbindung in der seltenen Oxidationsstufe +4 gehört zu den Ferrocenen und ist äußerst schwierig zu synthetisieren.

Metallocene werden umgangssprachlich auch als Sandwichverbindungen bezeichnet. Sie bestehen aus zwei organischen ringförmigen Verbindungen, den...

Im Focus: Neue Entwicklungen in der Asphären-Messtechnik

Kompetenzzentrum Ultrapräzise Oberflächenbearbeitung (CC UPOB) lädt zum Expertentreffen im März 2017 ein

Ob in Weltraumteleskopen, deren Optiken trotz großer Abmessungen nanometergenau gefertigt sein müssen, in Handykameras oder in Endoskopen − Asphären kommen in...

Im Focus: Mit OLED Mikrodisplays in Datenbrillen zur verbesserten Mensch-Maschine-Interaktion

Das Fraunhofer-Institut für Organische Elektronik, Elektronenstrahl- und Plasmatechnik FEP arbeitet seit Jahren an verschiedenen Entwicklungen zu OLED-Mikrodisplays, die auf organischen Halbleitern basieren. Durch die Integration einer Bildsensorfunktion direkt im Mikrodisplay, lässt sich u.a. die Augenbewegung in Datenbrillen aufnehmen und zur Steuerung von Display-Inhalten nutzen. Das verbesserte Konzept wird erstmals auf der Augmented World Expo Europe (AWE), vom 18. – 19. Oktober 2016, in Berlin, Stand B25 vorgestellt.

„Augmented Reality“ (erweiterte Realität) und „Wearable Displays“ (tragbare Displays) sind Schlagworte, denen man mittlerweile fast täglich begegnet. Beide...

Im Focus: OLED microdisplays in data glasses for improved human-machine interaction

The Fraunhofer Institute for Organic Electronics, Electron Beam and Plasma Technology FEP has been developing various applications for OLED microdisplays based on organic semiconductors. By integrating the capabilities of an image sensor directly into the microdisplay, eye movements can be recorded by the smart glasses and utilized for guidance and control functions, as one example. The new design will be debuted at Augmented World Expo Europe (AWE) in Berlin at Booth B25, October 18th – 19th.

“Augmented-reality” and “wearables” have become terms we encounter almost daily. Both can make daily life a little simpler and provide valuable assistance for...

Im Focus: Künstliche Intelligenz ermöglicht die Entdeckung neuer Materialien

Mit Methoden der künstlichen Intelligenz haben Chemiker der Universität Basel die Eigenschaften von rund 2 Millionen Kristallen berechnet, die aus vier verschiedenen chemischen Elementen zusammengesetzt sind. Dabei konnten die Forscher 90 bisher unbekannte Kristalle identifizieren, die thermodynamisch stabil sind und als neuartige Werkstoffe in Betracht kommen. Das berichten sie in der Fachzeitschrift «Physical Review Letters».

Elpasolith ist ein glasiges, transparentes, glänzendes und weiches Mineral mit kubischer Kristallstruktur. Erstmals entdeckt im El Paso County (USA), kann man...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einsteins Geburtsstadt wird für eine Woche Hauptstadt der Physik

23.09.2016 | Veranstaltungen

Industrie und Wissenschaft diskutieren künftigen Mobilfunk-Standard 5G auf Tagung in Kassel

23.09.2016 | Veranstaltungen

Fachgespräch Feste Biomasse diskutiert Fragen zum Thema "Qualitätshackschnitzel"

23.09.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Korallenthermometer muss neu justiert werden

23.09.2016 | Biowissenschaften Chemie

Doppel-Infektion macht Erreger aggressiver

23.09.2016 | Biowissenschaften Chemie

Synthese-chemischer Meilenstein: Neues Ferrocenium-Molekül entdeckt

23.09.2016 | Biowissenschaften Chemie