Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Arbeitslose häufiger von psychischen Krankheiten betroffen als Erwerbstätige

13.03.2012
Arbeitslose sind nach Einschätzung der Leipziger Psychologin Gisela Mohr häufiger von psychischen Krankheiten betroffen als Erwerbstätige.

"Etwa jeder dritte Arbeitslose benötigt eine professionelle Psychotherapie", schätzt Mohr ein, die an der Universität Leipzig den Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie innehat. Auf der Buchmesse-Akademie der Universität Leipzig wird sie sich am 17. März um 13.00 Uhr der "Gesundheit und Gesundheitsförderung bei Arbeitslosen aus psychologischer Sicht" widmen (Neue Messe, Halle 3, Stand G 201/H 200).

Mohr bezieht sich bei ihrer Analyse auf Studien, nach denen 34 Prozent der Arbeitslosen an psychischen Krankheiten leiden. Bei den Erwerbstätigen liegt der Anteil bei vergleichsweise niedrigen 16 Prozent. "Arbeitslose haben keine anderen Krankheiten als Menschen, die arbeiten gehen", fügt Mohr an, die früher selbst als Psychotherapeutin gearbeitet hat. "Allerdings sind psychische Erkrankungen bei ihnen häufig eine Folge der Arbeitslosigkeit."

In ihrem Vortrag auf der Buchmesse-Akademie wird die Psychologin auch auf Faktoren eingehen, die zur psychischen Erkrankung Arbeitsloser beitragen. Belastend wirke für viele Arbeitslose der Zwang, möglichst schnell wieder Arbeit und zur protestantischen Arbeitsethik zurück zu finden, wie sie der Soziologe Max Weber (1864-1920) beschrieben hat. "Wer nicht arbeitet, wird bei uns diskriminiert und stigmatisiert", erläutert Mohr. "Je höher die Arbeitsorientierung bei einem Menschen ist, umso stärker sind die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit in der Situation der aussichtslosen Arbeitslosigkeit."

Psychische Erkrankungen oft nicht erkannt

Als weitere alltägliche Stressoren nennt Mohr den Druck, der auf Arbeitslosen lastet, jeden Tag mit sehr wenig Geld auskommen zu müssen. "Geld schafft Freiräume im Leben und ermöglicht Handlungsspielräume", sagt sie. "Arbeitslose, die mehr finanzielle Mittel zur Verfügung haben, sind zwar häufig länger ohne Arbeit, aber gelangen in stabilere Arbeitsverhältnisse."

Die Psychologin berichtet, dass psychische Erkrankungen bei Arbeitslosen in vielen Fällen nicht erkannt werden. Sie verweist auf eine Untersuchung, bei der sich gezeigt habe, dass nur die Hälfte der Frauen und von den Männern gar keiner in Behandlung waren, die Symptome einer Depression aufgewiesen hätten. "Das hängt auch mit dem Menschenbild zusammen“, erläutert Mohr. "Wenn man denkt, Arbeitslose seien faul, interpretiert man die Antriebslosigkeit, die bei Depressiven vorkommt, in diesem Sinne und erkennt die Krankheit nicht."

Die Anforderung, für eine neue Arbeit bereit zu sein, umzuziehen und damit örtliche Mobilität nachzuweisen, wirkt sich nach ihrer Einschätzung ebenfalls negativ auf die psychische Gesundheit aus. "Vor allem, wenn man eine Familie hat, ist das ein großes Problem", schätzt Mohr ein.

"Die Frage ist, aus welchem Grund man für ein halbes oder ein Jahr umziehen soll, wenn die Stelle für diesen Zeitraum befristet ist." Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das zur Bundesagentur für Arbeit gehört, war im Jahr 2011 knapp jede zweite Neueinstellung befristet (45 Prozent). Im Jahr 2001 hatte der Anteil noch bei 32 Prozent gelegen. In den öffentlichen Verwaltungen waren 2011 sogar 68 Prozent der neuen Stellen mit einer Befristung versehen worden. "Bei jedem Umzug verliert man sein soziales Umfeld und muss sich ein neues aufbauen", warnt Mohr. Dabei sei ein gutes soziales Netz wichtig für Arbeitslose. Es helfe ihnen, eine neue Arbeit zu finden." Ein erheblicher Teil der Neueinstellungen geschehe über Tipps und Hinweise aus dem sozialen Umfeld.

Jede Ablehnung schwächt das Selbstwertgefühl

Nicht förderlich für die psychische Gesundheit von Arbeitslosen sind nach Einschätzung von Mohr die Erwartungen, die an Arbeitslose herangetragen werden, innerhalb eines Zeitraums möglichst viele Bewerbungen zu versenden. Die Agenturen für Arbeit und die Jobcenter legen in den Eingliederungsvereinbarungen, die Arbeitslose mit ihnen abschließen müssen, fest, wie viele Bewerbungen innerhalb eines Monats zu verschicken sind. Werden die Vorgaben aus der Eingliederungsvereinbarung nicht eingehalten, sanktionieren die Arbeitsverwaltungen dies mit Leistungskürzungen.

"Es ist kein Zusammenhang feststellbar, dass viele Bewerbungen die Erfolgsaussichten einer Neueinstellung verbessern", berichtet Mohr. Viele erfolglose Bewerbungen gefährdeten allerdings die psychische Gesundheit. Jede Ablehnung oder Absage sei ein Misserfolgserlebnis und schwäche das Selbstwertgefühl.

Sven Eichstädt

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Gisela Mohr
Telefon: +49 341 97-35952
E-Mail: mohr@rz.uni-leipzig.de

Susann Huster | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de
http://www.uni-leipzig.de/~apsycho

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Neptun regnet es Diamanten: Forscherteam enthüllt Innenleben kosmischer Eisgiganten

21.08.2017 | Physik Astronomie

Ein Holodeck für Fliegen, Fische und Mäuse

21.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Institut für Lufttransportsysteme der TUHH nimmt neuen Cockpitsimulator in Betrieb

21.08.2017 | Verkehr Logistik