Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Altersdiskriminierung als Stressfaktor: Wie die Mitarbeiterbindung in Unternehmen geschwächt wird

24.04.2013
Wenn Arbeitnehmer wiederholt erfahren, dass man sie am Arbeitsplatz wegen ihres Lebensalters an den Rand drängt und benachteiligt, lässt ihre emotionale Bindung an das Unternehmen nach.

Ältere Arbeitnehmer erleben Altersdiskriminierung dabei stärker als Stressfaktor als ihre jüngeren Kollegen. Sie sind dann eher geneigt, weniger Kraft und Energie für ihr Unternehmen aufzubringen.

Dies ist das Ergebnis einer Studie, die Dr. Tanja Rabl (Universität Bayreuth) und Dr. María del Carmen Triana (University of Wisconsin-Madison, USA) jetzt im International Journal of Human Resource Management veröffentlicht haben.

Umfrage in deutschen Großunternehmen

An der Untersuchung haben sich insgesamt 1255 Beschäftigte in sechs großen deutschen Unternehmen beteiligt. Sie gehören jeweils ungefähr zur Hälfte der Gruppe der 30- bis 40jährigen und der Gruppe der 50- bis 60jährigen an.
Bei den Unternehmen handelt es sich um Firmen der Kfz-Zulieferindustrie, der Elektroindustrie, der Versicherungswirtschaft, der IT-Dienstleistungen, des Handels sowie der gewerblichen Abfallentsorgung. Mithilfe von Fragebögen haben die Autorinnen der Studie ermittelt, wie die Beschäftigten die Arbeitsbedingungen in ihren Unternehmen erleben und welche Einstellungen sie gegenüber ihren Unternehmen haben.

Wie sich herausstellte, fühlen sich die befragten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgrund ihres Alters nur geringfügig benachteiligt, ältere Beschäftigte dabei jedoch stärker als jüngere. Wird Altersdiskriminierung erlebt, ist sie ein Stressfaktor. Für beide untersuchten Altersgruppen, die 30- bis 40jährigen wie für die 50- bis 60jährigen, gilt: Wer sich im Unternehmen aufgrund seines Alters diskriminiert fühlt, entwickelt eine schwächere emotionale Bindung an das Unternehmen. Bei älteren Beschäftigten sinkt die emotionale Bindung dabei stärker als bei jüngeren Beschäftigten.

Sinkende Mitarbeiterbindung: Ein Selbstschutz vor Stress

Wie sind diese Umfrageergebnisse wissenschaftlich zu erklären? Die Autorinnen greifen an diesem Punkt auf die Theorie der Ressourcenerhaltung zurück, die von dem U.S.-amerikanischen Psychologen und Stressforscher Stevan Hobfoll begründet wurde. Deren zentrale These lautet: Menschen wollen die für ihr Wohlbefinden wichtigen körperlichen und psychischen Ressourcen erhalten und weiter steigern. Wenn sie diese Ressourcen verlieren oder wenn sie auf Dauer mehr Ressourcen einsetzen als zurückgewinnen, entsteht Stress.

Ein derartiges stressförderndes Ungleichgewicht kann auch am Arbeitsplatz entstehen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erwarten von ihrem Unternehmen, dass sie für ihren Einsatz eine Gegenleistung erhalten: nämlich Fairness und Wertschätzung. Erleben sie aber Altersdiskriminierung, nehmen sie das als einen Verlust von Ressourcen wahr, die für ihr berufliches Wohlbefinden wichtig sind; insbesondere als Verlust von Wertschätzung und Unterstützung. In der Folge verringern sie ihre emotionale Bindung an das Unternehmen. Dies hilft ihnen, körperliche und psychische Energien zu bewahren.

"Ältere Beschäftigte sind, das hat die bisherige Forschung gezeigt, verschiedenen Belastungen und Ressourcenverlusten ausgesetzt", erklärt Dr. Tanja Rabl. "Dazu gehören beispielsweise eine geringere körperliche Leistungsfähigkeit, gesundheitliche Risiken oder psychische Belastungen durch den Tod von nahen Angehörigen. Daher sind sie auch anfälliger für den Stressfaktor Altersdiskriminierung und damit verbundene Ressourcenverluste. Sie sind stärker als ihre jüngeren Kollegen bestrebt, ihre Ressourcen aufrecht zu erhalten. Die Verringerung der emotionalen Bindung an ihr Unternehmen hilft ihnen dabei, die durch Diskriminierung verursachte psychische Belastung abzufedern. Sie können dadurch das Ungleichgewicht zwischen ihrem Einsatz für das Unternehmen und der erlebten unfairen Behandlung ausgleichen."

Empfehlungen für Unternehmen:
Diversitätsmanagement contra Altersdiskriminierung

Die Autorinnen empfehlen den Unternehmen eine ganze Reihe von Maßnahmen, mit denen älteren wie jüngeren Beschäftigten die Erfahrung vermittelt werden kann, unabhängig von ihrem Alter fair behandelt zu werden. So sollten für Beschäftigte jeden Alters Fortbildungsangebote und Karriereoptionen bestehen.

Vorgesetzte sollten ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern altersunabhängig ein faires und leistungsbezogenes Feedback geben. Die Verteilung von Aufgaben sollte sich nach den Fähigkeiten der Beschäftigten und nicht nach ihrem Alter richten. Vorurteile und Stereotypen, die auf das Alter von Beschäftigten anspielen, dürften sich gar nicht erst im Unternehmen ausbreiten; die Unternehmensleitung müsse ihnen offensiv entgegentreten.

Rabl und Triana plädieren daher für ein gezieltes Altersdiversitätsmanagement in Unternehmen. Dazu gehöre auch, allen Beschäftigten die Ursachen und Folgen von Altersdiskriminierung bewusst zu machen und sie zu ermutigen, sich selbstbewusst davon zu distanzieren.

Derartige Maßnahmen liegen, wie die Autorinnen betonen, auch im ökonomischen Interesse der Unternehmen. Infolge der demographischen Entwicklung und der wachsenden Zahl fehlender Fachkräfte sind Unternehmen in Deutschland mehr als früher darauf angewiesen, qualifizierte und motivierte Beschäftigte aller Altersgruppen an sich zu binden. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes wird der Anteil der 50-bis 64jährigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer deutlich anwachsen; zwischen 2017 und 2024 wird er genauso hoch sein wie der Anteil der 30-bis 49jährigen Beschäftigten.

Veröffentlichung:

Tanja Rabl and María del Carmen Triana,
How German employees of different ages conserve resources:
perceived age discrimination and affective organizational commitment,
in: The International Journal of Human Resource Management,
Version of record first published: 14 April 2013
DOI: 10.1080/09585192.2013.777936

Kontaktadresse:

Dr. Tanja Rabl
Lehrstuhl für Personalwesen und Führungslehre
Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Universität Bayreuth
95440 Bayreuth
Tel.: +49 (0)921 55 6284
E-Mail: tanja.rabl@uni-bayreuth.de

Christian Wißler | Universität Bayreuth
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Atome rennen sehen - Phasenübergang live beobachtet

Ein Wimpernschlag ist unendlich lang dagegen – innerhalb von 350 Billiardsteln einer Sekunde arrangieren sich die Atome neu. Das renommierte Fachmagazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe*: Wissenschaftler vom Center for Nanointegration (CENIDE) der Universität Duisburg-Essen (UDE) haben die Bewegungen eines eindimensionalen Materials erstmals live verfolgen können. Dazu arbeiteten sie mit Kollegen der Universität Paderborn zusammen. Die Forscher fanden heraus, dass die Beschleunigung der Atome jeden Porsche stehenlässt.

Egal wie klein sie sind, die uns im Alltag umgebenden Dinge sind dreidimensional: Salzkristalle, Pollen, Staub. Selbst Alufolie hat eine gewisse Dicke. Das...

Im Focus: Kleinstmagnete für zukünftige Datenspeicher

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Chemikern der ETH Zürich hat eine neue Methode entwickelt, um eine Oberfläche mit einzelnen magnetisierbaren Atomen zu bestücken. Interessant ist dies insbesondere für die Entwicklung neuartiger winziger Datenträger.

Die Idee ist faszinierend: Auf kleinstem Platz könnten riesige Datenmengen gespeichert werden, wenn man für eine Informationseinheit (in der binären...

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung

30.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zuckerrübenschnitzel: der neue Rohstoff für Werkstoffe?

30.03.2017 | Materialwissenschaften

Integrating Light – Your Partner LZH: Das LZH auf der Hannover Messe 2017

30.03.2017 | HANNOVER MESSE