Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Windsturmmodell ermöglicht Schadenseinschätzung

13.03.2014

Meteorologen helfen Rückversicherern bei Katastrophenmodell

Extreme Stürme kosten die großen Rückversicherer hohe Summen. Orkane wie Kyrill verursachen Schäden in Milliardenhöhe. Mit der EU-weiten Reform der Schadensregulierung „Solvency II“ ab 2016 werden zusätzlich auch die gesetzlichen Vorgaben für Versicherer schärfer werden.

Dr. Joaquim G. Pinto vom Institut für Geophysik und Meteorologie der Universität zu Köln hat im Auftrag von Aon Benfield, dem weltweit größten Rückversicherungsmakler, ein Projekt geleitet in dem Verfahren entwickelt wurden, mit denen Sturmrisiken für Europa eingeschätzt werden können.

Dr. Pinto und sein Forscherteam untersuchten dafür zunächst 250 historische Stürme. Mit Hilfe eines regionalen Klimamodells gelang es, die mit den Stürmen verbundenen Windfelder sehr hochauflösend bis auf 7 Kilometer genau zu berechnen. Darüber hinaus wurden 10.000 synthetische Stürme aus globalen Klimamodellen simuliert. Mit Hilfe der Ergebnisse der Kölner Meteorologen konnte Aon Benfield nun sein Europäisches Sturmmodell gestalten.

Der Auftrag der Kölner Meteorologen war, den gegenwärtigen Zustand des Sturmverhaltens über Europa möglichst gut darzustellen. Um diesen korrekt wieder zu geben, wird eine ausreichend große Datengrundlage benötigt. Die Aufgabe von Pintos Forscherteam war zunächst, die für die Fragestellung bedeutenden historischen Stürme zu identifizieren und zu analysieren.

Die Meteorologen erzeugten dafür mit Hilfe eines regionalen Klimamodells hochaufgelöste Windfelder von 250 historischen Stürmen aus den letzten 60 Jahren über ganz Europa. „In unserem Regionalmodell können wir Stürme bis zu einer Auflösung von 7 km genau darstellen - eine vergleichbare Größe wie die fünfstelligen Postleitzahlbezirke in Deutschland“, so Dr. Pinto. Zum Vergleich: Das globale Klimamodell erreicht eine Auflösung von nur 100 bis 200 Kilometern. Dr. Pinto und seine Kollegen konnten auf diese Weise regionale Windfelder für weite Teile Europas berechnen. 

Die 250 historischen Stürme alleine boten aber zu wenig Datenmaterial, um ein aussagekräftiges Modell zu gestalten, da eine weitaus größere Anzahl solcher Ereignisse benötigt wird, um verlässliche, statistisch signifikante Aussagen treffen zu können. „Die letzten 60 Jahre und 250 Stürme reichen nicht aus. Die Firmen müssen sich heute für Risiken versichern, die weit über dem liegen, was an beobachteten Daten verfügbar ist“, erklärt Dr. Pinto.

Bedingt durch die Solvency II-Regelungen der EU müssen Unternehmen nachweisen, dass ein Extrem-Ereignis, welches im Mittel alle 200 Jahre auftreten kann, die Firma nicht gefährdet – ein Zeitraum, der weit über das hinausgeht, was gemessen wurde. Hinzu kommt, dass immer wieder verheerende Ereignisse auftreten, die so selten sind, dass man keine zuverlässige Wahrscheinlichkeit dafür berechnen kann. „Bei einem einmaligen Auftreten eines Extrem-Ereignisses, ist es unmöglich vorher zu sagen, ob es in dreißig oder erst in hundert Jahren wiederkehren wird“, so Dr. Pinto.

In einem weiteren Schritt benutzten die Wissenschaftler deswegen Stürme aus einem Globalmodell, um diese wiederum mit statistischen Verfahren auf einer Auflösung von 7 km darzustellen. Virtuelle Stürme aus rund 4500 Jahren Klimasimulation konnten so extrahiert werden. „Wir haben etwa 10.000 Stürme von diesem stochastischen Datensatz produziert“, so Dr. Pinto. Mit dem so erzeugten umfassenden Katalog an historischen und synthetischen Stürmen war es Aon Benfield schließlich möglich, sein Naturgefahrmodell aufzubauen.

An dem Projekt wurde von April 2010 bis September 2013 gearbeitet und wird jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt. Joaquim Pinto arbeitet seit über zehn Jahren mit Rückversicherern zusammen. Er wertet das Projekt als vollen Erfolg für alle Beteiligten. Besonders freut ihn, dass im Rahmen des Forschungs-Projekts vier Doktor-Arbeiten von Nachwuchs-Wissenschaftlern entstanden sind. „Mir war sehr wichtig, dass meine Doktoranden trotz der intensiven Arbeit am Projekt die Möglichkeit hatten zu promovieren“, erklärt der Meteorologe.

Bei Rückfragen: Dr. Joaquim G. Pinto
Tel.: 0221 470-3691
E-Mail: jpinto@meteo.uni-koeln.de

Gabriele Rutzen | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-koeln.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Satelliten erfassen Photosynthese mit hoher Auflösung
13.10.2017 | Max-Planck-Institut für Biogeochemie

nachricht Erforschung des grönländischen 79°-Nord-Gletschers
12.10.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Im Focus: Smart sensors for efficient processes

Material defects in end products can quickly result in failures in many areas of industry, and have a massive impact on the safe use of their products. This is why, in the field of quality assurance, intelligent, nondestructive sensor systems play a key role. They allow testing components and parts in a rapid and cost-efficient manner without destroying the actual product or changing its surface. Experts from the Fraunhofer IZFP in Saarbrücken will be presenting two exhibits at the Blechexpo in Stuttgart from 7–10 November 2017 that allow fast, reliable, and automated characterization of materials and detection of defects (Hall 5, Booth 5306).

When quality testing uses time-consuming destructive test methods, it can result in enormous costs due to damaging or destroying the products. And given that...

Im Focus: Cold molecules on collision course

Using a new cooling technique MPQ scientists succeed at observing collisions in a dense beam of cold and slow dipolar molecules.

How do chemical reactions proceed at extremely low temperatures? The answer requires the investigation of molecular samples that are cold, dense, and slow at...

Im Focus: Kalte Moleküle auf Kollisionskurs

Mit einer neuen Kühlmethode gelingt Wissenschaftlern am MPQ die Beobachtung von Stößen in einem dichten Strahl aus kalten und langsamen dipolaren Molekülen.

Wie verlaufen chemische Reaktionen bei extrem tiefen Temperaturen? Um diese Frage zu beantworten, benötigt man molekulare Proben, die gleichzeitig kalt, dicht...

Im Focus: Astronomen entdecken ungewöhnliche spindelförmige Galaxien

Galaxien als majestätische, rotierende Sternscheiben? Nicht bei den spindelförmigen Galaxien, die von Athanasia Tsatsi (Max-Planck-Institut für Astronomie) und ihren Kollegen untersucht wurden. Mit Hilfe der CALIFA-Umfrage fanden die Astronomen heraus, dass diese schlanken Galaxien, die sich um ihre Längsachse drehen, weitaus häufiger sind als bisher angenommen. Mit den neuen Daten konnten die Astronomen außerdem ein Modell dafür entwickeln, wie die spindelförmigen Galaxien aus einer speziellen Art von Verschmelzung zweier Spiralgalaxien entstehen. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Astronomy & Astrophysics veröffentlicht.

Wenn die meisten Menschen an Galaxien denken, dürften sie an majestätische Spiralgalaxien wie die unserer Heimatgalaxie denken, der Milchstraße: Milliarden von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

bionection 2017 erstmals in Thüringen: Biotech-Spitzenforschung trifft in Jena auf Weltmarktführer

13.10.2017 | Veranstaltungen

Tagung „Energieeffiziente Abluftreinigung“ zeigt, wie man durch Luftreinhaltemaßnahmen profitieren kann

13.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

ESO-Teleskope beobachten erstes Licht einer Gravitationswellen-Quelle

16.10.2017 | Physik Astronomie

Was läuft schief beim Noonan-Syndrom? – Grundlagen der neuronalen Fehlfunktion entdeckt

16.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Gewebe mit Hilfe von Stammzellen regenerieren

16.10.2017 | Förderungen Preise