Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wildpferde überlebten Temperaturanstieg nach der Eiszeit

21.10.2011
Klima und Menschen beeinflussten Lebensbedingungen der Tiere

Das Schicksal des Wildpferdes hing während und nach der Eiszeit am Klima und an den Menschen. Dabei war es widerstandsfähiger, als bisher in der Fachwelt angenommen und überlebte den Temperaturanstieg und Klimawandel.

Das fanden jüngst die Zoologen und Paläoökologen Dr. Robert Sommer, Privatdozent am Institut für Natur- und Ressourcenschutz – Abteilung Landschaftsökologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), und Dr. Ulrich Schmölcke, Bereichsleiter Archäozoologie und Geschichte der Fauna bei der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, heraus.

In der kommenden Ausgabe des Fachblatts Journal of Quaternary Science (Heft 8, Band 26) erscheinen ihre Forschungsergebnisse, die bereits im Internet in der online early Version zu finden sind.

Wildpferde zählten einst zur wichtigsten Beute des in Europa und Asien lebenden Neandertalers und des dort einwandernden modernen Menschen. Nach der Eiszeit verlor sich die Spur des Pferdes im nördlichen Europa. Bisher gingen viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deshalb davon aus, dass das Wildpferd schon kurz nach der Eiszeit ausstarb, weil es als Steppentier die Bewaldung nicht verkraftete. Sommer und Schmölcke konnten jedoch nachweisen, dass Wildpferde noch bis über 2000 Jahre nach dem Ende der Eiszeit im nördlichen Mitteleuropa vorkamen.

Für ihre Ergebnisse untersuchten die beiden Forscher Knochenreste des Wildpferdes (Equus ferus) in 207 archäologischen Siedlungen im gesamten europäischen Raum aus der Zeit von etwa 9600 bis 3500 vor Christus. Mit Hilfe der Radiokarbondatierung, der Messung von radioaktiven 14C-Atomen, bestimmten die Wissenschaftler das Alter etlicher Wildpferde. Diese Fundmuster verglichen Sommer und Schmölcke mit der Entwicklung der nacheiszeitlichen Umweltverhältnisse und der Klimaentwicklung sowie der zunehmenden Ausbreitung des Menschen in der Jungsteinzeit.

Ihre Ergebnisse zeigen, dass das Wildpferd die drastischen Temperaturerhöhungen und damit einhergehende Veränderungen der Vegetationsdecke etwa 9600 vor Christus überlebte, obwohl es als typische Art der so genannten Megafauna der Eiszeit angesehen wird. Einige der wichtigsten Beweise dafür stammen aus Mecklenburg-Vorpommern, wo Pferdeknochen aus den mittelsteinzeitlichen Siedlungen Hohen-Viecheln und Tribsees auf 8400 beziehungsweise 7600 vor Christus datiert wurden. Diese Funde, in Kombination mit weiteren Belegen aus Nordeuropa, zeigen, dass die Wildpferde noch in Landschaften gelebt haben, die durch eine zunehmend dichter werdende Vegetationsdecke aus Kiefern, einem dichten Unterwuchs aus Haselnuss-Büschen und ersten einwandernden Laubbäumen bestand. Zu dieser Zeit müssen die Vorkommen der Wildpferde jedoch schon sehr ausgedünnt gewesen sein, weil sie eher selten und nur zu einem auffällig geringen Prozentsatz in der Jagdbeute der Steinzeit-Menschen auftauchten.

Sommer und sein Team schlussfolgern daraus, dass es in der nacheiszeitlichen Wärmezeit, dem Boreal, um 7600 vor Christus im nördlichen Mitteleuropa in der Landschaft noch offene Flächen gegeben hat. Zudem ziehen sie in Betracht, dass natürliche und vom Menschen verursachte Waldbrände sowie regelmäßige Überschwemmungen in Flussniederungen dazu beitrugen, offene Flächen für Wildpferde zu erhalten.

Dies änderte sich jedoch während des Klimaoptimums in Europa ungefähr ab 7000 vor Christus. In dieser Zeit, in der es etwa zwei Grad wärmer war als heute und zahlreiche Laubbaumarten eingewandert waren, die ausgedehnte Eichen-Mischwälder bildeten, war das Wildpferd im nördlichen Mitteleuropa so gut wie ausgestorben. In den ausgedehnten Mischwald-Landschaften fand das Wildpferd keine geeigneten offenen Flächen mehr und starb in den meisten Gebieten aus. Die Wissenschaftler sind jedoch der Meinung, dass die nacheiszeitliche Urlandschaft nicht komplett zugewachsen war. Kleinere offene Flächen wird es bei einer natürlichen Waldentwicklung immer geben. Hier könnte eine kleine Population überlebt haben.

Was sich dann ab etwa 5500 vor Christus in Europa ereignete, kann als kleine Sensation betrachtet werden: Parallel mit der Ausbreitung der neolithischen Menschen, die hauptsächlich vom Ackerbau und der Viehzucht lebten, ist auch die deutliche Wiederausbreitung des Wildpferdes nachgewiesen. Sommer und Kollegen gehen davon aus, dass die Wildpferde durch die Rodungen der frühen Ackerbauern in Europa wieder zunehmend offene Flächen in der Landschaft fanden, was zur Wiederausbreitung führte. Das Wildpferd wurde in der Jungsteinzeit somit zum Kulturfolger. Bis etwa 3600 vor Christus waren so wieder weite Teile Mitteleuropas durch das Wildpferd besiedelt. Dies über 1000 Jahre bevor die ersten Hauspferde in Mitteleuropa auftauchen.

Die vorgestellten Ergebnisse verdeutlichen, was gerade ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern um Eline Lorenzen und Eske Willerslev (Universität Kopenhagen) ermittelt hat: Sie gehen der grundsätzlichen Frage nach dem Aussterben der „Megafauna“ am Ende der Eiszeit nach. Dabei beantworten sie demnächst im Fachmagazin „Nature“ die Frage, ob das Klima oder der Mensch für das Aussterben der Großtierfauna verantwortlich ist. So stirbt beispielsweise das Wildpferd in Amerika bereits vor der Ausbreitung des Menschen aufgrund von Klimaveränderungen aus, während sein Schicksal in Europa durch den Menschen und die Konkurrenz zu den Hauspferden besiegelt wird.

Link zur Onlineversion:
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/jqs.1509/abstract
Kontakt:
PD Dr. habil. Robert Sommer
Institut für Natur- und Ressourcenschutz – Abteilung Landschaftsökologie
Tel. 0431/880-1106
rsommer@ecology.uni-kiel.de

Dr. Boris Pawlowski | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kiel.de/aktuell/pm/2011/2011-163-wildpferde.shtml

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde
23.01.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Neues Forschungsspecial zu Meeren, Ozeanen und Gewässern
18.01.2017 | Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie