Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Waldschutz allein reicht nicht: Emissionen aus veränderter Landnutzung

18.11.2014

Weltweiter Waldschutz allein, gedacht als Mittel gegen den Klimawandel, birgt ein bislang unterschätztes Risiko. Um den immer weiter wachsenden Hunger nach Anbauflächen zu stillen, könnten Felder statt in Wälder verstärkt in Savannen oder Buschland hinein ausgeweitet werden – und die veränderte Landnutzung würde erhebliche Mengen von Treibhausgasen freisetzen, wie eine neue Studie zeigt. Schutzprogramme müssten daher die ganze Bandbreite von Landtypen erfassen, um die globale Erwärmung wirkungsvoll zu begrenzen, so das Ergebnis von umfassenden Computersimulationen.

Um eine Beschränkung der Landnutzung auszugleichen, ist für größere Erträge die Intensivierung der Landwirtschaft wichtig.

„Der Schutz von Wäldern ist wichtig, aber er allein genügt nicht, um die Treibhausgase aus Landnutzungsänderungen wirklich stark zu verringern“, sagt Alexander Popp vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Leit-Autor der in Nature Climate Change veröffentlichten Untersuchung.

Rund ein Zehntel aller vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen stammen aus Landnutzungsänderungen – vor allem aus der Umwandlung tropischer Wälder in landwirtschaftliche Flächen, weil die Wälder in ihrer üppigen Pflanzendecke und den unberührten Böden viel mehr Kohlenstoff speichern, als dies bei Äckern der Fall ist. Mechanismen zur Verringerung von Emissionen aus dem Roden von Wäldern werden daher vielfach diskutiert.

Die größte Herausforderung dabei: Die Freisetzung von Treibhausgasen soll wirklich verringert werden, nicht einfach nur verlagert. Ein umfassendes weltweites Programm zum Schutz der Wälder würde 77 Milliarden Tonnen CO2-Ausstoß bis 2100 einsparen; zugleich würde es aber die Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen in Gebiete ohne Bewaldung anstoßen, was laut der Studie zu einer Freisetzung von 96 Milliarden Tonnen CO2 führen könnte.

„Ohne zusätzliche Maßnahmen könnte der Schutz von Wäldern eine neue Form der Emissionsverlagerung bewirken“, erklärt Popp. Dieser als Carbon Leakage bekannte Effekt besteht normalerweise in einer möglichen Verschiebung des Ausstoßes von Treibhausgasen aus einem Land in ein anderes. Im Falle von Programmen zum Waldschutz könnte sich die Freisetzung von CO2 in anderer Weise verschieben: Von den Wäldern hin zu anderen Vegetationstypen.

***Eines der Schlüsselthemen des Weltklimagipfels in Lima***

Das Wissenschaftlerteam untersuchte die möglichen Auswirkungen des gegenwärtig diskutierten REDD-Programms (Reduced Emissions from Deforestation and Degradation) – dieses ist ein wesentlicher Bestandteil der aktuellen UN-Verhandlungen über ein globales Klima-Abkommen. REDD konzentriert sich ausschließlich auf den Schutz von Wäldern. Die Studie verglich ein REDD-Szenario mit einem Szenario ohne Waldschutz-Maßnahmen, und mit Simulationen mit internationalen Schutzmaßnahmen, die auch andere Landtypen und Ökosysteme umfassen.

„Die Ergebnisse zeigen, dass der größte Nutzen für die Begrenzung des Klimawandels erreicht werden könnte, wenn alle Länder sich an einem Schutzprogramm beteiligen, das Wälder ebenso umfasst wie andere Flächen mit einem hohen Kohlenstoffgehalt - etwa Feuchtsavannen“, so Popp. Umfasssende Schutzprogramme könnten auch zusätzlichen Nutzen für die Umwelt bringen: Eine Verringerung von Landnutzungsänderungen würde etwa auch zur Erhaltung der Artenvielfalt beitragen.“

***Auswirkungen auf Lebensmittelpreise müssen im Blick bleiben***

Allerdings könnten solche umfassenden Schutzpgrogramme als arg optimistisch betrachtet werden, gerade angesichts des langsamen Fortschritts in den jüngsten Klima-Verhandlungen, so Ko-Autor Hermann Lotze-Campen, der zugleich Leiter des PIK-Forschungsbereichs Klimawirkung und Vulnerabilität ist. „Realistischer wäre, sich auf diejenigen Ökosysteme jenseits der Wälder zu konzentrieren, die einen besonders hohen Kohlenstoffgehalt und eine hohe Artenvielfalt aufweisen“, so Lotze-Campen. „Das würde auch bedeuten, Strukturen zur Finanzierung von Schutzmaßnahmen für die nicht von REDD erfassten Ökosysteme aufzubauen.“

Um eine geringere Verfügbarkeit von zusätzlichen landwirtschaftlichen Flächen auszugleichen, die Folge eines stärkeren Schutzes von Wäldern und anderen Ökosystemen wäre, ist laut der Studie eine Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität erforderlich. Der Wettbewerb um Land und seine Auswirkungen auf die Produktionskosten der Bauern und letztlich auf die Lebensmittelpreise müssen abgewogen werden gegen die positiven Effekte der CO2-Reduktion durch die Schutzprogramme. „Die zentrale Herausforderung für nachhaltige Entwicklung ist“, so Lotze-Campen, „dass beides gelingt: Die natürlichen Lebensräume zu erhalten und zugleich die landwirtschaftliche Produktion zu steigern.“

Artikel: Popp, A., Humpenöder, F., Weindl, I., Bodirsky, B.L., Bonsch, M., Lotze-Campen, H., Müller, C., Biewald, A., Rolinski, S., Stevanovic, M., Dietrich, J.P. (2014): Land-use protection for climate change mitigation. Nature Climate Change (Advance Online Publication) [DOI: 10.1038/NCLIMATE2444]

Weblink zum Artikel, sobald er veröffentlicht ist: http://dx.doi.org/10.1038/nclimate2444

Kontakt für weitere Informationen:
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Pressestelle
Telefon: +49 (0)331 288 2507
E-Mail: presse@pik-potsdam.de
Twitter: @PIK_Klima


Weitere Informationen:

http://dx.doi.org/10.1038/nclimate2444  - Weblink zum Artikel, sobald er veröffentlicht ist

Jonas Viering | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Klimawandel schwächt tropische Windsysteme
20.10.2017 | MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen

nachricht An der Wurzel des Amazonas: Bodentiefe bestimmt Vegetationstyp
20.10.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise